Züruck

„Und wozu?“ – Argumentationshilfe für mit der Sinnfrage konfrontierte Sportkletterer

Entlaufener Straßenmusiker am Strand von Russan
Und wenn die Sinnfrage kommt, um dich zu belästigen, pack die Gitarre aus und sing dir ein Lied!

„Aber warum machst du das denn dann überhaupt? Und auch noch in diesem Ausmaß? Du bekommst ja noch nicht mal Geld dafür!“ - die Sinnfrage, die wohl jedem Sportkletterer schon des Öfteren aus fachfremden Kreisen gestellt wurde. Gestellt aus dem tiefen Unverständnis heraus für solch schon beinahe unverschämte Unproduktivität. „Was!? zwischen 20 und 30 Stunden die Woche!? Und so viele, so lange Reisen!? Wo nimmst du denn das ganze Geld her? Deine Eltern müssen dich ja förmlich damit überschütten!“. Nicht nur, dass man den armen Kletterer des Sozialschmarotzertums bezichtigt, nun auch noch der Verdacht auf konsequente Verweigerung des Schrittes ins unausweichlich notwendige Erwachsenwerden, nur ermöglicht durch sicherlich grenzenlos verantwortungslose Eltern. Dabei wollte ich doch gar niemanden persönlich beleidigen oder seine Lebensart in Frage stellen. Nur aus meinem ganz normalen Alltag wollte ich erzählen. Trotzdem ist die Reaktion auf eine kurze Schilderung des Klettererlebens oft von tiefem Unverständnis geprägt. Will man sich nun nicht für alle Zeiten wie ein Tierchen im Zoo betrachtet sehen, kann man alternativ versuchen ihn zu finden, den Weg, diese Idee zu vermitteln, die den Einstellungen der Masse so sehr entgegen zu stehen scheint.   

Am besten kommt der gemeine Kletterer gerade zwei Wochen zu spät zum Herbstsemester aus Céüse oder noch besser Ende Februar von fünf Wochen Spanien zurück und ist sonnengebräunt und maßlos entspannt nach so intensivem Zivilisationsentzug, der ja bekanntlich stressmindernd wirkt. Und am besten lässt er dann einen dummen Spruch begleitet von einem breiten, dummen Grinsen nach etwa folgendem Muster los: „Ähm, keine Ahnung, hat grad irgendwie so viel Spaß gemacht und im Norden war ja eh schlecht Wetter, da hab ich den Rückflug gecancelt und bin drei Wochen später als geplant zurück getrampt. Jetzt bin ich halt leider etwas zu spät an der Uni, hab ich schon irgendwas Wichtiges verpasst…?“. Das wirkt harmlos. Vielleicht – sofern das Grinsen nicht zu dümmlich war – sogar sympathisch. Harmlosigkeit zu versprühen ist immer gut, so läuft man weniger Gefahr, den Gegenüber in Frage zu stellen, ist sein Weg mitten im Strom doch zweifelsohne der richtige.

Der zweite Schritt besteht nun in der korrekten Reaktion auf die am zweitwahrscheinlichsten auftretende Frage: „Und was macht ihr dann da die ganze Zeit?“. Hier muss nun nicht einmal künstlich tiefgestapelt werden, denn die Wahrheit klingt im Ohr des durchschnittlichen Party- und Konsumentenkindes ohnehin reichlich langweilig. „Ja, wie gehen immer so ein oder zwei Tage Klettern, meist erst nachmittags. Davor hängen wir in der Sonne rum (das sieht der Gesprächspartner ja) oder spielen `ne Runde Hackisack. Man kann auch was lesen oder ein bisschen für die Uni arbeiten (das kommt gut, da es produktiv klingt. Aber Vorsicht nicht zu viel Sinn stiften!). Nach zwei Tagen bist du dann eh platt – und am Ruhetag vielleicht baden oder einfach nur essen. Man verbrennt ja viel. Am Abend noch ein paar Bier am Feuer, am besten ist noch jemand dabei, der Gitarre spielt. Wir sind da ja meistens ziemlich in der Pampa, da gibt’s höchstens Instantpartys“. Das ist die ideale Abrundung. Hat der Zuhörer vielleicht zunächst (auch aufgrund der Bräune und Entspanntheit) noch eine Spur von Neid verspürt auf dieses angenehme, sportliche Leben, ist es nach der Vorstellung von Lagerfeuer, Gitarre und dem nächsten Club in 100km Entfernung damit sicherlich vorbei.

Sollte an dieser Stelle des Smalltalks noch immer nicht alles Interesse erstickt sein, bzw. sich nicht an der Tätigkeit des Kletterers, sondern z.B. dessen Aussehen nähren, dann wird vermutlich nach der Finanzierung gefragt werden. Hier wird nun der vorletzte Schritt der Zerstörung des Urlaubsbildes beim Gegenüber unternommen und der letzte gleich mit eingeleitet. Es herrscht ja bekanntlich die Meinung, dass Urlaub stets sehr teuer und mit hemmungslosen Konsum (denn er ist die Entschädigung für die Eintönigkeit des 40-Stundenjobs) verbunden ist. Erzählt man nun, man würde effektiv nicht mehr Geld ausgeben als zuhause (wie auch? Soll ich mich etwa in der einzigen Bar am Ort jeden Abend derart zulöten, dass ich auf die Kosten einer Hotelnacht komme? 40 Bier!?), wird der Gegenüber diese ganze Unternehmung ohnehin nicht mehr als Urlaub klassifizieren. Denn Urlaub bedeutet gute Restaurants, lange Nächte an langen Bars und vor allem Hotels mit Sternchen.

Die Überleitung zum letzten Punkt bietet der Gesprächspartner dann selbst, indem er nach den Übernachtungen fragen wird. „Was, unter freiem Himmel? In einer Höhle? In irgendwelchen Ruinen?“, voilà, hier hat der Spaß für fast jeden definitiv ein Ende und das, was der Studien- oder Arbeitskollege vielleicht zu Beginn noch in irgendeiner Weise erstrebenswert fand, hat wohl eher das Prädikat „Höllentrip für Minderbemittelte“ erhalten. Aber genau hier wollte der kluge Sportkletter ja hin. Denn es ist ihm ohne Falschaussagen gelungen zu verheimlichen, dass er vermutlich die wesentlich interessanteren (Semester)Ferien erlebt hat. So weckt er keinen Sozialneid und wirkt nicht überheblich. Denn das ist wichtig, sind doch Studien- oder Arbeitskollegen wichtige soziale Kontakte, ohne deren Unterstützung der Spagat zwischen normalen Leben und unbezahltem Leistungssport nicht möglich wäre. Wer besorgt all die Unterlagen und Zusammenfassungen, erinnert an wichtige Prüfungstermine oder toleriert, dass man heute angesichts des Monstergrips („Hä? Grip?“) unbedingt früher gehen muss und hält einem den Rücken gegen den Chef frei?

Wohlgemerkt hat man hier in fünf Minuten nur die Frage nach der praktischen Umsetzung beantwortet, der Sinn der ganzen Sache dürfte sich dem Gesprächspartner vermutlich eher noch schleierhafter darstellen als zuvor. Dieses Unternehmen nun auch noch in Angriff zu nehmen, sollte allerdings wohl bedacht sein. Nur in Ausnahmefällen kann davon ausgegangen werden, dass der Smalltalkpartner länger als fünf Minuten gewillt ist zuzuhören, vor allem, wenn er in dieser Zeit noch kaum Gelegenheit hatte sich selbst zu präsentieren (denn das war ja der eigentliche Sinn der Unterhaltung). Ist man aber überraschenderweise auf einen dieser raren Zuhörer getroffen, kann man sich freilich voll ins Zeug legen und seiner ganzen Begeisterung freien Lauf lassen, die Augen leuchten lassen und hoffentlich den Sinn unserer Leidenschaft heraufbeschwören. Aber was der andere dann hinterher wohl denken wird, das sollte uns wohl besser nicht zu wichtig sein…

Züruck