Züruck

Modernes Sportklettern und seine Spielformen – ein kleines Einmaleins

Dirk Uhlig in einer 8a+ in Siurana
Kein Berg und trotzdem eine Herausforderung. Das mag nicht jeder Laie verstehen.

„Aha, du kletterst! Auf was für hohen Bergen warst du denn schon?“. Vielleicht kann der Typ mit der Bouldermatte auf dem Rücken gar nicht mehr Gipfel aufzählen als der Fragesteller, ganz davon zu schweigen, dass er schon auf einem davon war. „Na dann bist du ja gar kein richtiger Kletterer!“. Doof, was sagt der arme Kerl, der zwar seit Jahren dem Sportklettern frönt, aber noch nie mehr als eine Seillänge geklettert ist, denn jetzt da, um nicht als unterdurchschnittlich begabter Wanderer da zu stehen? Er wird wohl versuchen, dem Laien den Gegenstand näher zu bringen. Nur wie?

Ziele des Sportkletterns

Das wichtigste zuerst: Es kommt nicht darauf an, auf einen Gipfel zu gelangen! Es kommt auch nicht darauf an, irgendwie an das Ende einer Wand zu gelangen! Und erst recht kommt es nicht auf die Zeit an! Eigentlich sind Herausforderungen auch selten hohe Wände, eher steil und abweisend sind sie. Und manchmal sogar ganz klein. Nur ein paar Meter. Und diese gilt es dann nicht irgendwie zu besteigen, sondern nur mit den am Fels vorhandenen Strukturen – natürlichen Griffen und Tritten. Der ganze Rest – das Seil, die Haken und Karabiner sind nur zu Sicherung da. Sobald diese belastet werden, ist es vorbei mit der sauberen Begehung. Selbst wenn man danach noch oben ankommt. Das Ziel ist also viel mehr Sport als Gipfelabenteuer und möglichst schwer soll die Aufgabe sein und nicht möglichst gefährlich.

Spielformen des Sportkletterns – von klein nach groß

Das Bouldern: Der Boulderer hat nur seine Kletterschuhe, seinen Magnesiumbeutel und vielleicht eine Bouldermatte zur Verfügung, um auf einen normalerweise zwischen drei und sechs Meter hohen Felsblock (engl. „Boulder“) zu klettern. Da es meistens verschieden schwere Wege gibt, auf einen solchen Block zu gelangen, ist es essentiell über welche Linie dies bewerkstelligt wird. So kann ein Block auf der einen Seite selbst für einen Wanderer besteigbar sein, da er z.B. sehr flach ist, auf der anderen Seite könnte er allerdings stark überhängen und der Fels wenig strukturiert sein, so dass dies vielleicht der schwerste „Boulder“ der Welt ist. Die Linie (definiert durch Start und Ende – genannt „Boulder“) und ihre Schwierigkeit sind also entscheidend. Boulder haben oft Namen und normalerweise Bewertungen, die sie beschreiben. Die Schwierigkeitsskala beim Bouldern erstreckt sich von Fb1a bis Fb8c+, wobei jede Zahl durch a, b oder c und jeder Buchstabe optional durch ein + differenziert wird. Fb8a ist also leichter als Fb8a+ und dies wiederum leichter als Fb8b… Das „Fb“ steht für Fontainebleau, einem Bouldergebiet südlich von Paris, das als Wiege dieses Sports bezeichnet werden kann. Geht der Boulder nicht nach oben, sondern traversiert einen Block oder eine Wand, dann wird in z.B. Fb8a trav bewertet. Leider eher unlogisch ist, dass eine Fb8a trav so schwer wie ein Fb7c+ (bloc) und so schwer wie eine (ohne Fb!) 8a+/8b Route ist. Das Fb grenzt Boulderbewertungen von Routenbewertungen ab und das trav Traversen von klassischen Bouldern. Die sehr ungenaue (da häufig aufgrund der sehr unterschiedlichen Längen schlecht zu vergleichende) Übersetzung lautet in etwa: Fb… (bloc) + 1“+“ (halber Grad) = Fb… trav, sowie Fb… trav + 1,5“+“ = Routenbewertung. Ergo: Fb… (bloc) + 2,5“+“ = Routenbewertung.

Das Routenklettern: Der Routenkletterer hat nun neben Schuhen und Magnesium, einen Klettergurt, ein Seil, Expressschlingen, sowie ein Sicherungsgerät. Damit versucht er, durch seinen Partner gesichert, eine von Bohrhaken (zur Sicherung im Fels verankert) definierte Linie an einer Felswand empor zu steigen. Eine Route ist also jenes Stück Fels, von dem aus man noch in alle Haken das Seil einhängen kann (also in der Regel die zwei Meter auf jeder Seite der gedachten Linie aus Bohrhaken). Zu Ende ist die Route an einer Umlenkung. Diese muss nicht am Ende der Wand sein und ist meistens zwischen zehn und 50 Meter über dem Boden. Es ist das Ziel, alles zur Sicherung benötigte Material (Seil, Haken, Expressschlingen) während der kompletten Kletterstrecke nicht zu belasten, also nicht zu stürzen, sich nicht an einer Expressschlinge festzuhalten und nicht im Seil hängend auszuruhen. Dann gilt die Route als „durchgestiegen“ (rotpunkt geklettert – siehe Stile). Wieder einmal ist es also nicht wichtig irgendwie oben anzukommen, sondern die z.B. 30 Meter Fels nur Mittels der natürlichen Struktur, aus der sich Griffe und Tritte ergeben, ohne Sturz zu durchklettern. Dies kann unterschiedlich schwer sein (je nach Länge der Route, Steilheit, Größe der Griffe und Tritte…) und wird wie beim Bouldern mit Zahlen, Buchstaben und Pluszeichen bewertet (bzw. mit anderen Bewertungssystemen – siehe Skalen). Die französische Skala, welche am weitesten verbreitet ist, geht von 1a bis derzeit 9b (ein durchschnittlich sportlicher Mensch müsste an seinem ersten Klettertag nicht bei 1a beginnen, was sehr einfach ist, sondern könnte vermutlich ca. 5a durchsteigen) . Die Skala ist nach oben offen, in Zukunft wird es also 9c geben und irgendwann den 10ten Grad. Eine 8c-Route ist allerdings wie erwähnt leichter als ein Fb8c-Boulder, die Skalen lassen sich nach oben erläutertem Prinzip ungefähr vergleichen.

Alpines Sportklettern: Hier ist es die Aufgabe nicht nur eine Seillänge wie beim Sportklettern durchzusteigen, sondern in einer großen Wand eine ganze Reihe davon zu bewältigen. Dabei gelten die gleichen Regeln wie beim normalen Sportklettern, außer dass alle Seillängen innerhalb von 24 Stunden durchgestiegen werden müssen. Zwar darf man in einer Seillänge fallen, dann muss man sie aber erneut von unten versuchen, bis sie schließlich gelingt. Selbstverständlich ist es schwerer eine alpine Sportkletterroute, die aus acht Seillängen im Grad 7b besteht, zu klettern, als eine Sportkletterroute (mit nur einer Seillänge) im Grad 7b, bei der man vom Boden aus startet. Auf diese Weise werden Wände bis zu knapp 1000 Meter Höhe mit bis zu 30 Seillängen geklettert. Diese Spielform trifft wohl am ehesten das Bild des Laien von einem „Kletterer“.

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