Züruck

Bankenkrise, Massenarbeitslosigkeit, Insolvenz? - Der Untergang des Abendlandes oder einfach ganz normaler Alltag?

Walfang in Céüse
Wenn Kletterer vom Walfang leben müssen, weil die Weltwirtschaft zu Grunde geht.

Der Untergang des Abendlandes oder einfach ganz normaler Alltag?

Vorsichtig tippe ich den Login meines Online-Banking-Accounts ein. Einen kurzen Moment zögere ich. Habe ich es gar vergessen? Kam da eine 4 oder eine 8? Naja, ehrlich gesagt, ich weiß es natürlich. Eine 4. Aber ich suche eben auch noch ganz kurz vor der Konsultierung meines Kontostandes nach einem Grund, eben dies nicht tun zu können.

Schließlich bin ich drin und die Weltfinanzkrise mag schlimm sein, aber das ist schlimmer. Ich könnte jetzt guten Gewissens Insolvenz anmelden, aber wen würde es kümmern. Dass der Staat mir 70 Milliarden überwiese, darauf bräuchte ich jedenfalls nicht hoffen. Festanstellung habe ich auch keine. Mein Kontostand könnte demnächst wieder steigen, ist also eine unbegründete Hoffnung. Außerdem will ich als sozial verantwortungsvoller Mensch zu Zeiten hoher Arbeitslosigkeit nicht auch noch auf den Arbeitsmarkt drängen. Denn, während andere Leute Arbeit aus nicht nur finanziellen Gründen zum Überleben unbedingt benötigen, fühle ich mich davon frei.

Trotzdem muss ich reagieren. Zwar ist noch eine eiserne Sparreserve vorhanden, doch bei den derzeitigen laufenden Kosten, reicht die nur noch gut zwei Monate. Zivilisation ist teuer. Es gilt also in weiser Überlegung einen klugen Entschluss zu fassen. Nur nicht überstürzen. Sich nicht den Curriculum Vitae auf alle Zeiten hinaus vermasseln.

Zwei Sekunden später steht mein Entschluss. Es hilft nur eines. Der teuren Zivilisation, dem teuren Kapitalismus den Rücken kehren. Sparen wäre zu milde ausgedrückt. Absolute Askese. Kappen aller laufenden Kosten außer der Krankenkasse. Pure Low Budget! Die Antwort auf die Krisen unserer Tage (zumindest solange es nicht alle machen)!

Der Plan muss nicht neu entworfen werden, alle nötigen Informationen sind vorhanden. Und er ist einfach. In individuellem Rahmen vollzieht sich ein Paradigmenwechsel (die Generalisierung auf die große Masse kann – muss aber nicht – später erfolgen). Nicht mehr Geld ist das Ziel der Existenz, sondern harte Grade. Die Währung hat gewechselt. Das Gute an dieser neuen Währung: Man kann sie nur von innen heraus motiviert erarbeiten, denn es lässt sich von ihr ja nichts kaufen, sie zu erarbeiten machte sonst ja keinen Sinn. Und hier liegt bekanntlich der Schlüssel zum persönlichen Glück. In der intrinsischen Motivation.

Das Equipment ist simpel: Klettersachen, Schlafsack, Isomatte, Töpfe, Axt und Säge. Daumen. Nach Möglichkeit eine Gegend mit viel schön Wetter. Das Leben ohne Zivilisationskomfort fällt leichter, wenn es nicht beständig regnet. Und dann, wie soll das gehen, so ein inhaltsloses Leben. Fast ohne Sinn? Nicht zielgerichtet? Und was hat man dann danach davon? Tja, nichts. Doch das ist auch in andren Leben eigentlich nicht anders.

Es wird eine Zeit dauern, bis all diese Fragen verstummen. Auch bei jemandem, der das schon öfter gemacht hat. Wir werden doch zu sehr getrimmt darauf, etwas zu erwirtschaften. Dass es eigentlich unser Glück und unsere Zufriedenheit ist, die wir erwirtschaften sollten, wird da schon mal vergessen. Aber wenn er einmal stumm geworden ist unser westlich industrialisierter Kopf, dann ist plötzlich alles da, was wir brauchen, ohne dass wir besonders viel hätten. Wir sind dann halt. Der Währungswechsel auf harte Grade ist da natürlich ein Eingeständnis. Vielleicht werde ich auch darauf einmal verzichten können…

Die Tage sind einfach. Ich stehe auf und wie an neun von zehn Morgen, scheint die Sonne. Zwar ist es Vorfrühling, doch garantiert die kluge Wahl des Lagerplatzes fast stets Windstille. Bei vielleicht knapp 15 Grad kann man je nach Belieben das T-Shirt also schon ablegen. Das erste Morgenritual: Ein wenig ganz feines Holz oder trockenes Gras suchen. Die Plätze sind mir wohlbekannt. In der mit hohen Steinen geschützten Feuerstelle ist die abgedeckte Glut vom Abend zuvor unter der Asche noch ganz leicht am Glimmen. Aber wie jeden Morgen reicht es, um ein kleines Feuer für den Kaffee zu entfachen. Die Kaffeekanne sollte man allerdings nur mit Handschuhe berühren, der Ruß zerstört mit großer Sicherheit die kostbare Haut. Auch, da das nächste größere Wasservorkommen leicht einen Kilometer entfernt liegt. Und an der Menge an Glut, die geblieben ist, kann ich schon erste Prognosen erstellen über die Bedingungen des Tages. Viel Glut bedeutet viel Grip.

Die Glut war gut, das feine Holz auch, der Kaffee kocht schneller als auf jedem High-End-Kocher. Wenn der Geruch und Geräusche der schon Wachen die anderen nicht wecken, ist auch das schnell gemacht. Unser Platz liegt diesmal an einem Abbruch, der in ein mehr oder weniger verloren verlassenes Tal sich neigt, oder stürzt. Die Ruhe ist atemberaubend, nur der Kaffe blubbert ganz leise im Hintergrund. Wir schauen gen Osten. Auf eine Kette bewaldeter Hügel, über die sich eine halbe Stunde zuvor die Sonne erhoben hat. Hinter uns steht eine kleine Felswand, die auch bei Regen schützt und darüber ein flaches Plateau. Irgendwo, einen guten Kilometer weiter, die erste Straße. Es war nicht ganz ohne Mühe, die Ausrüstung hier her zu tragen, nachdem wir erfolgreich zum Ausgangspunkt getrampt waren. Getrennt, denn sonst wäre es schwierig geworden. Unter uns und sich zu beiden Seiten erstreckend, die Felsen. Ernteplatz der neuen Währung.

Zum Frühstück gibt es wie jeden Morgen Müsli, Jogurt, Früchte und heute auch Pancakes. Es dauert, bis sie alle über dem Feuer gemacht sind, aber das Warten ist keine „Zeitverschwendung“, wie in einer Schlange bei McDonalds, das Warten auf die Pancakes ist nicht in diesem Sinne ein Warten, es ist vielmehr ein Sein. Nach einer Weile Sein, sind dann auch die Pancakes. Die Sonne scheint, die zweite Runde Kaffee ist über das Feuer gewandert, die Bäuche voll. Wie jeden Morgen meldet sich der Verdauungstrakt zu Worte und hätten viele ein Problem jetzt kein (teures) WC zu haben, ich habe nie soviel Freude an dieser Verrichtung, wie in einer kleinen Karstwüste mit unzähligen Löchern, Spalten und Rissen. Dies ist keine Notdurft, die mein Körper unvermeidlich mir abverlangt. Eher ein Spiel mit einer netten Belohnung.

Es ist noch irgendwann am Vormittag, genau sagen wie spät, kann keiner, wir haben alle keine Uhr dabei. Es ist aber auch unerheblich. Den Tag gliedert die Sonne, nicht der Zeiger. Sollte die Sonne irgendwann wieder anfangen zu sinken, das Licht sich verändern, die Temperatur langsam nicht mehr steigen, dann ist das das Zeichen sich Richtung Fels in Bewegung zu setzten. Doch bis dahin, können wir lesen, abspülen, baden gehen, Wasser holen oder Feuerholz für den Abend suchen. Aber auch diese Arbeiten verlieren ihren Charakter des „Müssens“, des Widrigen. Es ist eine herausfordernde Aufgabe einen toten Baum mit trockenem Holz zu finden, der nicht zu weit weg ist und von dem sich bequem Holz schneiden lässt. Ein Quest, kein Gang in den Baumarkt. Hat man den Baum, hat man ihm die geeigneten Äste abgenommen und sie zurück zum Lagerplatz gebracht, hat man zwar unglaublich ineffizient gearbeitet – in der gleichen Zeit akademischer Arbeit hätten wir indirekt viel mehr Holz erwirtschaftet – aber wir sind zufrieden. Das Ergebnis der Arbeit liegt vor einem und wird noch am selben Tag seinen Nutzen unter Beweis stellen. Kollege Marx lässt grüßen.

Ich will nicht behaupten, dass immer alle Menschen, mit denen ich verreist bin, sofort das System der Arbeitsteilung verstanden hätten. Viele haben sich wohl zunächst gewundert, wieso ein Teil der Gruppe da so ohne Forderungen an die anderen einen Großteil der Arbeit erledigt. Aber ich will behaupten, dass ich noch nie erlebt habe, dass sich ebenjene nicht nach einigen Tagen auch zu gleichen Teilen beteiligt hätten. Und das ausnahmslos ohne eine Ermahnung anwenden oder einen Streit provozieren zu müssen. Diese Dynamik, im Blick zu haben, wie viel Arbeit insgesamt für die Gruppe zu tun ist und wie viel man selbst dazu schon beigesteuert hat, verbreitet sich stets auf die ganze Gruppe und ergibt eine ausgesprochen angenehme Atmosphäre. Ein Mensch, der die Sinn- und Zweckhaftigkeit seiner Arbeit selbst erkannt hat und dafür den Zuspruch seiner Gruppe erfährt, wird immer besser und zufriedener seiner Aufgabe nachgehen, als der, der sie verordnet bekommen hat.

So haben sich auch heute alle Arbeiten, die vor dem Klettern erfolgen sollten, wiedermal fast wie von alleine gelöst, bei der hier gegebenen Routine sogar ohne jemanden, der irgendetwas koordinieren müsste. Alle haben geschaut, was bereits dabei ist erledigt zu werden, was noch fehlt, sich diesem angenommen und niemand musste irgendeine Minute mit Planung verbringen. Unsere Mittel sind vorsintflutlich. Unsere Struktur vorbildhaft für jeden Führungskader dieser Welt.

Die Anteile Rot im Licht werden wieder mehr, die Schatten länger, die Motivation ist da, wir wärmen uns auf. Wir versuchen unsere Projekte, versuchen etwas anderes, in jedem Fall powern wir uns aus, kanalisieren unsere Leistungsmotivation in das Erwirtschaften sportlicher Leistung. Dieser Vorgang gibt ein direktes, physiologisches Feedback, dass das, was wir da machen sinnvoll ist. Es ist es nicht wirklich, aber aus evolutionären Gründen, werden wir hormonell noch immer für ein angemessenes Maß an körperlicher Betätigung direkt belohnt. Der Job am Schreibtisch, bei dem wir das erwirtschaften, was heutzutage angesehen ist, macht uns nicht direkt glücklich. Wir müssen uns einer kognitiven Hilfestellung bedienen, z.B. dem Blick auf den Kontostand.

Es ist ein kühler Tag, trockene Luft, etwas Wind, sozusagen ideale Konjunkturlage für unser Ziel, den Reichtum an schweren Begehungen zu mehren. Einer nach dem anderen knackt sein Projekt, oder macht ihn zufriedenstellende Fortschritte. Die Stimmung wird immer besser, wir puschen uns gegenseitig, feuern uns an, freuen uns zusammen. Am Ende des Tages sind wir alle ein Stück reicher, ohne dabei in ein externes System eigegriffen zu haben, ohne jemanden anders ärmer gemacht zu haben und auch ohne eine Inflation ausgelöst zu haben. Unsere Währung liegt in unbegrenztem Maße vor und auch was man sich von ihr kaufen kann – Zufriedenheit, Euphorie, Stolz – ist kein auf einem interpersonellen Markt verhandelbares Gut, um das man sich streiten könnte.

Ich würde sie gerne besser beschreiben können, die Stimmung, die bei der Rückkehr zum Camp und danach an einem solchen Abend herrscht. Was sich ergibt, wenn alle sich wie Jäger einer erfolgreichen Jagd nicht wissen, sondern fühlen. Wenn das Gejagte dem anderen nicht geneidet wird, wenn sich auf dem ganzen Weg, trotz körperlicher Müdigkeit, eine durch die Gruppe schwirrende Diskussion erhebt, über diese Passage, über jenen knappen Durchstieg, über die unglaublichen Bedingungen, über das schöne Abendrot, über das anstehende Abendessen oder über die Gesellschaft und das Leben als solches und wie es doch so viel besser sein könnte…

Der Hunger treibt auch die Müdesten jetzt sicher an, schnell den Riesentopf mit Pasta oder Reis zu füllen, mit Dingen, die jemand mit weniger Hunger vielleicht gar nicht kaufen würde. Low Budget sind nicht unbedingt die geschmackstärksten Früchte, die edelste Pasta, ungesund muss es deshalb noch lange nicht sein. Aber wenn Siebeck mit uns seinen sicherlich strammen Bauch bewegt hätte, er würde unsere Küche sicher nicht in der Kritik zerreißen. Die preisgünstige Massenwahre zuzubereiten, ist mit etwas Übung keine Ding der Unmöglichkeit. Der Rosmarin und Thymian wachsen hier sogar so über die Feuerstelle, so dass man ihn nur pflücken und in den Topf fallen lassen muss. Der Wein, den außer uns wohl nur ein paar richtige Penner gekauft haben, passt perfekt dazu, zum Verdauen schauen wir uns vielleicht noch ein Räucherstäbchen an. Die Gitarren werden ausgepackt, die Bongos, Lagerfeuer… Dies ist purer Kitsch, aber Glück löst so manch rigide Psyche.

Und der nächste Morgen? Genauso gut wie der letzte. Die Sonne kommt wecken, ich spüre den Klettertag von gestern etwas, vielleicht werden wir heute Ruhetag machen und ein wenig wandern, baden, Kleider waschen, Vorräte aufstocken. Vorräte aufstocken? Der Haken an der Sache? Wenn man weiß, wo sich die Reste der Konsumgesellschaft stapeln, dann ist nicht mal hier ein Haken. Containern. Supermärkte werfen all ihre abgelaufene Ware in große Container. Manchmal sind die nicht oder nur unzureichend gesichert und man kann sich dort bedienen gehen. Dann wird die Urlaubskasse natürlich stark auf die Null gedrückt.

Aber auch wenn man sein Essen regulär kauft, lässt sich der Tagespreis auf unter vier Euro drücken. Selbst für verfressene Leistungssportler. Dazu kommt was? Ja was? Materialverschließ. 25 Euro im Monat, wenn man auch mal bereit ist, ein kaputtes Kleidungsstück zu flicken. Krankenkasse. Als erwerbsloser, junger Mensch toppt auch das die 50 Euro im Monat nicht. Kommen noch ein paar andere Dinge hinzu, pendeln wir uns bei etwas über 200 Euro pro Monat ein. Mit viel Zeit, kann man trampen, mit viel Zeit kann man seine Kleidung auch im Bach waschen, mit ein bisschen Anpassung braucht man kein warmes Wasser mehr, interessanterweise auch keine Seife und kein Schampoo, der Körper und die Haare stellen sich darauf ein. Mit Zeit wird Geld an vielen Stellen obsolet. Man darf sich nur nicht stressen lassen.

Diese Art über mehrere Monate zu leben ist anders, ist wilder, aber – das ist meine persönliche Erfahrung – ist erfüllender. Dieses Leben ist viel ruhiger, repetitiver, aber ich halte auf all diesen Trips nie nach einem Ende Ausschau. Nie muss ich eine Durchhalteeinstellung entwickeln, um mich für dieses einfache Leben zu motivieren. An zu Hause denke ich nach einiger Zeit immer wie an einen Ferienort, an dem vorbei zu schauen vielleicht ja ganz nett wäre. Wenn es die Sonne ist, die mich morgens weckt, fühle ich mich ersten Augenblick des Tages viel versöhnter mit der Welt und dem Leben, als wenn der Wecker neben mir zu schreien beginnt. Es braucht nette Mitreisende, schöne Orte, kein Verletzungspech. Aber sonst?

Die Ausbildung? Ein universell gültiges Diplom gibt es nicht. Aber vielleicht ein bisschen Leuchten in den Augen, für den der tut, was ihn wirklich selbst erfüllt.

Die Arbeit? Die wurde ursprünglich erfunden, um zu überleben. Nicht das Leben wurde ursprünglich erfunden, um sich zu überarbeiten.

 

Züruck