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Gastlosen - Sommer-König der guten Bedingungen

 

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 Ja, es gibt sogar Rissklettereien - Wie sie hier Adrian Stämpfli in Sourire au coin (7c+) angeht. Es gibt aber vor allem Loch- und Leistenklettereien, Vertikales, Plattiges und Überhängendes, Einseillängen und alpine Klassiker, Südseite- und Nordseite, Sonne und Schatten, über 1000 Seillängen. Und was gibt's denn eigentlich nicht?...

 

 

Tagebuch: Die fehlenden Einträge

 

8. August 2010

Schöne Quälereien

Eine Woche Gastlosen. Dasselbe Wetter. Blau und dann rot. Ohne Shirt in der letzten Sonne. Die ganze Woche? Nicht ganz. In den Gastlosen immer mal wieder anzutreffen ist der Winter im Sommer. So geschehen während der Woche. Weniger als 10 Grad am Oberbergpass, Wind, Wolken, nasse Schuhe vom Aufstieg durch regenschweres Gebüsch. Da hat es am Fels zwar guten Grip, aber man könnte sich auch einen Felsen im Tal suchen. Könnte man, kann man aber nicht, wenn man in zwei Wochen eine 9a klettern will. Denn nachdem ich die Umlenkung noch mal ein paar Meter über das Originalende gesetzt habe, hat sich gezeigt, dass das Ganze wohl an den neunten Grad heran reicht.

 

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 Morgenstimmung gegenüber - Bis die Sonne nachmittags um vier in die Wand kommt, hat der Fels noch jede Menge Zeit, seine Kühle zu bewahren.

 

Vor allem nachdem mir Tobias Wolf, der gestern hier eingetroffen ist, erzählt hat, dass die Original-8c, dort, wo heute ihre Schlüsselstelle ist, einst ihren besten Ruhepunkt hatte. Deshalb ist der untere Teil inzwischen ziemlich hart für 8c, neu hinzu gekommen dann ein Fb7b Boulder, ein schlechter Ruhepunkt und noch eine Fb7b+ Stelle bis zur neuen Kette. Schade ist nur, dass die Linie da noch nicht wirklich an ihrem logischen Ende ist. François Nicole hat sie nämlich vor ein paar Jahren noch weiter hinauf gebohrt, bis ins Flache hinein. Da würde ich auch gerne hin, im Weg steht aber leider ein – wirklich nur ein einziger – Zug, der sich naht- und ruhepunktlos an das Ende meiner 9a anschließt und aus der folgenden Passage einen mindestens Fb7c+ Boulder macht. Ich muss sagen mindestens, da ich diesen Zug gar nicht hinbekomme und die Passage also auch noch deutlich schwerer sein könnte.

Dieses Projekt muss ich demzufolge offen lassen. Doch eines Tages wird sich auch für die kompletten 40 und mindestens 9a+ schweren Meter von Torture physique ein Befreier finden.

 

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Pazifistenkletterei - Auf der Südseite sammelt sich die filigrane Abteilung, die nicht immer nur Anreißen will. Hier vertreten durch Jeanne Garnier in Gewaltlose Aktion (6a+).

 

18. August 2010

Ein Bettelmann am Berg des Reichtums

Heute könnte ich Himmelskörper-Betrachter sein. Ich könnte Vogelsucher sein. Ich könnte Sonnenanbeter sein. Ich könnte Windverfolger sein, ich könnte ein alter Wanderer sein, ein Plaisirkletterer oder ein Hobbybiologe. Ich könnte hier oben vieles sein, jedes für sich wäre mit spielender Leichtigkeit Kommensgrund genug. Und ich könnte das alles hier oben am Oberbergpass sein, auf 50 mal 50 Metern, zwischen diesen beiden hohen Wänden, den Bäumen und Blöcken.

 

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 Hüfte rein, Hüfte raus - Hannes nimmt eine Tanzstunde in einer der genialen Routen der Walseckspitze.

 

Es ist einer dieser Tage hier oben, an dem jeder, der auch nur ein ganz wenig Gespür besitzt für das Wunder des Lebens, aus dem Staunen nicht herauskommen will oder kann. Oder beides. Es ist ein Tag, so blau wie das Meer, so transparent wie Seidenpapier bis zur französischen Grenze im Jura, so glasklar wie das mäandrierende Wasser, das man am Zustieg kreuzt. Es ist einer der Tage, bei dem Sommer und Herbst sich in ihrer schönsten Kombination zusammen finden, aber mit der Kraft der Augustsonne von heute. Es ist ein Tag, an dem der Wind nicht weiß, ob er auf die Nord- oder die Südseite der Gastlosen will, und immer wieder hin- und herzieht. An den sich die hier im Norden seltenen Zirbelkiefern auf die Blöcke vor das immer weiter werdende Blau stellen. An dem über unseren Köpfen ein unbekannter Himmelskörper steht, hell in der Sonne blitzend, obgleich wohl hundert Kilometer über den höchsten Gipfeln der Gastlosen. An dem um diesen Punkt herum das Steinadlerpaar von der Dent du Savigny beständig kreist. An dem Dohlen sich mit Falken hauen und Casse noix mit Eichhörnchen. An dem selbst ich meinem Begleiter sage: „Wäre doch nett, heute um die ganze Gastlosenkette zu laufen". Ein Tag, an dem die großen Blöcke des Oberbergpasses mit ihren schönen leichten Routen in der Sonne locken und die großen steilen Wände mit ihren harten Linien im Schatten. Ein Tag, an dem ich vieles sein könnte. Und ein Tag, an dem ich mir sage, dass ich einmal wieder vieles sein werde, wenn ich groß bin und nicht nur immerzu die gleiche schwere Route probiere…

 

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 Qualitätssicherung - Alle paar Jahrtausende schickt Gaia einen Gutachter, der feststellen soll, ob der Kalk in den Gastlosen immer noch der härteste der Welt ist.

 

 

Die Bonusrubriken

 

Gastlosenhistorie:

Früh übt sich die Zunft

In fast allen der Gebiete, die wir auf unserer Reise besucht haben, wird vor hundert Jahren  niemand die Lust überkommen haben, in irgendeiner Technik die dortigen steilen Felswände zu erklimmen. Ganz anders in den Gastlosen. Diese Zähne aus härtestem Alpenkalk, die sich nackt und scheinbar unbezwingbar in das Blau des Himmels verbeißen, waren schon Anfang des 20. Jh. Projektionsfläche für Höhenfliegerträume. Allein  die Technik war damals noch ein wenig anders. Leitern galten als probates Mittel, um die abweisendsten Partien zu überwinden. Diese  hatten eine Länge von bis zu 15 Metern. Zum Teil mussten regelrechte Expeditionstrupps aufgestellt werden, um die sperrigen Holzgebilde an Ort und Stelle zu bringen. Freiklettern  war zu dieser Zeit noch  ein geradezu absurder Gedanke.

 

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Chamäleon - Die Gastlosen passen sich aber wirklich an jede persönliche Vorliebe an. Edouard Overney mag es in Cocain Corner (7a) wohl nicht so pumpig Auch ohne Doping reichlich verwirrt - Der Autor scheint in Doping (7b) nicht so recht zu wissen wohin.

 

Doch die Wende kündigte sich an. Auguste Bornet überwindet eine typische „Leiterpassage“ am Capucin frei und mittels Faustklemmtechnik. Es beginnt erstmals so etwas wie ine Art eines sehr „ausrüstungsschwachen Freikletterns“. Ab Mitte der 30er Jahre des 20. Jh. werden dann systematisch auch die über lange Strecken steile Wände bezwungen; so z.B. Grossturm und Lochgrat. An denen kommen auch heute ambitionierte Besucher nicht vorbei. Zwar suchte man noch nicht wie heute nach der schwersten Linien (eine in diesem nur leicht überhängenden Gelände durchaus schwierige Suche), sondern nach Schwachstellen. Die Linien durch Kamine, über Rampen und vorbei an wackeligen Steinhaufen sind an Kühnheit auch heute nur  schwer zu übertreffen. In Sachen Material konnte man inzwischen zumindest auf ein Mindestmaß an Sicherheit in Form verschiedener Haken, Karabiner und solider Seile zurückgreifen. Highlight dieser Epoche war die erste komplette Überschreitung der Kette durch die Seilschaft Wuilloud-Winkler. Letzterer ein früher Teil der Bersteigerdynastie Winkler, deren jüngster Sprössling Daniel sich im Kapitel über Charmey findet.

Dann  werden auch diese Wände  vom Technowahn erfasst. Vor allem zwischen 1960 und 1975 nagelte man sich auf der Suche nach der Direttissima die Wände hoch, und folgte dabei möglichst der direkten Falllinie vom Gipfel. Erlaubte Hilfsmittel waren ein umfangreiches Repertoires an Felshaken, Holzkeilen und Skyhooks; am Ende aber vor allem Bohrhaken, die nur wenige Zentimeter in mühsam von Hand gebohrte Löcher versenkt wurden. Sie hielten nur wenig mehr aus als das Körpergewicht  Zur Fortbewegung dienten im überhängenden Bereich häufig Trittleitern oder –schlingen. In den Gastlosen taucht in dieser Zeitspanne vor allem ein Name als Erschließer auf: Erhard Loretan, der dritte Bezwinger aller 8000er.

So haben die Gastlosen praktisch alle Epochen und Stile des Felserschließens gesehen. Die vorläufig letzte Epoche, die des freien Kletterns, prägt die Gastlosen mehr als jede andere. Das Highlight hierbei war die Erstbegehung von Torture physique (8c) durch Elie Chevieux im Jahr 1994. Er kürzte die Route um 5 Meter, weil sie  ihm wohl noch zu schwer erschien. Was mit der originalen Umlenkung schließlich passierte, steht in der Rubrik TopTour…

 

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 Dirko Marathona - Dirk Uhlig zeigt in der 70m langen Aquarius (8b) Spontanregressionen in ein früheres Leben als Trainingspartner von Nils Schuhmann.

 

Alternative Legende:

Das „Dahu“ (sprich: Daaüü)

Will man ein Dahu erlegen, so heißt es, so braucht man weder Flinte, noch Falle, noch Spieß. Es reicht seine Beute zu erschrecken, denn vor Schreck wird es die Laufrichtung wechseln.

Ja und? Wieso sollte man ein Tier erlegt haben, nur weil man es dazu gebracht hat, sich umzudrehen und zur anderen Seite zu davon zu laufen? Dazu muss man freilich das einzige wirklich bezeichnende Merkmal des Dahu kennen. Denn abgesehen von diesem Erkennungszeichen, ist man sich nicht wirklich einig, was genau das Dahu überhaupt ist. Manche sprechen von einem Bär oder Wolf, wieder andere von einem Steinbock und es existiert sogar die Version, beim Dahu handele es sich schlichtweg um ein Schaf. Gemeinsam haben diese Beschreibungen jedoch eines: Das Dahu – Rasse, Gattung und Klasse einmal dahingestellt – hat unterschiedlich lange Beine. Und zwar nicht wie z.B. beim Hasen zwischen sozusagen Vorder- und Hinterachse, sondern zwischen seinen Seiten. Rechts kurz, links lang bei den Männchen, Rechts lang, links kurz beim anderen Geschlecht. Oder auch umgekehrt. Es ändert nichts am Genderwesen des Dahu. Wieso diese Trennungen? Erstere, das versteht sich wohl von selbst, um besser am Hang laufen zu können und letztere vermutlich, um die Paarungszeiten zu regeln.

Denn Dahus laufen ihr Leben lang in derselben Richtung um denselben Berg (im Falle des 14km langen Gastlosenmassivs kommen sie so zumindest ein wenig herum) und begegnen dem anderen Geschlecht, das es anders herum tut, nur gelegentlich, idealerweise aber zur Paarungszeit. Und wenn man sie zwingt in Panik die Richtung zu wechseln, erleuchtet sich auch die Jagdmethode auf das Dahu.

Aber halt! Da war der Märchenonkel mal wieder eine Nummer zu prüde. Wie sieht das denn dann aus bei unserem halb Schaf, halb Luchs, halb Ziege, wenn es zur Begegnung am Berg kommt und der Nachwuchs gezeugt werden will. Ohne sich umzudrehen. Hier muss der legendäre Dahu also noch ein wenig nachgebessert werden. Wir auf jeden Fall behalten unsere Vorschläge gegen dieses Paradoxon lieber für uns…

 

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Nochmal die Kokainecke - Diesmal hat sich ein Ausdauerschweinchen hinein verirrt.