Züruck

Schwerste Stelle x Länge = Schwierigkeitsgrad!?

Dirk Uhlig in Aquarius, 8b in den Gastlosen

Gleich nebenan aber noch länger und komplexer als Caresse mentale ist Aquarius. Hier in Action: Dirk Uhlig

35 Meter, 8c, schwerste Einzelstelle Fb7c – Wie wird eine Tour zur Highend-Route? – Aufbau eines Testpieces am Beispiel von „Caresse mentale“ 8c in den Gastlosen.

Beispielweise in der Pfalz kann es einem auch heute noch passieren, dass man in eine Route einsteigt, deren Bewertung im Führer nur die schwerste Einzelstelle wiedergibt. In manchen Gebieten wurde früher nur von Haken zu Haken geklettert, d.h. jede Zwischensicherung galt als willkommener unnatürlicher Rastpunkt. Dies ist heute nicht mehr Stand der Dinge, trifft man aber trotzdem auf eine noch so bewertete Route, kann einem schon ein blaues Wunder blühen. Was da mit 8+ bewertet ist, kann durchaus ein gestandener 9ner sein. Eine Route nach modernen Gesichtspunkten ist also nicht nur so schwer, wie ihre schwerste Einzelstelle, sondern – sofern Rastpunkte spärlich gesät sind – zum Teil wesentlich schwieriger. Zwei Fb8a-Stellen mit gutem Ruhepunkt dazwischen: ca. 8b+. Das gleiche ganz ohne Rastmöglichkeit: ca. 9a. Wie sich die Schwierigkeit einer Route „errechnet“ hier an einem Beispiel: „Caresse mentale“ – 35 Meter, schwerste Einzelstelle Fb7c. Bewertung: 8c.

Wir beginnen mit fünf leichten Metern im Grad 6a+, darauf nochmals fünf bis maximal 6b+. Dann eine Verschneidung, in der man stehen kann (ein No-hand-rest). Bis jetzt ist es also ca. 6c. Nun steilt die Wand allerdings auf. Ziemlich direkt müssen wir eine technisch anspruchsvolle, kleingriffige, leicht überhängende Stelle meistern. Einzelstellenbewertung: Fb7b. Da wir ganz frisch (aus einer Position, in der man frei stehen konnte) hinein starten, ist das Stück Fb7b eigentlich nicht schwerer, als wenn wir vom Boden kämen. In Routenbewertung ausgedrückt also ca. 7c/7c+.

Nun bleibt die Wand steil und so können wir am nächsten guten Griff uns zwar etwas erholen, aber da wir stets in den Armen hängen, lange nicht so gut wie zuvor. Dann folgt eine Fb7a-Stelle, gefolgt wiederum von einem mittelguten Rastpunkt. Wäre zwischen der Fb7b-Stelle zuvor und der Fb7a-Stelle jetzt ein guter No-hand-rest gewesen, wären wir jetzt höchstens bei 7c+, da der Fb7a-Boulder aber in bereits ermüdetem Zustand gemeistert werden musste, ist die Route bis hierher ca. 8a/8a+.

Wir sind jetzt bei der Hälfte der 35 Meter und können uns an den besseren Griffen, an denen wir in immer noch überhängender Wand hängen, teilweise erholen. Das müssen wir auch, denn es folgen einige technisch anspruchsvolle Züge, die zwar für sich nicht schwerer als Fb6a sind, auf die aber erneut ein Fb7a+-Stück folgt. Seit der letzten richtig guten Rastmöglichkeit in der Verschneidung sind nun schon zehn Meter absolviert worden, in denen sich schon einiger Laktat in den Unterarmen angesammelt hat. Der macht die Fb7a+-Stelle nicht leichter. Haben wir sie überwunden, sind wir also schon bei 8a+/8b und das, obwohl für sich genommen noch keine Part schwerer als 7c/7c+ (Fb7b) war.

Erneut hängen wir an passablen Griffen, von totaler Erholung kann aber – solange wir nicht irgendwo stehen können – nicht die Rede sein. Wir werden aber frisch genug, um ein leichtes Übergangsstück im Grad Fb6a hin zu einem besseren Rastpunkt zu absolvieren. Da sie sozusagen von zwei ausreichend guten Rastpunkten eingerahmt ist, macht diese Passage die gesamte Route nicht schwieriger. Es bleiben noch gut zehn Meter, die Route ist aber erst 8a+/8b, irgendwann muss es jetzt schwer werden. Da die Wand erneut steiler wird – ca. 25 Grad überhängend – vermutlich jetzt. Wir nehmen uns noch etwas Zeit an den guten Griffen, an denen wir hängen, zu rasten. Der Laktat muss weitest möglichst raus aus den Armen, um die Blutzirkulation und damit die Maximalkraft nicht einzuschränken.

Wir machen genau noch einen leichten Zug, dann geht es hart zur Sache. Weite Züge an schlechten Griffen, sehr bescheidene Tritte, eine Hook (Einhängen der Ferse) über Kopf – so verkehrt herum in der Wand zu hängen, macht den Torso schnell schwach. Zum Glück kann man im Anschluss das Knie verklemmen und so etwas Gewicht von den Händen nehmen. Der Boulder war sicherlich Fb7c, wäre die Umlenkung schon hier und nicht erst in sechs Metern, lautete die Bewertung 8b+.

Aber es geht noch weiter, und zwar bringen wir den Puls in unserer verdrehten Position etwas herunter und die Arme können sich ein wenig entspannen, aber das Knie in seiner abklemmenden Position zu halten, kostet Kraft im Rumpf. Die Anzahl Minuten, die wir hier verbringen, sollten also gut überlegt sein, denn erholt sich ein Teil unseres Körpers, ermüdet der andere rapide. Einige nicht sehr schwere Züge (wären diese kurz über dem Boden, wären sie ein Kinderspiel, hier aber könnten sie uns abwerfen) leiten das Finish ein.

Sogenannte „Big Moves“ an eigentlich nicht schlechten Griffen, aber anstrengend für die Körpermuskulatur. Hätten wir zu lange unsere Rumpfmuskulatur im Knieklemmer zuvor belastet, wären diese Züge wohl das Ende. Aber noch reicht der Saft. Wir erreichen das Ende des überhängenden Teils der Wand, noch drei Meter bis zur Umlenkung. Gute Griffe, aber praktisch keine Tritte, unter uns glatte Wand. Da kann man nur kurz die Hände in den Magnesiumbeutel tauchen und dann die letzten Reserven für den weiten Zug um die Kante mobilisieren. Drüber ist die Wand nicht mal vertikal, aber erstmal gilt es noch auch die Füße über die Kante zu bringen. Dann endlich können wir stehen und zum ersten Mal seit knapp 25 Metern die Hände vom Fels nehmen und das Seil in die Umlenkung einhängen. Mit diesen letzten Metern, die nochmals einen Fb7a+ an die 30 Meter im Grad 8b+ hängen, wächst die Gesamtschwierigkeit auf 8c an.

Könnte man fünf Meter vor Ende ein Band, auf dem man stehen kann, in die Wand einziehen, wäre die Route nur 8b+, könnte man dort das Knie aber nicht verklemmen, wäre sie 8c+. Striche man alle Rastmöglichkeiten, wäre sie irgendwo im neunten Grad anzusiedeln. Die Gesamtschwierigkeit einer Route ist also immer ein Konstrukt aus Schwierigkeit und Länge der harten Passagen und Güte der Rastpunkte dazwischen. Nur errechnen lässt sie sich wohl kaum. Bewertungen werden also auch weiterhin noch ausdiskutiert werden müssen. Aber was täten denn die armen Kletterer auch sonst den lieben langen Tag?...

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