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Rawyl - Hommage an den griffigsten Kalk der Nordalpen

 

2 Fragen an…:

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 Aude

Aude Fornier, Jahrgang: 1987, Wohnort: Nendaz (Wallis), Beruf: Physiotherapeutin

Ich hatte sie per SMS noch gebeten farbige Kleider mitzubringen, jetzt kommt sie in ihrem Fiat mit Plastiküberzug und gar nicht bunten Sachen an. Als ich nachher über ihr im Seil hänge, muss ich sagen: passt wunderbar. Und eigentlich ist die Kleidung bei ihr ohnehin nicht besonders wichtig. Eher versuche ich ihr während der Session irgendwelchen Unfug zu erzählen, der sie zum Lachen bringt. Obwohl sich

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 Aude Fournier in einer Henkel-6c ;) im Sektor Virus.

das auf einem Kletterfoto nicht immer gut macht, ist ihr Lachen etwas Besonderes.  Doch fällt ihr es heute leider nicht immer leicht, da sie die letzten Wochen wenig Fels angefasst hat. Wahrscheinlich war sie häufiger Bouldern, was ohnehin ihre Spezialität ist. Die Hakenabstände scheinen ihr auf jeden Fall nicht zu behagen. Kurz nachher aber schnappe ich auf, dass sie jüngst von den hohen Gipfeln gepackt wurde.  Also doch nicht Bouldern?

Kommt die Wende zum Bergsteigen daher, dass du deinem Freund gefallen willst, oder wandelt sich deine Leidenschaft?

Wie du sagst, nahmen bisher ja immer Sportklettern und Bouldern fast alle meine freien Tage ein. Seit einiger Zeit habe ich nun das Bergsteigen entdeckt, und ich muss sagen, das Ambiente da oben ist wirklich abgefahren. Die Atmosphäre ist ganz anders als beim Sportklettern, viel wilder und härter. Letzteres reizt mich immer noch genauso, aber ich sehe es jetzt mehr als Spiel und als Training für Größeres. Klettern bleibt natürlich eine Leidenschaft, man könnte jedoch sagen, dass sie dabei ist sich einen größeren Rahmen zu suchen.

Man muss dann also sagen, dass es deutlich gefährlicher ist, einen Bergsteiger als Freund zu haben als einen Kletterer?

Das Klettern ist ja relativ sicher. Man muss halt in allen seinen Handlungen systematisch kontrolliert vorgehen. In den Bergen erwarten da einen schon ganz andere Gefahren, und man sollte definitiv über mehr Erfahrung verfügen. Man hört ja eher selten von Kletterunfällen, von Vorfällen in den Bergen dagegen sie ganze Zeit. Folglich ist es wahrscheinlicher, dass dein Freund einen Unfall in den Bergen hat, als wenn er Klettern geht. Aber wenn man einmal vom Bergsteigen gekostet hat, ist es schwierig, es wieder loszulassen. Es muss da oben unbekannte Stoffe geben, die abhängig machen, vielleicht der Mangel an Sauerstoff :).

 

 

Tagebuch - Die fehlenden Einträge

12. Juli 2010, Rawyl

Startspaziergang

In der Schweiz herrscht Sommer. Massiver Sommer. Vor allem im Walliser Rhonetal, der wahren Sonnenstube der Schweiz, durch das wir gerade fahren. Wolkentürme über den 4000ern, 35 Grad im Schatten, Touristenkennzeichen um uns herum auf der Autobahn. Das Ziel: die hoffentlich etwas frischeren Höhen des Rawyl. Größter Sportkletterspot der Region, zu beklettern zwischen Mai und November, steiler und weniger steiler Kalk mit gut 250 Routen in allen Graden. Der erste Halt auf unserer 12-monatigen Reise durch die schönsten Klettergebiete Europas.

Ich weiß bereits aus einigen früheren Besuchen, wie schön Landschaft und Routen dort oben sind, heute lässt aber der spezielle Sommerfaktor unser Ziel besonders verlockend erscheinen. Das fallende Thermometer. In Sion fahren wir ab, der Straße erst Richtung Ayent folgend, und dann hinauf zur Barrage de Zeuzier im Rawyl. Begleitet von netten, aber stark touristisch geprägten Bergdörfern unterschreiten wir zunächst die 30 Grad, dann die 25, und nachdem wir den abschließenden Tunnel zum Stausee gefüllten Talkessel durchquert haben, sogar fast noch die 20 Grad. Dazu weht ein frischer Wind vom Wasser her und es strahlt ein zackiges Bergrondell mit Gipfeln bis zu 3000 Metern Höhe. Eindeutige Dominanz der Farben Grün und Grau. Und darüber Weiß und Blau. Ein kleines Bergrestaurant und ein Kraftwerksgebäude balancieren auf dem Damm zwischen tiefem Türkis auf der Bergseite und gähnender Leere gen Tal. Die 12 Sportklettersektoren des Rawyl bilden zusammen mit der imposanten Staumauer das Halbrund unterhalb des Lac de Zeuzier. Felsen, die nach West, Süd und Ost blicken, bis zu 100 Meter hoch, grau und orange, überhängend und plattig. Ein einziger großer Spielplatz.

Die aufspringenden Autotüren geben uns frei für eine erste Runde durch die Sektoren. Zunächst die jetzt am Nachmittag sonnengefluteten Süd- und Westwände von „Virus“ und „Vaszaret“, mehr grau als orange, mehr fünfter und sechster Franzosengrad als siebter und achter. Lange, manchmal etwas sportlich abgesicherte Routen auf sehr gutem Fels im „Virus“, kürzere nach Höhe und Hakenabständen im Sektor „Vaszeret“. Zweimal sonniges Plaisir für alle, die es lieber moderat mögen.

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Der Stausee zu Rawyl.  Katja Barrueto in Allah Akbar (7a) im Sektor M12.

Für alle, die es weniger „soft“ mögen, haben sich bereits beim Abstieg zu „Virus“ rechterhand mit jedem Schritt höher die Klippen der südostseitigen „Cry Baby“ und „Paradis“ aufgetürmt. Hoch betitelt mit siebtem, achtem und sogar einem neunten Grad gilt es hier gut 20 (Cry Baby) und über 30 Meter (Paradis) dranzubleiben. Vor allem die überhängende Platte in Paradis, quer gebändert und stark exponiert, beeindruckt uns. Mir wurde rasch klar: bevor die Kingline des Sektors „Cabane au Canada“, 2009 von Lionel Clerc erstbegangen, mit 9a bewertet und  noch nicht wiederholt, nicht in meinem Routensäckchen sein würde, würden wir dieses Felsenrund inmitten der Walliser Berge wohl nicht verlassen.

Bleibt uns noch der einzige etwas längere Abstieg zu den Nordostsektoren „Nuit grave“, „Pils“ und „M12“. In 15 Minuten ist man trotzdem unten und findet sich erneut auf einer von horizontalen Bändern geprägten, vertikalen bis überhängenden Spielwiese wieder. Dank guter Absicherung und breitem Routenspektrum spielen sich hier Cracks neben Plaisiristen, und Plattenjunkies neben Marathonläufern. Highend-Klassiker ist hier eindeutig „Disneyland“, 8b, das statt mit einer Kette mit einem Sprung an eine Kuhglocke und anschließendem Abgang zwischen die Bäume endet. Bezeichnenderweise finden sich nur wenige Meter daneben einige schöne Routen im sechsten Franzosengrad.

Die erste Runde durch die Felsen ist zu Ende. Die Tage sind noch lang, es bleibt genug Zeit für ein paar Routen. Wie wär’s mit „Paradis“, die 9a da sieht doch super aus, oder?

Johannes Lüft, passion verticale 
 Nur weiterleben ist schöner! - Johannes stirbt sich einen Schwan ab in Allo Houston! (8a+) im Sektor Cry Baby.

 

14. Juli 2010, Rawyl

Tage wie dieser

Ich sitze unter einer grünblauen Plane im ausgehenden Licht eines Tages in Rawyl. Entfernt ist noch  das Grollen des abziehenden Gewitters zu hören. Im Grunde könnten wir die Plane aber auch wieder abbauen, dann würden wir  mehr zu sehen bekommen von der Szenerie, die Wind und Regen hier oben hinterlassen haben. Wir sähen die grau melierten Wolken über dem ebenfalls grau gescheckten Fels oben über dem Stausee, wo die Vegetation sich zurück zu ziehen beginnt in geschützte Mulden und sonnige Nischen, die von hier unten nicht mehr zu erkennen sind.  Sie lassen die Landschaft da oben über dem türkisfarbenen Wasser des Sees unbelebt aussehen. Und grau vor lauter Felsen und ein wenig weiß vom abschmelzenden Schnee. Aber sie fügt sich farblich gut zusammen mit dem Grau der Wolken darüber. Und auf der anderen Seite könnten wir über das Rhonetal hinweg die hohen Gipfel der Walliser Alpen sich wandeln sehen im Spiel von Licht und Schatten, das die abziehende Sonne und die untergehenden Gewitter auf ihren weißen Gletscherflanken hinterlassen. Doch von all dem können wir hier nichts sehen, denn dazwischen haben wir ja diese grüne Plane gespannt, die uns eine ungesunde Farbe ins Gesicht wirft.

Am zweiten Tag in Rawyl und damit unserer Reise überhaupt war es anfangs warm, ja heiß. Selbst hier oben auf knapp 2000 Metern ist die Hitze grenzwertig. Unten im Rhonetal, das die Walliser „Plaine“ nennen (obwohl sich nur ein Bergbewohner eine Talsohle von wenigen Kilometern Breite als Ebene vorstellen kann) ist es unerträglich heiß. Deswegen also die Gewitter, deshalb aber auch das Badewetter auf knapp 2000 Metern. Auch wenn der See nicht zu den wärmsten zählt, war das Bad in ihm sehr erfrischend. Im Nu spülte es den Salzfilm auf der Haut weg. Und wenn ich es genau überlege, dann war das fast schon der ganze Tagesinhalt: Das Frühstück zwischen den Blumen, ohne T-Shirt und bereits im Schatten, der Aufenthalt am See  im angenehm erfrischenden Wind, das kleine Wetterkino mit anschließendem Kochen und Essen in der Gruppe. Eigentlich hatte ich mehr vorgehabt,  aber es hat mich anscheinend schon jetzt der typische  Ruhetagsrhythmus eingeholt, der da so geht: Wenn ein Tag so schön ist wie heute, dann sieh, fühl und leb dich an ihm satt. Aber bitte vergiss all diese schweren Gedanken an die mögliche Produktivität, die ihm innewohnen könnten!

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 Alpinismus für Sportkletterer – von den knapp unter 3000m des Sex des Molettes blickt man auf die über 4000m des Zinalrothorns.

 

24. Juli 2010

Durchstieg!

Im aberwitzigen Ambiente einer abgezogenen Kaltfront mit selbst im Rawyl allerorts nassen Flecken auf der Wand, gelingt mir der Rotpunkt von Cabane au Canada im 19. Versuch, auch wenn die Ausstiegsmeter noch einem Wasserfall glichen. Die größte Ausdauerleistung der letzten Jahre und zudem eine unglaubliche Linie. Bereits einige Tage vor der geplanten Abreise ist mein größtes Ziel also in der Tasche!

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 Steil und trotzdem moderat - Edouard Overney in einer Route im sechsten Franzosengrad im Sektor Virus.

 

27. Juli 2010:

Abgezählt

Unsere Tage in Rawyl zählen sich langsam ab. Fast alles, was fotografiert werden wollte, ist fotografiert, und zumindest für meinen Part habe ich schon weit mehr geklettert, als ich vorhatte. Gestern konnte ich noch eine 8b im dritten Versuch und ein 8a+ im Flash punkten.

Blicke ich auf das zurück, was  für mich das Rawyl in den letzten 2 Wochen geworden ist, dann ergibt sich ein zwiespältiges Bild. Der eine Teil ist heiß, blau, sonnenüberflutet auf seiner Wetterseite, still, grün und blumenübersät auf seiner Lagerplatzseite und hautfressend, formarm und gripfrei auf seiner sportlichen Seite. Der andere Part ist kalt, windig und wolkenreich, unruhig, touristisch und asphaltbestimmt. Aber auch ichbezogen und formstark. Diese Zweiteilung wurde nach der Hälfte der Zeit durch den Einmarsch der Kühe und der Polizei auf unserem ersten Lagerplatz über den Sektoren „Cry Baby“ und „Paradis“ bedingt. Sie ließen uns auf den wassertechnisch besser gelegenen, aber touristischeren Staudammparkplatz umziehen. Das Wetter trieb einen tiefen Keil in die Mitte unseres Aufenthalts. Es bescherte uns mindestens 10 Grad weniger, schnelle Wolken, aber auch perfekte Sportkletterbedingungen in der zweiten Hälfte. Beide Seiten haben eindeutig ihre Reize. Lieber ist es mir klettertechnisch in dieser Reihenfolge, denn so lässt sich in der letzten Runde die Formkarte spielen. Es gibt da aber auch noch andere Blickwinkel. Anfangs war die gnadenlose Julisonne, die einen wirklich schwindelig strahlte, in der zweiten Hälfte dann die Phantasielosigkeit in den Blicken der Touristen, die so taten, als seien sie Zoobesucher und wir (und nicht das Restaurant) die wilden Tiere. Für Portemonnaie und Auge ist das Lagern hier ohnehin die pure Lust. Wenn man keine gaffenden Blicke mag, sollte man einfach nicht auf dem Parkplatz lagern.

 Johannes Lüft, passion verticale, Variante du p´tit coeur, 8a+, rawyl, pirmin bertle
 Nur Durchsteigen ist schöner - Johannes nimmt in Variante du p´tit coeur (8a+) einen morgentlichen Abflug. Aber der Tag ist ja noch lang...