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Kalymnos - Eine Insel nur aus Sinterfels und Badestränden!

 

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 Wachende Eremiten - Über dem regen Treiben im Hauptort der Insel Pothia ruht eine einsiedelnde Kapelle.

 

Lager

Strandbarbesetzer

Ich werde euch etwas flüstern, aber ihr habt bitte nichts gehört! Man kann in Kalymnos eine Nacht auch überstehen, wenn man kein Studio hat. Obwohl es strengsten verboten ist! Obwohl eigentlich nichts dazu einlädt. Aber wir haben es gewagt. Natürlich nur für eine Nacht (*alle Zeit ist relativ), zwischen Ankunft und dem unweigerlichen Einzug ins dunkle Studiokämmerchen. Wir sind hinabgeschlichen zum Strand, unsere Spuren hinter uns verwischend, und sind hineingehuscht in die verlassenste aller dieser längst geräumten Strandbars. Denn wir wollten natürlich unter gar keinen Umständen Aufsehen erregen. Aufsehen, das uns später hinter griechische Gitter bringen hätte können. Und ich will nicht wissen, wie es hinter griechischen Gittern aussieht, wenn man sich mal genauer ansieht, wie es in unserem Studio aussieht.

 

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 Alternatives Wohnen - Fast so viel Komfort, wie im Studio und dazu Pool und Aussicht!

 

Wir waren gekommen als Flüchtende, als von allen Obdächern Verlassene und stellten uns darauf ein, eine Nacht voller unberechenbarer Ungewissheiten nur zitternd zu überstehen. Doch was wir fanden war, verglichen mit unserem Studio, purer Luxus! Mückenfreies Schlafen, ein Hauch von Natur, direkter Zugang zum Meer, Duschen, fließend Wasser, sogar ein gratis Haustier. Wir nannten es nach dem furchtlos hirnverbrannten Abenteurer aus Südafrika, dessen Buch sich in unsere Hände verirrt hatte, Mike Horn. Und natürlich gab es unglaubliche Sonnenuntergänge, verführerische Dunkelheit, nächtliches Nacktbaden. Nur schade, dass sich nie auch nur eine schöne Frau zu uns in die Strandbar verirrte…

 

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 Nicht jeder Teller hat so einen Blick auf's Meer...

 

 

Abgekocht

Griechischer Salat

Griechisch - weil wir gerade in Griechenland sind, und Salat - weil frisch mit Tomaten,  Zwiebeln und Oliven von unserer Insel.

Passend bei sommerlichen Temperaturen und Badewetter wie hier sogar im November.

Ob die Oliven von unserer Nachbars-Omi (geschätzte 90 Jahre alt) sind, die Tag für Tag die Olivenbäume vor unserer Terrasse mit einem Holzstock verhaut und dann die kleinen schmackhaften Köstlichkeiten vom Boden aufsammelt, wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass Adonis mit im Kalamata-Spiel war, wir haben sie jedenfalls bei ihm gekauft.

Schwupps die Wupps werden aus den Tomatenscheiben und aus dem kalymnischen Riesenkäseblock Dreiecke geschnitten, nach Belieben auf einen Teller positioniert,  und mit den Oliven garniert. Einige kleine Scheiben Weißbrot vervollständigen die Komposition. Jetzt müssen noch die Zwiebeln in eine verzehrbare Form gebracht werden. Um uns von der Masse abzugrenzen, verzichten wir gezielt auf Zwiebelringe. Wir bevorzugen stattdessen dekorativ Feingehacktes, welches wir über die anderen Zutaten streuen. Noch Pfeffer und Salz darüber, und erneut kommt Adonis ins Spiel. Diesmal ins Kalymnosgewürzspiel. Die aromatischen, an Thymian und Oregano erinnernden und auf der ganzen Insel wachsenden Kräuter hat er uns bei einem unserer Einkäufe geschenkt. Laut eigener Aussage: die besten Kräuter der Insel! Da können wir natürlich nicht widerstehen und streuen etwas von Adonis' Superkraut über die angerichteten Teller. Zum Abschluss wir unser Salt mit ein paar Tropfen griechischem Olivenöl garniert und am besten bei Sonnenuntergang auf der Panorama-Terrasse direkt am Meer genossen!

Guten Appetit!

 

 

 

2 Fragen an Hervé Fritz:

Jahrgang: 1986, Wohnort: Néewiller/Elsass, Beruf: Bademeister, Pädagogischer Assistent, Vagabund

Als eine Art Franzose (Hervé stammt direkt hinter der Rheingrenze und seine Eltern sprechen eine Art Deutsch) ist er der erste, aber sicher nicht letzte seiner Art in diesem Buch. Denn sowohl er als auch viele seiner Landsleute reisen und klettern gern und viel. Man trifft sie also allerorts, und sie haben mehr Zeit als die arbeitsamen Deutschen und Schweizer. Darunter mag die Karriere leiden doch wenn Zeit Grips trifft wie in seinem Fall, dann wirkt Zeit äußerst schonend auf den Planeten. Denn ja, man kann auch anders nach Kalymnos gelangen, als per Flugzeug.

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Wie denn, Hervé?

Also das ist ganz einfach! Entweder man bedient sich seines Autos, um sich in Piräus mit Ziel Kalymnos einzuschiffen. Weniger Autokilometer verspricht die Option, über Venedig gewissermaßen eine kleine, aber sehr interessante Mittelmeerkreuzfahrt mit einigen hochkarätigen Zwischenstopps zu machen. Z.B. mit einem abschließenden Inselhopping quer durch die Ägäis, beispielsweise auch zum Bouldern auf Tinos. Diese Optionen beanspruchen mit Sicherheit ein wenig mehr Zeit, aber zumindest vermitteln sie den Eindruck, wirklich zu reisen. Und unterwegs kann man dann schon mal von all den schönen Routen träumen, die man später punkten wird…

Sind es wirklich die Routen, die auf solchen Kletterreisen am meisten träumen lassen?

(Anm. d. Red.: Hervé überträgt es dem Autor, an seiner Statt auf diese Frage zu antworten, da der Autor nach etlichen Diskussionen darüber bestens Bescheid wisse, was er, Hervé dazu denkt. So here we go J!). Natürlich träume ich gerne von Routen, aber eigentlich doch eher von anderen „Dingen“: Frauen, zum Beispiel! Oder Fahrrädern, mit denen man um die Welt fahren kann, ohne irgendetwas auszustoßen. Oder einfach von all den kleinen Erlebnissen am Rande der Reise, mit den Männern des Landes etwa, die einem literweise Uso spendieren, nur weil sie es auf die weibliche Begleitung abgesehen haben. Vom Fotografieren und von meinem unglaublichen Budget von einem Euro am Tag. Und natürlich auch von den Kindergarten-8a’s auf Kalymnos und den Baby-8b’s in Geyik Bairi. Davon träume ich natürlich auch! 

 

 

Ruhetag

Ein ganz normaler Urlaubsalltag

Ein Autoreifen. Ein Stuhl. Etwas, das aussieht wie eine Waschmaschine. Eine Fernsehantenne. Ein paar Blasen. Ein Fisch. Noch einer. Ein kleines Riff. Glasklares Wasser. 20 Grad warm. Die Linie auf meiner Brille zwischen glasklarem Wasser und blauem (aber nicht besonders klarem) Himmel. Mein Schnorchel.

Unsere klare Option Nummer eins für euren Ruhetag: Schnorcheln. Schwimmen. Baden. Sonnen. Stranden. Aber noch nicht gleich. Unsere klare Option Nummer zwei, zeitlich leicht zu vereinen mit Option Nummer eins: Laufen. Wandern. Böse Zungen würden sagen: Fliehen.

Fliehen vor den Zeichen der Zivilisation. Vor Zeichen, die wir vielleicht nicht die ganze Zeit sehen wollen. Und hören. Die Straßen, Baustellen und Bauruinen, das gewisse Fehlen von Natur. Der Fluchtweg ist dabei einfach und trotzdem variabel. Immer hinauf auf das Hochplateau zwischen Pothia, Massouri und Vathy. Einige hundert Höhenmeter über die kahlen und ariden Hänge nach oben, über die Kante hinweg.  Mit einem Mal sind wir in einer irgendwie ganz anderen Welt. Kein Müll mehr. Nirgendwo. Kein Haus, kein Weg, keine Straße. Die einzigen Zeichen die bleiben sind rar, weil verteilt und rar an sich, weil alt und verfallen. Kleine Ruinen, niedrige Mauerreste, ein Wall aus Steinen, der wohl mal ein Pferch gewesen sein muss. Aber nicht alle Zeichen haben hier das Zeitliche gesegnet. Die Ziegen weiden auch hier oben, was zum Fressen geblieben ist. Es ist nicht viel. Von Artenvielfalt kann auch hier nicht die Rede sein. Und doch: Es ist viel, viel wilder. Wer sich unten etwas eingeengt gefühlt hat, der kann hier oben freier atmen. Begibt man sich auf den höchsten Berg der Insel, hat man zudem einen Rundumblick, dem nicht viel im Wege steht. Über Pothia, das Meer, die türkische Küste.

Diese kleine Wandereinheit lässt die dürren Klettererbeine zudem mal wieder ein paar Höhenmeter machen, vor allem für all die, die den Roller gleich mit dem Studio mit gemietet haben. Und da die Orientierung leicht ist, es Wege ohnehin nicht wirklich gibt und auch nicht wirklich braucht, kann jeder Fußausflug jederzeit getrimmt oder erweitert werden, denn weit bis zur nächsten Straße ist es nie.

 

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 Zen-Ebene - Für überreizte Geister bietet sich die Hochebene über den Felsen an. Distraktion gibt es hier praktisch nicht...

 

Je nach klettertechnischer Herkunft wird das Laufbedürfnis unterschiedlich ausfallen, die Belohnung ist paradoxerweise jedoch für alle gleich. Der Strand. Strände gibt es einige auf der Insel, sie sind selten besonders groß, aber zur Klettersaison auch nicht voll. Deshalb findet sicher jeder seinen Platz. Die Badehose haben hoffentlich alle dabei, den Schnorchel kann man vielerorts erwerben, die Sonne gibt es hier normalerweise gratis dazu. Dies gilt auch für Winterbesucher! Es ist wirklich sauheiß hier! Nehmt statt einem zweiten Paar Kletterschuhe lieber Taucherflossen mit. Wer dazu noch ein bisschen Action sucht, der kann seine Snowboardsprünge für den Winter schon mal an einer der herumstehenden Klippen testen. Aber Vorsicht, der Kalk ist beim Herausklettern aus dem Wasser mancherorts wirklich sehr scharf, die Gefahr sich einen Cut zu holen groß.

Die meisten werden vermutlich das angenehmere Plantschen und Schnorcheln vorziehen. Auch wenn die leergefischte Ägäis nicht besonders viel Biologisches zu bieten hat, dann doch eine Menge interessanter anorganischer Bestandteile menschlichen Ursprungs: Autoreifen, Stühle… Die Zivilisation zeichnet also auch hier unten, im kristallklaren Wasser, eifrig weiter.

Im Grunde sollte man auf Kalymnos einfach beherrschen am Ruhetag ein ganz normaler Urlauber zu sein. Denn dafür wurde gesorgt, für ein breites Spektrum an anderen Möglichkeiten dagegen eher weniger.

 

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 Auf Goldsuche - Heutzutage gibt es in einem Kubikmeter Elektroschrott - wovon es vor Kalymnos jede Menge gibt - mehr Edelmetalle zu finden, als in einer Miene. Der Autor nimmt es etwas zu ernst.

 

 

Das Bonus-Tagebuch

03. November 2010

Almost all inclusive

Es ist Anfang November, der Herbst müsste eigentlich beginnen. Ich denke an wehende Blätter, an graue, kleine Tage, an Wolken und an rote, kleine Säulen auf gestrichelten Thermometern. Ich denke daran, aber wenn ich meine Sinne anstrenge, dann ist es nicht November. Wenn ich über das blaue, unbewegte Meer sehe, wenn ich den warmen Wind und die heiße Sonne spüre, wenn ich die Vögel höre und die Kräuter im Hang rieche, dann denke ich nicht mehr an November, dann denke ich an August oder Juli. 25 Grad ist es warm und der Himmel ist blau. Seit ein paar Tagen schon und laut Wetterbericht noch bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag (oder zumindest die nächsten 16 Tage Langfristprognose). Dazu eine feine, aber ziemlich gemeine Dunstschicht - man möchte meinen Glocke - über und um uns herum. Es ist Badewetter. Es ist wirklich wunderbar. Es ist Softrockwetter. Es ist herrlich. Alle jauchzen, wenn ich ihnen die Prognose erzähle (zumindest alle, die nicht nur eine knappe Woche hierher fliegen). Es ist toll zum Wandern, Tauchen und ja, auch zum Bootfahren und auch zum Deep-Water-Soloing. Es ist toll.

Aber ich will richtigen November!!! Ich will in der Daunenjacke im Wind am Einstieg stehen. Ich will frieren. Ich will in den grauen Himmel sehen und mich auf das warme Studio am Abend freuen. Denn ich will nicht tauchen, ich muss nicht baden, ich soll nicht DWS und ich kann nicht Bootfahren (nur wandern kann ich und das werde ich auch tun, wenn das Wetter so bleibt). Ich will anreißen. Dafür bin ich ja hergekommen. Fünf Grad war es kalt in der Tarn und der Sturm blies. Ich hatte eine Hammerform. Und jetzt ist hier schlimmster Sommer, wie ihn jeder Kletterer fürchtet. Die Luft steht starr und ist brütend heiß. Und ich kann keinen Griff festhalten.

 

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 Apropos Edelmetall - Dies ist kein Fundstück vom Meeresboden. Wer errät, was hier zu sehen ist, dem schenkt der Autor einen Kasten Bier. Antwort hier einreichen!

 

Ich habe eine 8c+ (Gora Guta Gutarak) angeschaut und konnte die Züge erst im dritten Versuch alle klettern (gut, es ist ein Boulder, der es schwer macht). Und dann sehe ich ein Video von diesem Klettermonster Adam Ondra, wie er diese Tour onsightet und dann auch noch beim Ablassen sagt, das sei wohl eher 8c. Lieber Adam, falls dieses Buch jemals ins Tschechische übersetzt werden sollte und du es liest. Was hat denn das mit 8c zu tun? Und falls es das wirklich hat, dann geh doch bitte mal bei diesem Wetter in die Route, dann kannst du dich wenigstens so richtig über dein Onsight freuen, denn das Ding ist sau schwer. Und seine Griffe sind scharf wie kleine Igel. Und außerdem ist sie schmutzig. Wie hast du bloß im Onsight den Weg durch die Ausstiegs-8a gefunden? Wenn dieser letztes Jahr im gleichen Zustand wie heuer war, dann gebührt dir ein Orden  

Es ist einfach nur wie Urlaub hier. Wahrscheinlich hat die griechische Urlaubsgöttin Vacancia ihre Finger im Spiel und uns diese Dunstglocke hier verpasst. Und ich weiß noch nicht mal, was ich verbrochen habe. Wenn das so bleibt, werde ich mich rächen und nur noch Urlaub machen. So mit Baden und Bräunen. Keinen Zentimeter werde ich meinen Arsch bewegen. Aber will ich das? Zeus, gib mir meinen November zurück, wie ich ihn kenne. Wenigstens zwei Tage die Woche, dann leg ich mich den Rest auch an den Strand und halte den Mund.

 

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Herrenloser Fuß gefunden! - Rechts dieses Sinters im Sektor Ghost Kitchen wurde eine Zehenpartie gesichtet. Zur Tatzeit kletterte Barbara auf der anderen Seite. Informationen bitte an die Lokalpolizei Pothia (Achtung: Diese wird zur Zeit strukturreformiert!).

 

06. November 2010

Hallo, liebe Daheimgebliebenen!

Hier auf Kalymnos ist es wunderbar. Die Sonne scheint, sie scheint und scheint. Und gäbe es keine Nacht, sie hätte jetzt seit sieben Tagen ohne Unterbrechung geschienen. Wir wären alle längst tot. Das ist toll. Aber die Sonne alleine wäre nur halb so wunderbar, gäbe es Dinge auf dieser Insel, wie Wind, oder trockene Luft. Aber auch das gibt es nicht. Es ist wirklich toll! Vor allem an Stellen, an denen sie so richtig hin scheint, kommen zu den 25 Grad im Schatten noch 25 von der Sonne. Macht 50 Grad. Und damit diese 50 Grad sich auch gut auf den Körper übertragen, ist die Luft schön feucht. So ist es dann wirklich so heiß, dass  nicht mal die extremsten Badetouristen das noch aushalten. Kalymnos ist wirklich wunderbar. Auch noch im November! Das nächste Mal kommen wir bestimmt im Juli wieder, denn da geht sicher noch mehr!

Bei den 50 Grad kann man dann auch eigentlich nur noch baden gehen, tauchen und im Wasser plantschen, das im Übrigen auch noch ziemlich warm ist. Ich hatte schon befürchtet, im November könne es hier unangenehm kühl und vor allem windig werden. Ich habe mich getäuscht. Herbstwetter in der Ägäis ist kein bisschen herbstlich. Ah ja, es gibt hier auch einige Verrückte, die so etwas wie Bergsteigen machen. Nur dass sie nie am Gipfel ankommen. Immer nur ein kleines bisschen hoch und dann geben sie auf. Sind vermutlich weniger extrem als wir Hardcorebader. Aber noch dazu kommt, dass sie diese Art Sport bei diesen Temperaturen machen! Ich kann mir nicht vorstellen, was das für einen Sinn macht. Ist doch voll mühsam. Also ich mach mich jetzt mal wieder in mein Ofeneck am Strand, in meine 50 Grad. Ich hoffe darauf, dass der Wetterbericht Recht behält und es auch die nächsten zwei Wochen noch so bleibt.

Liebe Grüße

Pirmin

 

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Bio-Indiversität - Diese zugegebenermaßen schöne Zwiebelpflanze gehört zu einer der letzten - geschätzt - 20 Arten der Insel.

 

14. November 2010

Kalymnos, du arme Sau!

Ich liebe den Ausdruck “terre battue”. Er bezeichnet im Französischen eigentlich nur den Sandplatz beim Tennis oder ungeteerte Straßen. Ich übersetze direkt in  „geschlagene Erde“. Und ich habe ein Synonym dafür gefunden: Kalymnos.

Diese Insel repräsentiert für mich in ökologischer Hinsicht genau das. Sie ist ein Opfer grausamer Misshandlungen, Sie heißen Überweidung, Rodung und Vermüllung. Vermüllung über und unter Wasser. Ich möchte es nicht wirklich wagen, aber ich würde doch gerne mal am Straßenrand graben, nur um zu sehen, auf wie viele Schichten Müll ich stoßen werde. Ich denke, es wären  so einige, denn die Straßen sind zwar asphaltiert, aber ihre Ränder definitiv nicht mit Gras bewachsen. Sie sind überdeckt mit einfach allem, dessen man beim Autofahren überdrüssig werden kann: Coladosen, Plastikflaschen, Tetrapacks, Chipstüten, Autoreifen, Waschmaschinen, Kühlschränke und tote Ziegen. Wer taucht, findet dasselbe: Stühle, Tische, Autos…

 

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 Noch nicht gesunken - Dieser Kutter schippert noch...

 

Aber ich habe ihn gefunden. Den Ort, der noch nicht verprügelt wurde, oder zumindest nur vom Weidevieh. Der Karstwüste über euren Köpfen, Kletterer! Direkt hinter den Sektoren über Massouri beginnt sie. Gut, sie geht nicht weit, denn bald kommt das andere Ende der Insel, aber hier ist keine gewaltsam in den Berg getriebene Straße, keine Bauleiche und der einzige Müll, den ich finde, ist ein Gasballon, dem die Puste ausgegangen ist. Auch hier gibt es keinen Baum, aber das wäre wohl auch ohne Ziegen so. Erst in der Türkei werde ich so richtig merken, dass Bäume eine Landschaft enorm aufwerten. Hier bedrückt mich der Mangel an Unberührtheit, an Natur und an Ästhetik. Bewusst wird er mir auf dieser kleinen Wanderung über euren Köpfen.

 

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 Ja, wer kratzt denn da? - Hannes hat sie gefunden, eine Platte auf Kalymnos und auch eine eine ziemlich gute dazu.

 

16.November 2010

Strandgut

Ich ritze Striche an die Wand. Ich ritze kleine Striche an die Wand, wie es ein Häftling tut oder ein Gestrandeter. Einen neben dem anderen, in einer endlosen Reihe nach rechts strebend. Nein, meine Striche haben System. (Gut, auf der einen Seite haben sie schon ein wenig die Tendenz hart nach rechts zu streben.) Ich ritze an einer Ecke meines Zimmers. Von der einen Seite nach links, auf der anderen nach rechts, auf jeden Fall immer von der Ecke weg. Auf der rechten Wand steht ein Strich für jeden Tag, auf dem mindestens zwei der drei folgenden Bedingungen zutreffen: Mehr als 20 Grad Tageshöchsttemperatur, weniger als 3km/h durchschnittliche Windgeschwindigkeit am Fels, mehr als 60% relative Feuchte. Drei Punkte also, die sich eigentlich kein Kletterer wünscht, von denen einer bei Abwesenheit der anderen beiden noch passabel ist, von denen zwei zusammen aber schon eine ganz schöne Strafe sind, ganz zu schweigen von allen dreien.

Heute ritze ich mal wieder einen auf die rechte Seite. Es war zwar nur knapp über zwanzig Grad gewesen, allerdings ziemlich gewittrig und Wind habe ich höchstens zwischendrin mal kurz gespürt. Hinzu kam heute noch ein Punkt, den ich leider nicht in mein Striche-Kategoriensystem aufgenommen habe: Tage, an denen über 20% der Griffe am Fels nass sind. Denn nach einigen heftigen Gewittern die letzten Tage hat sich nicht nur der halbe Humusbestand (ja, es gab hier wirklich mal Humus) ins Meer verflüchtigt, sondern es sind auch so gut wie alle Sinter baden gegangen. Außerdem aller Fels der rot ist. Es war trotzdem sehr lustig. Schweißgebadet habe ich mich zwei Mal durch ein 8c+ - Dach gebouldert und zwei Mal habe ich mir gedacht: Was für geile Züge auf was für unglaublich schlonzigen Griffen! Dafür war ich mal wieder so richtig schön platt und gut gelaunt danach.

 

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 Brandung kommt und Brandung geht - Nur der Verschluss der Kamera beweist Konstanz und bleibt offen.

 

Ich ritze also meinen Strich an das Ende und gehe zurück in meine Ecke. Ich betrachte meine beiden Reihen und denke mir, was für ein Ungleichgewicht. Und dann versuche ich mich zu erinnern, wann ich eigentlich die Striche links gemacht habe. Ich kann mich kaum daran erinnern, denn es war ganz am Anfang, als wir hier landeten. Wir wurden von Wind und kühlen 16 Grad empfangen und die Klarsicht reichte fast bis nach Kreta. Da hatten wir uns noch gedacht, hier kletterts sich ja wunderbar. Nun gut, das waren die ersten beiden Tage gewesen. Und es sind auch wirklich die einzigen beiden Striche geblieben. Wir sind jetzt seit fast drei Wochen hier. Und es gäbe viele Orte in Europa, an denen man jetzt bestens klettern könnte, doch wir sind irgendwie im Badeurlaub gelandet. Und wie ich da so ritze, denk ich mir, dass so wie ich schon viele gestrandet sind. Und so mancher verbrachte Jahre auf einer griechischen Insel als Gefangener. Bin ich gefangen?

 

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Karst und Fische - Omega drei soll im Übrigen vor Kletterverletzungen schützen. Auf zum Hafen von Pothia!

 

30. November 2010

Wartesaal-Blues

Ich befinde mich auf einer Kletterreise. 12 Monate. 365 Tage. Es sollte das Größte sein, so meiner Leidenschaft hinterherjagen zu können. Fast durch nichts mehr vom Klettern abgehalten. Ein paar Fotos hier, ein paar Texte dort die leicht von der Hand gehen, eher Energie spenden als sie nehmen würden. Und doch kann ich mich nicht erinnern, jemals in meinem aktiven Kletterleben so unmotiviert für diesen Sport gewesen zu sein.

Wir stecken fest auf dieser Insel, sind gefangen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen sportlichem Ehrgeiz und dem Verlangen nach Abwechslung, nach Bewegung. Entweder lasse ich meine beiden 8c+ Projekte Inshallah und Gora Guta Gutarak sausen, obwohl beide in greifbarer Nähe sind und jeweils nur ein kleines Stück zum Durchstieg fehlt. Ein Stück mehr Kraft, oder ein Stück weniger Luftfeuchte und weniger Temperatur. Doch das erste kommt auf hohem Niveau leider nur zögerlich, das zweite beim derzeitigen Wetter gar nicht. Und die zweite Option ist warten, warten, warten. Auf kühleres Wetter, auf Nordwind, auf die 40% Feuchte.

 

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 Schwamm da ein Schwamm vorbei? - Kaum, die hat man abgeerntet. Deshalb auch der Umbau von Schwammtourismus auf Klettertourismus.

 

Doch genau das raubt mir die Motivation, diese Ungewissheit darüber, ob es nach über vier Wochen Katastrophenbedingungen hier überhaupt jemals anders sein wird. Dazu der leichte Zeitdruck, in der Türkei ja auch noch ein ganzes Kapitel schreiben zu müssen. Und als bitterste Note: meine Freundin Jeanne wartet auf mich zuhause. Ich vermisse sie, sie mich und ich warte hier auf so einen Schwachsinn wie gute Conditions. Auf keinen Fall darf ich mir auch nur einen ganz gewöhnlichen Tag mit ihr ausmalen, er würde jeden dieser Warte-Tage auf Kalymnos mit links in die Tasche stecken. Auch ganz ohne Grip und ohne Klettern, einfach aus seiner schönen Normalität heraus. Das Leben eines auf schwere Routen fokussierten Kletterers kann bisweilen ganz schön eingleisig sein. Leer, leer, leer fühle ich mich an Tagen wie diesen. Und trotzdem kann ich es nicht lassen, kann oder will nicht aufgeben. Da mein physisches Talent beim Klettern leider begrenzt ist, muss ich mich auf meine mentale Stärke verlassen. Also wir bleiben. Leer, aber mit einem Funken Hoffnung auf den Nordwind…

 

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 Westuferbewohner - Die Aussicht von den meisten Kletterfelsen ertränkt einen schon mal gerne in einer Portion KItsch.