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Dolni Zleb - Wo die Routen genial aber die Haken rar sind

 

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 Es lebe die Freiheit der Seilführung - Bei Meter 30 legen in Marterpfahl (8a) nur fünf Haken Dirk Uhligs Seil in kein gerade enges Korsett.

 

 

2 Fragen an...

Frido Maurer

Jahrgang: 1984, Beruf: Student der u.a. Physik, Geographie, Schreiner in Ausbildung, Wohnort: Freiburg

 

Es war noch in den Babyjahren des neuen Jahrtausends, als Frido und ich uns in ständigem Kampf gegen Budgetknappheit quer durch Europa schlugen. Jetzt treffen wir uns im ebenfalls budgetfreundlichen Böhmen wieder. Er mit einem VW-Bus, ich mit einem Auto mit 60‘000km auf dem Tacho. Die Zeiten ändern sich. Die letzten Jahre hielt er die Stellung im hohen Norden, in Göttingen, wo er diverse Studien begann und manche auch beendete. Für den Master wird aber auch er der typischen Kletterer-Südverschiebung anheimfallen. Innsbruck heißt der next stop.

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   Schmus' die Kante - Frido hält sich intensiv fest in Putzer viktor (7b+).

Hier in Dolni überrascht er uns zunächst mit einer Demonstration aus seinem letzten Studium, der Physik: man klettere in einer spärlich abgesicherten 7b+ bis zum 3. Haken auf ca. 12m Höhe und lasse dort ohne vorher zu klippen los, obwohl noch theoretische Groundgefahr besteht. Das Ergebnis: 10m Flug und eine elegante Landung auf dem gespannten Seil zwischen erster Exe und Sicherer.

 

1) Wie war die Flugstunde à la Dolni?

Psychologisch sehr wertvoll! Wie der Güllich immer meinte: "Das Hirn ist der stärkste Muskel beim Klettern." Ich bin da garantiert nicht abgetropft, weil die Kletterei so sackhart war. Vielmehr hab ich mich total verkrampft. Aus Schiss, eingeschüchtert durch die dolnytypischen Hakenabstände und ebenso typische monströse, atemberaubende Optik der Linie habe ich jeden Griff ca. mit 300%meines Maximalsaftes zugeballert. Kein Wunder, dass man dann irgendwann zuläuft wie der Amtmann und nicht mal mehr klippen kann. So ergeht es einem andauernd in Dolny. Woanders natürlich auch, aber ganz besonders in Dolny, mit seiner anspruchsvollen, aber eigentlich sehr intelligentenund spartanischen Absicherung. Aber auch durch die Art der Kletterei. Das Einzige, was da hilft: Lernen! Lernen sich auf das Klettern und nicht in erster Linie das Klippen und die Hakenabstände zu konzentrieren. Die Wände im Elbtal sind so gigantisch, massiv und einfach... groß! Genau das ist die Kletterei: einfach groß! Große Wände, große Hakenabstände, große Linien! Daran muss man sich eben erst gewöhnen. Hat man das halbwegs erreicht, bietet einem jeder Weg nicht nur die Zufriedenheit des erfolgreichen Durchstieges, sondern auch die Freude über die Überwindung der eigenen Angst. (Und die Möglichkeit des Erfahrens jener, für mich, kostbarsten Momente beim Klettern: der kürzeren oder längeren totalen Versenkung in die Kletterei, während der das Seil, die Haken und der Sicherer in Vergessenheit geraten und nur noch die Bewegungen zählen. Wer auf das alles steht, steht auch aufs Klettern im Elbtal... und die Flugstunden.

 

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 Wie eine Knotenschlinge - Gilt es die Fäuste in dieser mir leider nicht mehr namentlich bekannten 7a rechts des Marterpfahls zu verklemmen.


2) Und wie lebt es sich als Kletterer im hohen Norden?

Erstaunlich angenehm! Vor allem im guten alten Göttingen. Ich kenne wenige andere Städte in Deutschland, von denen man, ohne große Bergetappen und in nur 30-45 min, je nach Trainingsstand und Windrichtung, mit dem Radl so gut zum Fels kommt. Dort angekommen hat mir der Göttinger Buntsandstein die letzten 5 Jahre viele schöne, schmerzhafte und anstrengende Klettertage gebracht... und ich hab sogar noch einige Säcke hängen! Steigt man sogar ins Auto, bieten sichbei Anfahrtszeiten von einer 3/4 bis anderthalb Stunden schier endlose Möglichkeiten. Von Kalk (Weser-Leine-Bergland) über Granit (Harz) bis hin zum thüringischen Porphyr (Hülloch, Falkenstein & Co.) finden sich sämtliche Gesteinsarten. Das einzige, was wir nicht haben, sind Sinter und mehr als 3 Seillängen messende Mehrseillängen. Kletterertypische Südverschiebung hin oder her, ich würde mich auch wieder nach Norden verschieben. Zumindest in die Göttinger Gegend, weil ich weiß: da geht was.

 

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Parasitäres Sprießen.

 

23.06.2011

Suizidär zum Fotopoint

Die Frage: „Da oben links, am Abbruch müsste der Blick super sein, auf die Kante rechts! Komm ich da irgendwie hoch?“, richtet sich an Dirk. Der kennt das Gebiet ja eigentlich ganz gut. Plan ist es, ihn in Rodeo (ca. 7b+) zu fotografieren. „Denke schon, musst halt schauen.“, so lautet die Antwort.

Und schon bin ich verschwunden im tiefen Grün des steilen Elbtaldschungels. Mein Ziel: Der etwa 50 Meter über mich aufragende Turmgipfel, der Fotopoint. Meine Ausrüstung: Die Fototasche und ein paar Turnschuhe. Mein Weg: unbekannt.  Links deutet sich eine Rinne und also ein Durchbruch an durch die 50m Felsbastion auf der linken Seite des Tals. Das lose Geröll ist lediglich unangenehm, aber kein Hindernis. Dann kommt doch Fels, es ist also keine schöne, ganz nach oben führende Rinne. Verschneidungskletterei im 3. Grad. Die Felspartie hat knappe 10m, Fallen fiele hier in die Kategorie uncool. Auf jeden Fall aus Sicht der Fotoausrüstung, sehr wahrscheinlich auch aus der meiner Knochen. Problem hierbei ist vor allem, dass es sich um eine Erstbegehung handelt, längst nicht alles ist also fest. Vor jedem Griff gilt es erst mal abzuwägen.

 

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Wenn Träume Sandstein werden - Sind die Hakenabstände unten auch luftig, was für Hannes in der Ersten Runzel (7b+) danach kommt, lohnt jeden noch so starken Adrenalinschub.

 

Die Müllverschneidung spuckt mich schließlich aus und ich hoffe auf freie Bahn bis auf die Felsköpfe, , denn den sogenannten point of no return habe ich eben mit Sicherheit überschritten. Leider muss ich sogleich das Hoffen wieder einstellen, denn erneut stellt sich mir ein Brocken Sandstein in den Weg. Diesmal ist es keine Verschneidung, sondern ein Dach, das wohl mindestens ein Fb8b+ Boulder ist. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber auch eine exponierte Querung, mit der sich das Dach umgehen ließe. Sie ist schon für den 4. Grad zu haben, beinhaltet allerdings Plattenpassagen in Turnschuhen. Zudem versperrt mir ein toter Baumstamm von 8m Höhe und 40cm Durchmesser den Weg. Ich bin hin und her gerissen zwischen Umgehen und Herunterwerfen, wobei letztere Option angesichts der Hangneigung und der bereits passierten Felsstufe zwar ein Heidenspektakel veranstalten würde, einen potenziellen Wanderer auf dem Weg unter mir allerdings sicherlich erschlagen würde. Ich drücke mich also lieber höchst umständlich an ihm vorbei, hoffend ihn nicht aus seiner prekären Balance zu bringen und so in Kauf zu nehmen, mit ihm in den Abgrund gerissen zu werden.

 

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 Länderübergreifend - Dolni liegt nur 10km hinter der deutschen Grenze. Ein Besuch an wie hier dem Königsstein im Elbsandstein ist also kaum ein Umweg.

 

Nach 20min Alpinismus stehe ich dann doch auf dem angestrebten Turm, das Adrenalin baut sich langsam ab und die Sicht ist wirklich gut. Dennoch beschleicht mich erneut der Eindruck, dass bei weitem nicht das Klettern selbst, sondern diese immer wieder im Rahmen des Fotografierens oder des Routenerschließens auftretenden kleinen Odysseen durch schrofig unstabiles Gelände mit  Absturzoption die gefährlichste Seite an unserem Tun ist. Aber auch immer eine interessante, die uns zudem ein bisschen das nacherleben lässt, was die Pioniere unsers Sports wohl gefühlt haben müssen. Ebenfalls in Turnschuhen.

 

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 Subtile Töne - So schön wie in Dolni laufen die Farben wohl fast nirgends über die Wände. Jörg Andreas profitiert in Lauschgift (7c) davon.

 

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 Versunkene Wälder - Wer mal keine Lust zum Klettern hat, kann sich als Urwaldentdecker versuchen. Übungsterrain gibt es hier mehr als genug.