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Charmey - Home is where your heart is

 

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 Schwer Klettern ist Wintersport - Andy Winterleitner unterstreicht dies in Pure et dure (8b) vor ebenfalls winterlicher Gastlosenkulisse.

 

Die 12 Rubriken

Wir hatten uns gewünscht verschiedenste interessante Aspekte jedes Gebietes kurz und bündig vorzustellen. So dass sie sich ein bisschen so lesen, wie sich Bilder anschauen. Nur ein bisschen weniger schnell eben. Herausgekommen sind 12 in jedem der insgesamt 14 Kapitel wiederkehrende Elemente, die kleine Spotlights auf Flair, Leute, Klettern und Leben unserer Reiseziele werfen. Lokale Legenden und Rezepte, Interviews und Routenempfehlungen, besondere Pflanzen und Tiere oder das beste Café im Ort. Aber lest selbst! (Darunter findet ihr die Tagebucheinträge, doch dazu an Ort und Stelle mehr!).

 

 

1) Lokale Helden: Biotop Vallee des morts

Totgesagte Wundertümpel

Es gibt ganz in der Nähe der Felsen zu Charmey, am Fuße des Tals der Toten, einen ganz besonderen Ort. Er  sorgt für eine einzigartige Wasserqualität und besondere Fließeigenschaften für Pflanzen und Tiere, die darin leben. Der Ort ist so besonders, dass er besser totgeschwiegen werden sollte. Das jedenfalls ist die Meinung der Eingeweihten. Nur, wie soll Umweltbewusstsein und ein Sinn für Naturästhetik entstehen, wenn man den Menschen die kleinen Schönheiten unserer Welt vorenthält? Vielleicht per Fernsehbild? Dann kann zumindest niemand in den Tümpel treten…

 

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 Wasser, klar wie Klosbrühe - und hoffentlich auch noch ein bisschen klarer: Das Biotop Vallée des morts, unweit der Felsen.

 

Der Totgesagte auf jeden Fall führt das sauberste Wasser unter den langsam fließenden Gewässer der Schweiz, da seine Quelle durch einen Schotterkegel fließt und so das Wasser reinigt. Es ist so sauber, dass die Stadt Bulle dort ihr Trinkwasser entnimmt und Bachforellen und andere Fische aus der Jogne hinauf kommen, um dort zu laichen. Auch Fischreiher, Stockenten und Gänsesäger jagen im flachen Gewässer.

Leider darf man diesen Ort nicht nennen; da es sich aber wirklich lohnt, ihn zu besuchen, bleibt nur die Empfehlung, es den Forellen gleich zu tun, der Jogne flussaufwärts zu folgen und an gegebener Stelle, nicht weit von der Tribune, links abzubiegen. Und dann kann es sein, dass man sich in der Nähe des Totgesagten befindet. Allein jetzt, mitten im Winter, sieht man etwas weniger von der außergewöhnlichen Artenvielfalt. Nur die kahlen Bäume spiegeln sich im klaren, fast unbewegten Wasser.

 

 

2) Lokale Helden Tier:

Das fliegende Eichhörnchen 

Das fliegende Eichhörnchen von Charmey ist ein typischer Vertreter der heimischen Fauna. Also, mal abgesehen vom Fliegen. Es turnt durch den Mischwald, über Eschen und Fichten, Buchen und Tannen, frisst Nüsschen und Zapfen, Buchecker und dergleichen mehr. Und ist auch im frostigen Winter immer mal wieder anzutreffen, wenn es gerade seine Depots plündert. Aber das fliegende Eichhörnchen von Charmey ist vor allem ein tragischer Vertreter der heimischen Fauna. Hier seine Geschichte.

 

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 Hauptdarsteller daheim geblieben - Wir bekamen leider kein Eichhörnchen vor die Linse, aber in diesem Wald lebte es, bevor es von ungefähr dieser Höhe, in der sich Daniel Winkler gerade in Le Donjon de Naheulbeuk (9a) befindet, abstürzte.

 

Es wollte es uns Kletterern gleichtun, war technisch aber weniger gut ausgerüstet. Es baute sich ein Nest in einer wirklichen schönen, langen 7c namens „Aerophobie“, direkt vor der zweiten Crux in einem alten Vogelquartier. Und da es etwas schüchtern und schreckhaft war, sprintete es, sobald ein Kletterer von unten kam, die letzten 15 überhängenden Meter zum Wandkopf hoch. Mir nichts, dir nichts. Und immer etwas überhastet.

Doch eines Tages, da kam ein Kletterer von unten und ein anderer war schon schräg oberhalb in der Nachbarroute. Und da wählte sich das Tierchen einen neuen Weg für seine Free Solo Action. Durch eine plattige 8a. Das hätte es nicht tun sollen. Denn die Platte war zu glatt, das Eichhörnchen rutschte und fiel, fing sich aber erstaunlicherweise am unteren Ende der Platte. Allgemeines Aufatmen. Doch es hatte noch nicht genug und sprintete erneut hinein in die vertikale Platte. Und fiel erneut. Nur fing es sich jetzt nicht mehr und stürzte 30 Meter zu Boden, heftig wedelnd, als wollte es einen Ast greifen, wo keiner war. Oder eben fliegen…

Noch auf dem Weg ins Krankenhaus ist das arme, kleine Hörnchen verstorben. Bitte, nehmt euch ein Beispiel und ein Seil, oder klettert – wenn es schon free solo sein soll – nicht so überhastet.

 

 

3) Lager

In Extremis

Charmey im Januar ist extrem. Da brauchen wir uns nichts vormachen. Wenn sich im Tal ein Kaltluftteich gebildet hat, kann es nachts schon mal minus 15 Grad haben. Wir werden also nicht versuchen, diese Kälte irgendwie zu mildern. Denn wer um diese Jahreszeit hier klettert, der hat es so gewollt. Vielmehr werden wir dazu raten, die Abhärtung zu steigern! Schlaft draußen! Direkt oberhalb des Flusses im Tal, ein bisschen rechts des Parkplatzes, aber ausreichend weit von der Straße entfernt, gibt es einen kleinen Picknickplatz. Der hat einen Brunnen, ein Plumpsklo, eine Feuerstelle und ein paar Bänke. Dort ist es echt nett. Allerdings nicht weniger kalt.

 

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 Zu extrem für diese Schnecke - In Charmey zu biwakieren, hätte sie wohl auch lieber auf den Sommer verlegen sollen.

 

Sofern man die Nacht überlebt, ist man mit ein paar Schritten am Fluss, kann abspülen, oder, um das Erlebnis nochmal zu steigern, baden gehen. Den Wasserkontakt sollte man kurz halten, denn der Fluss friert wohl nur nicht zu, weil er schnell fließt. Wer das alles aushält, ist ein echter Mann. Für wen das nicht nach Urlaub klingt, der sollte besser in der Übergangsjahreszeit kommen, dann ist der beschriebene Platz netter und viel wärmer. Und alle Männlichkeitsrituale kann man sich sparen.  Daneben gibt es dann in der Umgebung eine Reihe offener Campings. Aber das ist dann halt nicht extrem.

 
 

4) Café

Höhlenelektro

Ja man könnte wirklich meinen, man sei in einem Café, wenn man durch die niedrige Tür die schmale Treppe in das Kellergewölbe herunter gestiegen ist. Tischgarnituren neben unverputzten Mauern, vermutlich aus dem 14. Jahrhundert. Aber man hört bald, dass dem nicht so ist. Man befindet sich vielmehr in einem Club. In der Altstadt von Fribourg, fast ganz unten an der Saane, und also in den beinahe ältesten Gebäuden der Stadt, Beziehungsweise in deren Keller. Die Türen sind 1,60m hoch, die Räume nicht viel höher. Die unverputzten Mauern bestehen aus dem lokalen weichen Sandstein. Zwischendrin ist ein Stück Berg, auch aus Sandstein. Und eben eine Tanzfläche, eine Bar mit großen Boxen. Dazu viel Elektro, aber auch Funk, Rock, Jazz…

 

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 Typisch gotisch - Nichts hat einen rechten Winkel und zu niedrig sind die Türen obendrein. Der Tanzkeller des Mouton noir bietet zum Glück genug Kopffreiheit (selbst für Pogo).

 

Und wenn man sich dann erst mal so richtig reingesteigert und getanzt hat, die Augen geschlossen und voll bei seinen Ohren, sich ganz in irgendeiner umgebauten Industrieanlage wähnend und den Blick dann doch mal schweifen lässt, dann muss man unweigerlich lächeln, denn man tanzt durch eine Sandsteinhöhle mit ein bisschen Kelleratmosphäre.

Und sollte man sich früh am Tag  statt auf seinen Tanzbeinen wirklich nur zu einem Kaffee bewegen können, dann ist im selben Haus das Café „Belvedere“ mit der wohl besten Aussicht über die Altstadt von Fribourg. Und dann kann man ja immer noch bleiben, bis des Nachts die DJs aufkreuzen.

 

 

5) Abgekocht

Fondue Moitié-Moitié 

Jeder kennt das Käse-Fondue als eine der urtümlichsten Schweizer Spezialitäten. Aber für von außen Kommende ist wohl nur schwer zu sagen, in welchem der vielen Kantone es denn nun erfunden wurde. Eine für uns Ausländer zwar unerhebliche Frage kann die Binnenschweizer Gefühle aber durchaus erhitzen. Bereits die Frage, welche der verschiedenen Varianten denn die originale ist, lässt sich nicht ohne weiteres beantworten. Das Greyerzer Land ist aber eine sehr gute Adresse, um seine Ursprünge zu recherchieren. Denn eine der wirklich üblichsten und vermutlich auch originalsten Varianten des Fondue ist das „moitié-moitié“ aus einem halben Teil Greyerzer und einem halben Teil Vacherin. Ersterer ist international bekannt, letzterer eine mildere Art, stammt aber ebenfalls aus dem Freiburger Land. Die Antwort also ist klar: die Freiburger haben das Fondue erfunden.

 

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 Das Original - Sind die Eidgenossen ohnehin schon im Ausland für ihre Original-Sprüche bekannt, tobt auch zwischen den Kantonen ein erbitterter Kampf um die Deutungshoheit, wo das Fondue wirklich herkommt. Wir haben es recherchiert: Aus Fribourg natürlich!

 

Das ist praktisch, wir können also die nötigen Zutaten – Käse, Weißwein, Stärke (Maizena), Kirsch, Knoblauch und Pfeffer – mehr oder weniger direkt beim Erzeuger erstehen. Dazu das Caquelot – der Fonduetopf – und ein Rechaud, sowie Brot oder Kartoffeln. Schon ist das Käse-Fast -Food vorbereitet. Das einzig Schwierige ist nun, den geraspelten Käse plus Weißwein und Kirschwasser so zum Schmelzen zu bringen, dass er weder klumpt noch sich zu sehr verflüssigt. Das Caquelot wird zuvor mit Knoblauch ausgerieben und der Rest hinein gegeben.

Ist alles sämig, wird es auf das Rechaud gestellt. Jeder bewaffnet sich nun mit einem Fonduespieß und tunkt sein Brot in den Käsetopf, dabei immer fleißig rührend, denn sonst hängt es an. Den heißen Käsespieß löscht man ebenfalls mit Wein und Kirsch. So hat man ein sehr mächtiges, schnell zubereitetes und wirklich originales Winterrezept für die zehrenden Klettertage in der Kälte. Die anstrengenden Routen in Charmey werden so um vieles leichter. Und alle, die nicht zu viel gelöscht haben, stehen am nächsten Tag garantiert „reloaded“ am Fels…

 
 

6) TopTour – Le donjon de Naheulbeuk, 9a

Hello darkness my old friend

„There’s no success than failure“. Fast schon banal für Dylan – hier in Love Minus Zero – aber natürlich trotzdem wahr. Was wäre denn die Botschaft, wenn ich diesen Gewaltakt der letzten Wochen hier in Charmey in meinem Endlosprojekt Le donjon de Naheulbeuk zuletzt wirklich mit einem Durchstieg gekrönt hätte? Obwohl ich die Boulderform nicht hatte, obwohl ich die Zeit nicht hatte und vor allem nicht die Ruhe. Die Botschaft wäre gewesen: du kannst alles erreichen, wenn du der Sache nur ordentlich in den Arsch trittst. Und dir selbst natürlich. Und das wäre ja ganz und gar unwahr. Nur weil ich ehrgeizig wie ein BWLer bin, erreiche ich doch lang nicht alles. Um im Rausch nachhaltiger, breit angelegter Zufriedenheit taumeln zu dürfen, zische ich mir zwischenrein immer einen schönen, herben Resignationscocktail. Der macht mich leicht und frei, klärt mir den Kopf, zeigt, was ich doch im Grunde bin. Ein Nichts. Aber wieder bereit für fast alles.

 

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Bitt're letzte Meter - Wenn man, im Gegensatz zum Autor, das Privileg hat, hier oben anzukommen, muss man wie Erstbegeher Daniel Winkler bei Meter 40 noch über einen 6C-Boulder.

 
Ich schreie es noch einmal laut heraus, meine echte Freude, über den vorerst letzten Versuch im Donjon. Bevor ich loslasse. Es war der beste gewesen in diesen drei Wochen in der Route, aber es fehlen doch noch vier Moves bis ans Ende der Schwierigkeiten. Es war wohl der insgesamt ca. 200. und bestimmt auch nicht der letzte. Aber warum freue ich mich? Ein bisschen Erfolg: der beste Versuch diesen Winter, aber trotzdem ein moderater Misserfolg: ich habe es mal wieder nicht geschafft. Nicht so schlimm, ich kenne das Gefühl in dieser Route. Ein ziemlicher massiver Misserfolg: Nach Monaten am Fels bin ich in den wirklich harten Routen (also jene nördlich der Alpen) schlechter denn je unterwegs, obwohl die Conditions perfekt waren. Man könnte sagen, ich hätte das Recht deprimiert zu sein. Ich schreie noch einmal, dann lasse ich los, finde mich einige Meter tiefer im Seil wieder. „Lass‘ mich ab!“. Ich lache es heraus.

Diese Route bin ich fürs erste los und auch gleich meine Form. Wie wunderbar! Ich kann wieder ganz von vorne anfangen. Denn ich mag keinen dauernden Erfolg, er korrumpiert. Ich komme sportlich gesehen aus einer ganz dunklen Vergangenheit, der Weg aus ihr heraus war einer der schönsten meines Lebens. Ich will immer wieder ein Stückchen davon gehen. Doch dafür muss ich immer erst ein bisschen ins Dunkel zurück. „There’s no success than failure“. Der Schritt ins Licht ist immer der schönste.

 

 

 

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 Die Crux des Donjon...

 7) 2 Fragen an Daniel Winkler:

Jahrgang: 1986, Wohnort: Fribourg/Lausanne, Beruf: Student Maschinenbauingenieur

 

Wir haben zwei deutsche Meister, einige klingende Namen, wahre Felsklettermaschinen. Wir haben fitte Jungs und Mädels in diesem Buch, hier aber haben wir den – meiner Meinung nach (*und nicht nur weil er den Donjon erstbegangen hat – siehe Tagebuch, TopTour) – fittesten, auch wenn in Deutschland nicht viele seinen Namen kennen: Daniel Winkler. Juniorenweltmeister 2005, Weltcupzweiter 2006 und auch bei seinen eher raren Felsausflügen stets ziemlich effizient. 8b+ regelmäßig an einem Nachmittag, auch 8c mal an einem Tag, oder in nur wenigen mehr und mit noch gut Luft nach oben, was den Fels angeht. Die Inkarnation der Maximalkraftausdauer. Schade nur: Daniel klettert kaum noch.

 

Warum?

Also zuerst einmal würde ich sagen, dass ich nicht alle Brücken zur Kletterszene abgebrochen habe. Ich arbeite immer noch von Zeit zu Zeit als Routenschrauber, besonders für Wettkämpfe. Ich mag es sehr, auf der anderen Seite des Geschehens zu stehen und so von den Erfahrungen aus meiner langen Zeit als aktiver Wettkämpfer zu profitieren. Auf der anderen Seite muss ich natürlich zugeben, weniger an unseren Freiburger Felsen aktiv zu sein. Das liegt wohl zu großen Teilen an einem Haufen Arbeit und meiner Ausbürgerung nach Lausanne zu Zwecken des Studiums.

Den Rest der Zeit opfere ich einer ganz neuen Aktivität: ich habe vor einigen Jahren mit dem Gleitschirmfliegen begonnen und das Problem ist, dass dort die gleichen Regeln wie beim Klettern gelten: wer besser werden will, muss 100% geben. Das alles soll aber nicht heißen, dass ich die Kletterschuhe komplett an den Nagel hängen will. Gerne würde ich wieder ein gewisses Niveau erreichen. Das Ziel wäre allerdings, es diesmal ein bisschen anders anzugehen und mehr von dem zu machen, zu dem ich früher weniger die Zeit hatte: Mehrseillängen, Routen erschließen, Reisen, usw. Alles zu seiner Zeit, und man wird sehen was kommt…

 

Man kann ohne Klettern also genauso glücklich werden wie mit? Wenn es so etwas gibt, was vermisst du am meisten?

Ich denke, man kann mit Klettern genauso glücklich werden wie ohne, vielleicht auf andere Weise. Die bewegenden Momente, die ich beim Klettern habe, sind immer solche, in denen man sieht, dass sich die Anstrengungen, die man unternommen hat, auszahlen. Das kann ein erfolgreicher Wettkampf, eine gepunktete Route, oder einfach eine Trainingsübung sein, die man zum ersten Mal schafft. Diese Erfahrungen macht man sicher nicht nur beim Klettern, aber die Tatsache, dass diese Welt mir gefällt und entspricht – ich rede von der Geisteshaltung der Kletterer und den Eindrücken des Sports an sich –, all diese Sachen haben dazu geführt, dass ich mich in meinem Element fühlte und zudem ganz natürlicherweise darin geblieben bin. Alles in allem ist es der Gesamteindruck, dar mir so zusagt, die Momente der Zufriedenheit, die Erlebnisse unter Freunden. Alle sind auf eine andere Art bereichernd, aber immer mit diesem gemeinsamen Nenner, diese Entwicklung in sich selbst, in einem Umfeld, das uns so am Herzen liegt…

Es ist klar, jetzt, wo ich weniger klettere, spielt sich all das in einer anderen Weise ab. Ich würde nicht sagen, dass mir das fehlt, aber auch das Gegenteil zu behaupten wäre falsch. Ich klettere immer noch gerne, finde aber genauso viel Erfüllung in anderen Dingen, mit denen ich mich beschäftige. Genauso werde ich es auch an Orten und in Aufgaben finden, die ich noch gar nicht kenne.

 

 

8) 2 Fragen an Adrian Stämpfli:

Jahrgang: 1984, Wohnort: Fribourg, Beruf: Geograph

Als ich Ädù (das ist komisch, das ist Senslerdütsch) vor vier Jahren das erste Mal an der Tribune sah, rang er gerade mit einer 7b+, heute ringt er mit 8b’s. Und ringt sie nieder. Ein echtes Urgestein dieses noch jungen Gebietes. Auf jedem Fall auf einem Podiumsplatz des Tage-an-der-Tribune-Wettbewerbs. Bei jedem Wetter am Start, bei jedem Wetter im Projekt, eine Felsklettermotivation wie ein Kreuzritter. Denn in Charmey muss man sich noch hochkämpfen in den 8. Grad, schließlich ist das Ortsschild nicht auf Spanisch. Bei einem so notorischen Wiederholungstäter kann man nur fragen...

 

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 Gute Sonnen kommen von hinten - Adrian bei seiner Hochwinterbegehung von La croix et la bannière, 8a+, Sektor La Tribune.

 

... warum genau ist Charmey das beste Klettergebiet der Welt? Und warum vor allem mitten im Winter?

Charmey ist das beste Klettergebiet der Welt, daran zweifelt kein halbwegs ambitionierter Jäger und Sammler von schweren und weniger schweren Sportkletterrouten, der sich zwischen dem Sensegraben und den Gastlosen die Finger lang zieht. Die Routenzahl ist überschaubar, meistens schwer und überwiegend steil. Die Fahrt vom Hub in Freiburg dauert etwas mehr als eine halbe Stunde, und so kann man auch noch mit einem halbwegs ruhigen Gewissen drei Mal die Woche zu den Projekten rasen. Wenn möglich im gefüllten Auto. Ökostyle eben!

Fühlen sich die Muskeln während des kurzen Zustiegs noch wie eine glatte, gleichmässige, prall gefüllte St. Galler Kalbsbratwurst an, macht Charmeys Prunkstück – die Tribune – in kürzester Zeit Hackfleisch aus dir. Dies bezieht sich nicht nur auf die Muskelfasern, sondern insbesondere auf die Fingerkuppen, die vom rauen Fels gelegentlich bis aufs Blut beansprucht werden. Hackfleisch isst sich ja bekanntlich gut mit Tomatensauce...

Charmey ist das beste Klettergebiet der Welt. Doch diese Welt ist klein, und kennt nur eine Jahreszeit: Winter. Während die meisten polysportiven Bergsportler im Januar ihre Tourenskier montieren und oft auch ohne Schnee partout nicht von ihrer Wahnvorstellung einer Powderabfahrt in den Voralpen abzubringen sind, treibt es uns monosportive Sportkletterer in das Charmey’sche Mikroklima. Am Talboden noch mit Daunenjacke, Mütze und Handschuhen bestückt, beginnt schon nach wenigen Metern das Défilé der Michelin-Männchen, bis wir schliesslich im T-Shirt (und oft auch ohne) auf der liebevoll hergerichteten Terrasse der Tribune stehen und unsere Köpfe drehen um nach oben zu sehen. Natürlich nicht um feststellen zu können, ob unsere Schlingen noch hängen, sondern um den teils meterlangen Eiszapfen bei akuter Gefahr mit einem Hechtsprung ausweichen zu können. Das präventive Herunterholen der Eiszapfen mit gezielten Steinwürfen hat sich übrigens an der Tribune zu einer beliebten Randsportart entwickelt, falls es mal ätzend kalt ist und wir eher vom Thermalbad in Charmey träumen als vom Hackfleisch. 

Im Sinne des vorherrschenden Biliingueismus am Fels wünsche ich allen Besuchern: Bonne grimpe!

 

 

9) Nachgefragt: Daniel Rebetez

Jahrgang: 1983, Wohnort: Fribourg, Beruf: Doktorand Geologie

 

Es ist bekannt, dass Daniel sich ungern als Haupterschließer Charmeys bezeichnet sieht und erst recht, wenn ein Journalist diese Leistung dann zudem als außergewöhnlich hervorhebt. Deshalb diesmal so: In den drei kleineren Sektoren Charmeys haben in zweien auch Andere mal was eingebohrt und auch von den knapp 100 Routen an der Tribune wurden sicher über 10 Spits von anderer Hände Arbeit versenkt. Er hat also fast alles selber gemacht, aber bitte: Nicht alles!

Erzähl doch kurz von deinem allerersten Besuch am Hauptsektor Charmeys, der Tribune!

Bereits seit einiger Zeit musste ich jedes Mal zu diesem Felsriegel da links oben hochschauen, wenn ich in die Gastlosen fuhr. Und jedes Mal sagte ich mir, da müsste doch eigentlich was einzurichten sein. Ein einem verregneten Tag bin ich dann also mit Bohrmaschine und ein paar Spits hoch zur Wand. Ich lief einfach in Falllinie den Hang hinauf, einen Weg gab es ja noch nicht, und kam direkt unterhalb von Carnet de voyage raus. Es war fast die einzige trockene Linie am ganzen Fels. Also ist es die erste Route der Tribune geworden und inzwischen auch einer der Klassiker in diesem Grad (7c, Anm. d. Red.).  Zuerst einmal war die schwerste Aufgabe jemanden zu finden, der motiviert war dort zu klettern. 


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Für Gefühle wie Stolz kommt man in der Schweiz bekanntlich ins Gefängnis ;) - Der Autor und viele andere finden trotzdem mächtig geil, was Daniel Rebetez in Charmey geschaffen hat.

 

Heute, ca. 6 Jahre später ist die Tribune zu einem fast vollendeten Werk angewachsen. Bist du stolz, auf das, was dort entstanden ist?

Nein, nicht wirklich stolz ; einfach zufrieden, dass es jetzt neue Möglichkeiten für die Kletterer der Region Fribourg gab sich auszutoben. Es sind natürlich nicht alle Touren absolute Schmuckstücke, aber ich ziehe es vor oft vor, eine ein wenig schönere Route zu klettern, als durch die halbe Schweiz zu fahren, um irgendwelche Ausnahmelinien zu klettern. Was bringt es 400km zu fahren, um dann 100 Felsmeter zu machen?

 

Zwischen dem Erschließen des ersten Sektors in Charmey, la Carrière, und dem jüngsten, la Tribune, ist einige Zeit ins Land gegangen. Was hat sich seitdem verändert?

Anfangs wurden die Sektoren hier eher als „Felsen für einen Nachmittag“ betrachtet, oder solche, an die man trainieren geht, weil sie ganz in der Nähe liegen. Man konnte sich nur schwer vorstellen, einen ganzen Tag am Wandfuß dieser Sektoren zu verbringen, und bevorzugte solche mit größerem Umfang. Es gibt aber trotzdem ganz tolle Linien auch in der Carrière, wie Skyscraper oder l’appel mécanique.  Heute kommt es nicht selten vor, dass Kletterer das ganze Wochenende kommen, um ein Projekt zu versuchen, das ein Ziel für sich ist, und keine Trainingsetappe für eine schwerer Route. So etwas freut mich!


In Charmey ist nicht gerade „Idiotenkletterei“ angesagt. Was sollte man können, wenn man in den schweren Routen hier antritt?

Sagen wir mal, dass sich das Gebiet nicht unbedingt hervorragend für Onsights eignet und die Bewertungen außerdem eher hart sind. Die Griffe sind selten leicht zu finden und häufig gilt es komplexe Passagen zu „entziffern“. Man sollte kreativ heran gehen, um ans Ziel zu kommen, nicht zögern alle möglichen Methoden auszuprobieren und sich auch schon mal ein bisschen „festbeißen“. Außerdem ist eine gewisse Vielseitigkeit angesagt. Harte Einzelstellen muss man mögen, aber auch über die nötige Maximalkraftausdauer verfügen, um sich auch im Durchstieg zu behaupten.

Einige einfacher gestrickte Kletterer, die nur ihre Ticklist auf dem Plan haben, sind da schon mal frustriert. Aber die finden dann auch stets ihre Entschuldigungen…


 
 Tricky Moves - Einfach geht's in Charmey selten. Wiederholer von Un procès aux étoiles (8b) sollten sich diesen Zug gleich mal genau von Daniel abschauen.

 

Es gibt heute bereits zwei 9a, wann wird es in Charmey die schwerste Route der Schweiz geben? Und taugt die Tribune dazu?

Es gibt noch einige offene Projekte, die mir ziemlich schwer erscheinen; schöne Herausforderungen für die Zukunft. Es wird also ganz darauf ankommen, welche Kletterer das Gebiet in den nächsten Jahren Besuchen werden. Aber ich bin überzeugt, dass die Projekte eines Tages befreit und weitere erschlossen werden. Und ich glaube, da müssen wir gar nicht so lange warten… (Eine absolut wahre Vermutung, Anm. d. Red.)


Seit eure neue Kletterhalle „Bloczone“ in Betrieb ist, was kann sich ein Kletterer in Fribourg jetzt noch überhaupt wünschen? 

Sinter in Hülle und Fülle und 40m reine Ausdauerrouten (lacht)! Und das Ganze mit Meerblick…

Aber es stimmt, dass in Sachen Infrastruktur und natürlichen Felsen einiges geboten ist. Umso schöner! Ich hoffe, dass sich das in das weiterhin stetig so entwickeln wird, immer mit einem respektvollen Blick, auf was bereits geschaffen wurde.

 

 

10) Routen-SMS

 

Le Piaf, 7b+

Charmey-Klassik komponiert aus unten strammer Steilheit und oben mehr komplexem Getänzele. Und nur gut Mut auf den letzten Metern, es hält mehr als es verspricht.

 

Le fruit du larcin, 7a

Des kleinen Diebstahl große Früchte. Wer die Technik überhängender Henkelverschneidungen beherrscht, dem winkt diese Perle aus dem sechsten Grad mir einer 7.

 

Inconnu à cette adresse, 6b+

Im rechtesten Eck der Tribune sind Sonne und Wärme zu Hause. Und technisch schöne Routen wie diese. Zur Freude von Sicherer und Kletterer gleichermaßen.

 

 
 Sieht anstrengend aus - Ist es aber eigentlich nicht so sehr. Jeanne Garnier zeigt, dass sich an der Tribune auch im sechsten Grad klettern lässt.

 

Microclimat, 6a

Nun gut, recht kurz, zudem ein wenig kräftig, aber mit vielen Haken, schönem Fels, und ganz oben an der Kette kommt man den schwersten Zügen einer 8c sehr nahe.

 

Silence on tourne 6c+

Das Eintrittstor zum siebten Grad, durch das sich jeder kämpfen muss. Danach hat man dann die Kraft, die Technik und die Cleverness, die er verlangt, der 7. Grad.

 

Aérophobie, 7c

Der Einstieg in die langen, schönen, schweren Touren. Der Grund für Charmeys  fünftem Stern. 35m von steil über technisch und knifflig. Eine Reise vorbei an der Sturzangst…

 

Carnet de voyage, 7c

Eine der ersten Routen am Fels und eine der letzten kletterbaren, wenn die Sintflut Einzug hält. Wie immer leistig, technisch, gut, aber ausgesprochen flach für Charmey.

 

La croix et la bannière, 8a+

Das obligate Kreuz in aller Routenbuch, die diesen Grad zu meistern fähig sind. Bombenfels mit Bombenlöchern und einem entschlüsselbaren Zwergentod am letzten Bauch.

 

Euphorie, 8a+

Oh, welche Freude angesichts einer so ausgewogenen Komposition aus unten Überhang, in der Mitte Wandgekratze, und oben steile Löcher. Ein Rausch von einer Route.

 

La sanction, 8b, 44m

Eine Megalinie aus Zeiten, da man sich ostwärts das Maul zerriss über zu weiche Grade in Charmey. Doch noch kein Berner wollte sich der Bestrafung unterziehen…

 

La preuve pas l’absurde, 8b

Doppelbock, -block, -boulder. Raffiniert wie ein Kartenspiel, mit steilen, harten Leistenzügen und einer Ruhepunktplatte dazwischen. Deshalb der Doppelblock.

 

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 Auch eine Empfehlung wert - Simone Jungo im Starboulder von Héros ou Martyrs (8a+)

 

La lutte des classes, 8b+

Alle, die es noch nicht können, gegen den kleinen Rest. Aber kann die ab-8b+ - Elite diesen Klassenkampf gewinnen? Sie muss in jedem Falle dynamisch bouldern können.

 

One way (to get it unraveled), 8c

Einst des Autoren erste 8c+, doch dann kam der Juniorenweltmeister Daniel und machte das Plus kaputt, weil er die bessere Methode fand. Was bleibt? Die 8c schlechthin.

 

Le Donjon de Naheulbeuk, 9a

Ausdauermaximalkraftschwein gesucht! Mit Geduld und guter Armspannweite. Mit Fingerkraft und GLA. Mit stabilen Sehnen, präziser Technik und einer unbeugsamen Seele…

 

La force du rapport, 9a

Man empfiehlt, was man liebt, auch wenn es niemand interessiert. Meine Top 3 für schöne Routen: Kleine Griffe, tricky Moves, Bombenfels. Auf 23 Zügen ohne einmal atmen…

 

 

 
 Schhneeschuhterrain

 

11) Ruhetag

Schneeschuhspuren in der Therme

So stellt man sich das vor: eingeschneite Wälder, Pulver und Kristalle überall. Manche fallen schon lautlos durch die klirrende Kälte, andere sitzen noch auf ihren hölzernen Thronen. Flüsse, zu Eis erstarrt, deren glucksende Seele nur noch zu erahnen ist. Nebel über der Tiefebene, eisiges Blau über scharfen, weißen Bergen. Dazu nichts. Kein Ton, nichts, das sich bewegen könnte. Nur eine Spur durch den tiefen Schnee. Und an dieser Stelle hat man sich keine Skispur vorzustellen, denn es sollen möglichst wenige Leser ausgeschlossen werden. Die Spur hat also eine Schneeschuhspur zu sein, denn das kann praktisch jeder, der laufen kann.

So stellt man sich das vor, an einem Ruhetag in dieser Art von Winterkletterferien. Naja, sofern das jemals jemand machen sollte. Aber selbst wenn nicht, auch anderswo macht Schneeschuhlaufen Spaß. Und Schneeschuhtouren kann man zu anderen Jahreszeiten ja auch meistens ohne Schnee und in normalen Schuhen machen.

Ja, so stellt man sich das vor. Und dann steht man am Parkplatz zur Tribune vor dem Schild für Schneeschuhpfade und blickt nach unten in den Schnee. Wenn man zu stark ausatmet, dann läuft man Gefahr, die 5cm Pulverschnee einfach blasend zu vertreiben. Das wird dann also nichts mit Schneeschuhgehen. Ich kenne diese Berge aber auch so und darf deshalb sagen: sollte jemand hier vorbei schneien, wenn zuvor auch Schnee vorbei geschneit war, dann sind die Touren in der Umgebung auf jeden Fall zu empfehlen. Wenig frequentiert, oft mit einem weiten Blick ins Flachland, vorbei an eingeschneiten Chalets oder grandiosen Kulissen, wie den Gastlosen oder dahinter vor den 4000ern der Berner Alpen. Und liest man die regionale Tourenliteratur, dann selbstverständlich in Kombination mit der Greyerzer Küche. Einem fetten Fondue zum Beispiel wie in unserer Rezeptrubrik hinterher.

 

 
 Des einen Freud, des anderen Leid - Skitourenspuren eignen sich natürlich hervorragend, um sie mit Schneeschuhen zu erweitern.

 

Und egal, ob man nun schneeschuhlaufen, wandern, gastronomieren oder klettern war, eines ist an allen kalten Tagen auf jeden Fall noch zu empfehlen: Die Thermen in Charmey. Schon von weitem dampfend sichtbar und zu noch erschwinglichen Preisen wartet die ultimative Entspannung auf abgekämpfte Kälteritter. Sauna, Bio, angezogen oder nackt, Hammam für Verrückte und Normale, heiße Becken draußen und drinnen, mit Sprudeln, Strudeln, Wasserfällen und Massageblubbern. So hart kann sich niemand schinden, dass dort nicht alle Blessuren heilen.

 

 
 Bisegrüße - Über die Hochmatt vis-à-vis der Felsen von Charmey treibt der Ostwind den Schnee heran.

 

Die Redaktion ist sich bewusst, dass unserem Beispiel der ultimativen Gripsuche nur wenig folgen werden und damit die Ideen nicht im Raum verpuffen, hier der Alternativrahmen. Skiferien im Greyerzer Land, mit Kletterzeugs im Kofferraum, dazu die Schneeschuhe und die Badesachen. Dass auch hinterher niemand sagen kann, man hätte diese Ferien keinen Wintersport gemacht.

 

 
 Gotischer Winter - Fribourg verfügt über das größte gotische Stadtzentrum der Welt und eine dicke Kathedrale.

 

12) Legende

Wie der „Ranz des vaches“ unter die Menschen kam

Der „Ranz des vaches“ oder „Kühreihen“ ist ein traditioneller Gesang zum Eintreiben der Kühe. Er stammt aus dem Kanton Fribourg und wird vielfach als geheime Nationalhymne der Westschweiz bezeichnet. Auf dem Winzerfest von Vevey, das nur alle 25 Jahre stattfindet, bildet der Gesang den Höhepunkt. Er soll im Mittelalter entstanden sein, verlor aber ab dem 19. Jahrhundert zunehmend an zumindest praktischer Bedeutung. Doch ist er wirklich einfach so entstanden?

Es war auf jeden Fall einmal ein Senn in den Bergen des Greyerzer Landes, der hieß François. Er war schrecklich verliebt in die Tochter der Alpbauern des benachbarten Chalets, Rose. Immer wenn sie auf der Alp war, ging Francois vor dem zu-Bett-gehen noch einmal vor die Tür, um ihr freudig eine gute Nacht zuzurufen. So auch an diesem Abend.

Dazu noch einen kräftigen Schluck Milch und schon liegt der Senn auf seinem Strohlager und fällt alsbald in einen gerechten Schlaf der Tüchtigen, denn er hat hart gearbeitet den Tag über. Doch nicht für lange. Mit einmal erwacht Francois mit einem Hauch von Rauch in der Nase. Was geht hier vor sich? Er will nachsehen und da sieht er, dass das Feuer unter dem Kessel brennt. Und nicht nur das: drei riesige Kerle – ein großer, ein grüner und ein ganz bleicher – sitzen darum herum und machen sich ans Käse machen.

„Was wollen mir diese Fremden? Sie werden wohl kaum zum Käse machen gekommen sein“, denkt sich Francois. „Der erste, von mächtiger Statur und wohl unermesslicher Kraft, wurde wohl von keiner menschlichen Dame zur Welt gebracht, auch dem Grünen scheint kein Blut durch die Adern zu fließen und erst der Bleiche, der sieht aus, als sei er längst gestorben…“

Der Große gibt den Käsemeister, der Grüne bewacht das Feuer und schüttet den Lab in den Kessel und der Bleiche zieht ein Horn hervor, beginnt zu spielen und es öffnet sich die Tür von selbst. Er tritt hinaus auf die Alpwiesen und das, was er spielt, rührt Francois zutiefst. Aller Schmerz und alle Freude der Welt scheinen sich in dieser Melodie zu vereinen. Und als er aufhört in sein Horn zu blasen, da hebt er zu einem noch übernatürlicheren Gesang an: „Lioba, lioba“. Und von überall, den Felsen, den Hängen, den anderen Alpen und den Wäldern hallt es wieder, dieses wunderbare „Lioba“.

 

 
 Zeit aus Eis - Damit der Brunnen von Charmey so zufriert, braucht es einige kalte Tage am Stück.

 

Inzwischen hat der Große ausgekäst. Er sieht auf zum Senn mit einem Blick wie ein Sperber und weist ihn an, zu ihm zu treten. In drei Näpfe hat er den frischen Käse gefüllt. „Francois, ich habe hier drei Schalen für dich! Eine rot wie das Blut, es ist die meine, eine grün wie die Erde, das ist die vom grünen Kerl da und eine bleich wie der Schnee, sie ist die des Hornspielers. Jede von ihnen kann dir außergewöhnliche Fähigkeiten verleihen, aber du darfst nur eine wählen. Hör also!“

Und er fährt fort, dass die rote Schale ihm seine Kraft und Gesundheit bis an sein Lebensende bringen wird. Der Grüne, seine Schale in der Hand, wirft ein, dass ihm alles  Gold und aller Reichtum zu Eigen werden, wenn er nur den grünen Käse esse. Schließlich tritt der Bleiche zu ihm und spricht: „Nichts von materiellem Wert kann ich dir bieten, auch keine Kraft und keine Prosperität. Aber ich biete dir meine Stimme, mein Horn und meine Melodie, die ich gerade gesungen und gespielt habe. Dazu bekommst du eine Seele, klar wie Kristall und ein jedes Herz, das du begehrst!“. Das muss der Bleiche nur einmal sagen: „Du bist mein Mann!“, ruft Francois aus, „dank dir werde ich schon bald Rose zu meiner Frau machen!“. Und er isst den bleichen Käse. Und schon wenige Zeit später werden Rose und Francois den „Ranz des vaches“ zweistimmig singen und alle Welt damit bezaubern.

So also ist er entstanden, der „Kühreihen“, und so hat er sich weiter verbreitet über das ganze Land und wurde von Generation zu Generation weiter gegeben. Bis heute.

 

 
 Prison of your own device - Wer glaubt, nur bei Minusgraden anreißen zu können, muss auch ein bisschen leiden wollen. 

 

Das Tagebuch

Wie wir unsere Reise erlebten, was wir dachten und fühlten, wie unser ganz subjektiver Eindruck war, das findet sich in den Tagebucheinträgen wieder. Anekdoten, Begegnungen, gepunktete Routen, oder solche, die uns scheitern ließen, unser Leben als Kletternomaden in Höhlen und im festgehalten. Natürlich hat nicht jeder Eintrag Eingang ins Buch gefunden. Es ist zwar schwer und groß genug, um sich damit einem Gänsegeier mit drei Meter Spannweite zu erwehren, aber eben doch limitiert. Auf lizardclimbing.com gibt es das ganze Tagebuch von zumindest mal mir (Pirmin). Wem die Geschichte im Buch nicht zusammenhängend genug ist, der findet hier den roten Faden wieder!


   
 Man muss Platten nicht zwingend nur mit Technik lösen... - Thibeaut Mauron bevorzugt die schnelle Variante in Passager sans destin (7b+). ... man kann aber - Jeanne Garnier wählt in Fruit du larcin (7a) die Schleicheroption.

 

 

13.01.2011

Die Route

Es ist die Route. Das Projekt. Die unendlich unvollendete Geschichte. Die Prüfung.

Drei Wochen sind seit der Türkei vergangen, drei Wochen mit wenig Klettern, wenig Buch schreiben, wenig fotografieren, aber vielem anderen. Viel Party, viel fettes Essen, viel Freundin, viel süßes Leben. Viel von dem, was es vorher nur wenig gab. Viel neue potenzielle Kraft. Die aber noch mehr Fett als drahtige, austrainierte Muskulatur ist, es aber sicher werden wird, wenn die Projektionsfläche stimmt. Wenn sich wieder eine Route findet, die alles abverlangt. Wenn sich wieder eine Prüfung stellt – breitbeinig – ins süße Leben.

Nur sieht es zunächst höchstens nach weiterer Erweiterung der Fettreserven aus, denn als ich letzte Woche hier in Fribourg eingetroffen bin, da verschneit, verregnet es sich. Verzettelt sich das Wetter zwischen Wolken und Minusgraden. Es sieht nach Training an der Kunstwand, in der Boulderhöhle aus. Also nichts, was mich besonders motivieren kann, vor allem angesichts der vergangenen Monate an den schönsten Felsen Europas. Aber ich kenne es, das Projekt, das mich austrainieren könnte, das mir alles Fett aus meinem Körper zöge, bis hinunter zu den letzten Prozentpunkten. Ich kenne die Herausforderung, die Prüfung.

Ich will es mir gar nicht  aus der Nähe ansehen, wie es aussieht in Charmey, meiner Kletter - Heimat der letzten vier Jahre. Denn ich weiß von den anderen, dass es im Frühwinter viel geregnet hat, während wir auf Kalymnos dampfgegart wurden. Und das heißt auch, dass sich viel Nässe im Fels verkrochen hat. Für meine Route heißt das im Besonderen, es werden wohl ein paar Griffe klatschnass sein.

Ich werde mich der Herausforderung also besser nicht stellen. Die Zeit, bis wir nach Spanien aufbrechen, würde eh nicht reichen. Das heißt, außer…

 

 
Gedanken an den Sommer - lösen die Gastlosen (von der Tribune aus gesehen) sogar in eingeschneitem Zustand aus.

 

16.01.11

200 Versuche und noch mehr

Das heißt, außer… Die Route würde wider Erwarten trocken werden. Gestern habe ich eine SMS bekommen, dass es gar nicht so schlecht aussieht, oben an der Tribune in Charmey, es aber wohl noch einige schöne, sonnige Tage brauchen wird, bis mein Projekt kletterbar wird.

Einen Tag später bereits stehe ich am Wandfuß. Wieso bin ich so heiß auf etwas, von dem ich weiß, dass ich es besser vermeiden sollte? Aber wieso eigentlich vermeiden? Die anvisierte Linie ist 9a. Wäre nicht die erste auf diesem Trip. Sie verlangt eher Maximalkraftausdauer. Das müsste ich also drauf haben nach so viel Routen klettern im Süden. Ich stehe vor der Wand und frage mich: Wieso also eigentlich nicht?

Eine Frage, die mich gedanklich zurück reisen lässt. Zurück zu vor allem zwei Momenten. Der eine vor zwei Jahren, ungefähr um dieselbe Zeit wie jetzt, Mitte Januar des Jahres 2009. Ein Tag wie heute, nur kälter. Minusgrade im Tal. Eine schwache Wintersonne. Der Fels, nach Süden orientiert, trotzdem leicht warm. Dazu die kalte Luft. Die Feuchtigkeit flieht also förmlich von der Felsoberfläche: Perfekte Bedingungen. Dazu zwei Ruhetage, viel Pasta am Vortag, ein ideales Körpergefühl. Mit meiner damals noch neuen Freundin Jeanne als Sicherungspartnerin, deren Können ich noch nicht unter Extrembedingungen getestet hatte. Und ich weiß um den sehr weiten Abflug, den ich am Ende der Schlüsselpassage nehmen kann. Sollte ich dort ankommen, werde ich motiviert sein, nicht zu stürzen.

Die Schlüsselpassage beginnt an einem No-Hand-Rest auf 8m Höhe, zu dem eine 7c+ führt, und endet  erst ein gutes Stück weiter oben. Genauer gesagt, 26 Züge und gut 15m höher. Für die nördlichen Kalkalpen eine ziemlich lange Crux. Zunächst einige leichte Züge, dann ein ca. Fb7c+ Boulder. Bei diesem muss man bereits einen Haken auslassen. Danach ein etwas besserer Griff. Gut genug, um schnell zu clippen, kurz jede Hand einmal zu chalken. Nicht wirklich gut also. Dann geht es richtig los. Einige weite Moves zum schwersten der 26 Züge. Ein weiter Schnapper von einem guten Untergriff zu einem Aufleger, mit der anderen Hand dazu und weiter in noch einmal acht schwere Moves. Als Boulder wäre das Fb8a. Zudem kann man im Durchstieg keine Haken mehr einhängen, man klettert also bis 6m über die letzte Sicherung. Im Falle eines Falles summiert sich das auf ca. 18m Stürzhöhe. Ich habe diesen Abflug schon genommen und mich beunruhigend nah am Boden wieder gefunden.

 

 
 Die etwas andere 9a - Unklar, ob es daran liegt, dass sie leichter ist, oder mir besser liegt, für Force du rapport benötigte ich auf jeden Fall nur ca. 35 Versuche. (Foto: Serge Zacharias)

 

Doch zurück in den Januar 2009. Ich bin seit dem Herbst zuvor erst wieder den dritten Tag in der Route, erwische an einem sehr guten Tag den perfekten Go, und wie ich da gut 5m über dem Haken ganz am Ende der 26-Zug-Crux stehe, total platt, da muss ich denken: „Na besser, du fällst hier mal nicht, man weiß nie was mit den 55kg da unten sonst passiert. Das gibt mir den Extrastrom, den ich brauche. Ich bolze mich raus, auf den Bauch, einem passablen Ruhepunkt vor den abschließenden 20 Metern 8b. Einziger Haken: Vor dem Beginn der Schwierigkeiten hatte ich mich kurz ins Seil gesetzt, um einen Griff zu bürsten. Der Rest des Januars 2009 bringt Schnee und Regen, es wird nass in der Route. Der Traum wird vertagt. Das Projekt, die Prüfung, die Unvollendete, sie bleibt.

Ein zweites Mal ergeht es mir ähnlich. Diesmal einige Monate später, bereits im Mai, erwische ich einen einzigen Tag mit nur 12 statt knapp 20 Grad, mache natürliche richtige Versuche von unten, ohne irgendwelche Griffe zu bürsten, und finde mich auf einmal am vorletzten schweren Zug wieder. Ich bin so überrascht wie gepumpt. Zu überrascht und gepumpt, um den letzten Griff, bevor ich im Ruhepunkt gewesen wäre, zu halten. Und falle. Falle aus dem Traum. Ende Mai wird es heiß und mir wird klar, dass ich diese Route nicht erzwingen kann. Ich werde die Gunst der Stunde abpassen müssen. An einem kalten Tag im Januar und in einer guten Form.

Sollte das Wetter so bleiben, darf ich also hoffen. Darf ich hoffen, dass es dann einmal reicht oben heraus und ich einen Schlussstrich ziehen kann.

An diesem 16.01.11, dem ersten Tag seit eineinhalb Jahren in der Route, fühle ich mich wieder in die Bewegungen hinein, merke schnell, dass die Kletterei deutlich mehr Maximalkraft verlangt als die Touren in Europas Süden. Und bin angetan von meiner Form und der Trockenheit der Griffe. Auch Ambiente und Stimmung gefallen mir: der graue Kalk, der blaue Himmel und das Tal, durch das meine Augen schon so oft geschweift sind.

Ich bin zurück. In der Stadt meiner jüngeren Vergangenheit. An dem Sektor meiner letzten vier Jahre. In der Route. Dem Projekt. Der unendlich Unvollendeten. Der Prüfung.

Knapp 200 Versuche sind es bis heute gewesen.

 

   
 Fixation - Nochmal Daniel Rebetez in Procès aux étoiles (8b). Die technische Seite der Tribune - Roger Jungo packt die kleinen Griffe ein in Génotype (8b/8b+)

 

23.01.11

Minusgrade

Die Sonne brennt vom Himmel. Ungefiltert. Ein bisschen schräg. Doch das ist nun mal so im Januar. Der Himmel blau, die Berge weiß. Die Gastlosen-Nordwand hinten am Talschluss grau. Es weht ein leichter Wind. Vom Wandkopf 50m über uns wehen ab und zu Blätter oder Schneeflocken herunter. Ich überlege mir, wie ich am besten meine lange Unterhose ausgezogen bekomme, ohne meine Beine zu exponieren. Denn der leichte Wind, die Bise, kommt von Osten und ist kalt. Scheißkalt. Minus sieben Grad. Das ist auch eine Prüfung. Ich habe nicht so viele Klettertage in der Route, bis es weiter nach Spanien geht. Deswegen wird auch an so einem kalten Tag wie heute geklettert. An Wintertagen, an denen nicht einmal die pralle Sonne etwas vermag gegen die Kälte.

„Le Donjon de Naheulbeuk!“ – „Was?“.  Er wiederholt es. Der Name ist eigentlich der Name einer satirischen Hörbuchreihe, die den Herr der Ringe auf den Arm nimmt. Nie gehört. Ist wohl nur in Frankreich bekannt. So soll sie also heißen, mein inzwischen schon beinahe ewiges Projekt. Wir schreiben den April 2009 und das Projekt Charmeys ist geklettert. Leider nicht von mir, sondern von Daniel Winkler. Juniorenweltmeister von 2005, mit Weltcupplatzierungen bis aufs Treppchen. Ein echtes Ausdauerschwein. Er hat sich einen Winter und knapp 50 Versuche Zeit genommen und sie gepunktet. Saustark. Da zeigt die Zunft der Wettkampfleute den armen Felskletterern mal wieder, wo die Latte vor allem in Sachen Ausdauer zu hängen hat, wenn man schwer klettern will. Aber warum bloß so ein Name?

 

 
 Und die steile Seite - Roger Jungo in wohl einer der härtsesten 8c des Landes: One way (to get it unraveled).

 

„8c+“ – „Waaaas?“. Er ist übergeschnappt. Total verrückt. Wieso wirft er denn eine solche Bewertung aus? Die Route ist vermutlich sogar für 9a hart, doch Daniel bringt es nicht übers Herz mir das zu glauben. Dabei habe ich es ihm zigfach versichert. Habe ihm alle 8c+ und alle 9a, die ich kenne, in einer imaginären Vergleichstabelle aufgeführt und ihm gezeigt, welche Route eindeutig ganz da oben steht. Weit über A muerte in Siurana oder über Bah Bah Black Sheep in Céüse. Weit über allem, das ich zu dem Zeitpunkt kannte. Aber Daniel bleibt helvetisch bescheiden, denn er hat zwar den Strom, aber leider nicht die Erfahrung in schweren Felsrouten, hat erst ein paar 8c gemacht und festgestellt, dass der Donjon schwerer ist. Das ist richtig. Falsch ist nur, dass sie nur einen Grad schwerer sein soll.

Allein wie die Route nun bewertet ist, ist mir heute, an diesem eisig kalten Tag im Januar 2011 ziemlich egal. Hier geht es nicht mehr um einen Grad, hier geht es um eine höchst persönliche Angelegenheit, eine Beziehung, die nun schon seit drei Jahren besteht. Hier geht es um eine persönliche Grenze, die sich mir betonhart gezeigt hat. Heute ist es noch ein wenig früh, ernsthaft daran zu glauben, sie zu durchbrechen,denn noch enden meine Versuche sechs sieben Züge vor Ende der Schlüsselpassage.

Aber ich bin heiß, ich stelle mir den Durchstieg immer wieder bildhaft vor. Wie ich die letzten schweren Züge, die mich bisher immer abwarfen, durchkämpfe, aller Sauerstoff in den Armen, der Kopf benommen, ein festes Programm abspulend, gepuscht vom absoluten Erfolgswillen, gepuscht von der Möglichkeit, es dieses Mal wirklich zu schaffen. Aber das ist noch nicht die Möglichkeit für heute, denn noch bin ich nicht austrainiert genug, habe noch nicht die Maximalkraft, die ich für diese Art von Kletterei brauche und die ich verloren habe in den Ausdauerrouten Südeuropas. Aber sie wird kommen, in den zwei Wochen, die mir bleiben, da bin ich zuversichtlich. Zudem ist die Langfristprognose gut und stabil. Weiter Minusgrade mittags und Sonne pur…

 

 
Voll an der Aussicht - Routen wie Pure et dure (8b) gleichen zwar ein wenig Bouldern mit Seil, das Ambiente ist trotzdem geiler.

 

27.01.2011

Wasserdampf im Kühlschrankland

Keine Angst Freunde, es muss nicht viel heißen, wenn hier unten im sachte eingeschneiten Dörfchen Charmey der Nebel hängt und das Thermometer mit den Zähnen oder auch Scheren klappernd an den 0°- Markierung herumkrebst. Bis wir oben am Felsen sind, kann sich das leicht aufgelöst haben. Schließlich hat der Wetterbericht von einer Nebelobergrenze bei 1100m gesprochen, die Tribune aber liegt etwas höher. Wir werden uns also heute sicher noch entsuppen.

Am Parkplatz aber herrscht noch immer das gleiche Nebel – Bild. Es ändert sich auch nicht auf den ersten Metern des Aufstiegs. Doch durch die Wipfel der eingepuderten Nadelbäume kann man bereits die bleiche Sonne erahnen. Allerdings ist es auch schon mittags, also wird es auf Messers Schneide entschieden werden, ob wir heute in der Sonne, ein Nebelmeer unter uns, klettern werden. Oder ob das wogende  Grau weiterhin über unseren Köpfen bleiben wird

 

 
 Im Winter beult der Frost den Brunnen.

 

Nach einigen Routen zähen Warmwerdens müssen wir dann einsehen, Dass wir heute das Roulette  verloren haben. Die Sonne ist nie über den Status der bleichen Scheibe hinaus gekommen und wir nie wirklich über den der eingefrorenen Eidechse. An Tagen wie diesem müssen selbst hart gesottene Sportkletterer wie wir hinter die Sinnhaftigkeit solcher Aktionen ein Fragezeichen setzen. Aber sie haben auch ihren ganz besonderen Charme, diese Nachmittage im winterlichen, bitterkalten Grau. Fast kein Geräusch stört die Stille, es gibt auch keine optischen Reize. Man sieht selbst die Enden des Wandriegels nicht, fühlt sich wie in Watte gepackt. Dazu der mühsame Kampf gegen die steifen Glieder, dieerst nach einer Ewigkeit warm werdenden Finger, die Flucht in die Daunenjacken und langen Unterhosen. Und doch, zurück im warmen Auto, in der warmen Wohnung, machen diese Hardcore-Ausflüge zumindest retrospektiv Sinn. Spätestens unter der Dusche fühlt man sich so angenehm erschöpft und zugleich wiedergeboren, dass man die zweifelsohne harte Trainingseinheit in der Kälte kaum noch bereut.

Leider ist es an solchen Tagen dann so kalt, dass die Haut so hart wird, dass sie auf den Griffen zu rutschen beginnt, der Grip also schlechter wird. Es hat also für meinen Fortschritt im Donjon nichts gebracht. Es fehlt nicht mehr viel, aber die Zeit wird knapp, in der nächsten Woche muss das Wetter stimmen und die Form. Ich werde den Turbo zünden müssen, um meine Erfolgsgeschichte aus den bisherigen sechs Gebieten mit immer mindestens einer 8c+ fortschreiben zu können.

 

   
 Adrian an der letzten Crux von La croix et la banniére (8a+).  Damokles lässt grüßen - Zapfen wie diese, sollte man nicht von unten bestaunen.

 

05.02.11

Die letzten Körner vor die Hühnerschar

Es ist der letzte Tag in Charmey. Mal wieder ein letzter Tag. Mal wieder die letzte Chance, mein Projekt noch zu klettern. Mit dem einzigen Unterschied, dass ich bisher immer um einiges näher dran gewesen war. Und vielleicht mit dem Unterschied, dass ich hier im Donjon nach über 200 Versuchen gewohnt bin zu scheitern. Und klar, natürlich würde ich gerne den Strich unter die Rechnung setzen, aber habe ich dazu heute die Kraft? Die Form? Den Kopf? Ich muss ehrlich sagen, dass ich daran zweifele. Klar, eine Spur Zweifel ist fast immer drin in der Gefühlsgemengelage vor Tagen, an denen ein schweres Projekt fallen kann, fallen sollte. Diese Spur Zweifel hält die Tür zum geordneten Rückzug einen Spalt weit offen, soll mich schützen vor zu viel Frust im Falle eines Misserfolges, soll keine Nervosität aufkommen lassen, die mir dann auch noch die Leistung beeinträchtigt. Aber heute gleicht die Spur Zweifel eher der Schneise, die ein Harvester in den Wald der Hoffnung geschlagen hat.

Ich versuche es natürlich trotzdem, obwohl mich bisher kein Versuch näher als fünf Züge ans Ende der 26-Zug-Crux gebracht hat. Fünf nicht unbedingt leichte Züge. Ein Fortschritt wäre vonnöten, mit dem ich vernünftigen Verstandes eigentlich nicht zu rechnen brauche. Dafür kenne ich meine Leistungsfähigkeit zu gut, kenne ich die potenziell möglichen Fortschritte in dieser Route zu gut.

Am Ende des Tages sollte ich meine persönliche Bestleistung, die höchste erreichte Höhe für diese drei Wochen in Charmey, noch mal um einen Zug nach oben versetzen, immer noch mit gut Platz zum Ruhepunkt allerdings. Es war ein schöner letzter Tag an der Tribune, in der Wintersonne, in der man ohne T-Shirt klettert, die den kleinen Raum zwischen Fels und Hang in einen moderaten Ofen verwandelt, auf dem die absolute Temperatur auf sicherlich über 25° klettert. Hätte ich noch ein, zwei Wochen mit stabilem Wetter mehr, ich könnte mich so richtig freuen, denn dann wäre der heutige Fortschritt ein weiterer Baustein für den finalen Erfolg gewesen.

 

 
 Urban ausgewichen - Wenn's an der Tribune mal zu nass ist, erreicht man in unter einer Stunde einige trockene Alternativen. Adrian Stämpfli hier im Konglomerat über den Dächern von Villeneuve.

 

Aber es ist der letzte Tag, morgen brechen wir Richtung Siurana auf, und das hat auch sein Gutes. Drei Wochen in den immer gleichen Zügen ist auch für ein Motivationstalent wie mich genug. Man müsste andere Projekte parallel verfolgen können, müsste Zeit für Training an der Kunstwand haben, um den Prozess in einer so schweren Route nachhaltiger zu gestalten. Diesmal hatte ich ihn nicht, aber vielleicht, vielleicht, komme ich ja zurück in die Schweiz, vielleicht auch nach Fribourg. Ganz unwahrscheinlich ist es nicht, zu gut haben mir die letzten vier Jahre hier gefallen, zu viele schöne Felsen gibt es hier. Und dann kann ich den Donjon ja wieder in Angriff nehmen. Vielleicht fällt er dann im 250. Versuch.

Noch eine letzte Frage, die sich stellt. Nicht mir, denn diese Route ist für mich keine Zahl, sie ist eine Linie, eine Geschichte. Aber trotzdem: Was ist davon zu halten, dass ich eine eigentlich als 8c+ bewertete Route in 200, wenn auch über drei Jahre verteilten Versuchen nicht durchsteige, bei besten Bedingungen, bei absoluter Konzentration auf mein Vorhaben, in meinem Stil, in dem ich seit Jahren unterwegs bin. Wenn ich 8c+ anderenorts schon mal am zweiten Tag punkte, auch für 9a gewöhnlich nicht mehr als 30 Versuche brauche? Tja, was ist davon zu halten? Vielleicht habe ich eine mentale Blockade, vielleicht zur Zeit zu wenig Maximalkraft. Vielleicht hat sich der Erstbegeher ein bisschen, vielleicht auch kapital geirrt. Ich habe meine Vermutungen, ich werde sie noch nicht ausplaudern, ich werde erst mal sehen in Siurana, wie meine Form zu bewerten ist und also auch vielleicht, wie diese Route le Donjon de Naheulbeuk zu bewerten wäre.

Für so lange sage ich: Bye, Bye, Charmey, auf irgendwann. Nicht zum letzten Mal wird mein Blick durch dieses vertraute Panorama an einem sonnigen Wintertag wie diesem geglitten sein.

 

 
 Bye, Bye, Fribourg!