Züruck

Wenn das Klettern wie der Fußball geworden wäre – Reise in eine andere Budget-Dimension

Pirmin bertle in a muerte, 9a in Siurana
Nicht ganz so schwer wie die Routen im parallelen Universum, aber trotzdem 9a. Pirmin Bertle in A muerte in Siurana.

In einem parallelen Universum, in dem einige Dinge ganz anders liefen, ist das Sportklettern eine der wichtigsten Sportarten des Planeten. Ich habe für euch das Universum gewechselt und war live bei einem Felskletterevent dabei.

Es war nicht leicht, das Universum zu finden, in dem heute auch wirklich heute ist und in dem Klettern wichtig ist. Beim Durchforsten der unendlichen Liste an Universen fand ich aber schließlich eins. Musste ich ja. Unendlichkeit sei Dank. Was ich dort zu finden hoffte? Die Antwort auf die Frage: Wie sähe das Sportklettern aus, wenn es bereits seit hundert Jahren eine der führenden Sportarten des Planeten wäre?

Ich wählte also ein Universum, das dieses Kriterium erfüllte, ansonsten aber möglichst genau dem unsrigen entspräche. Kontrollieren möglicher Störvariablen! Dort angekommen, stellte ich zufrieden fest, dass wirklich alles sehr ähnlich war, lediglich an des Fußballs Stelle stand das Sportklettern. Wie toll! Ich war direkt an den Austragungsort eines großen Felskletterevents gebeamt worden. Wirklich beeindruckend! Meine einzige Sorge: Mir selbst zu begegnen. Sogleich aber beruhigte mich ein Blick auf das Werbeplakat des Events. Die Schwierigkeiten, die die Weltelite des Supersports Sportklettern in Angriff zu nehmen gedachten, waren derart astronomisch, dass der Pirmin dieser Welt sich als Jugendlicher sicher schnell einen anderen Randsport gesucht haben musste, in dem er zumindest halbwegs Erfolg haben konnte. So wie es mir mit dem Fußball erging.

Das Sportklettern war auch hier aus dem Bergsteigen hervorgegangen, doch bereits siebzig Jahre früher und direkt zum Volkssport Nummer eins geworden. Es war also ähnlich wie die Leichtathletik bei uns bereits fast vollständig „austrainiert“. Verbesserungen waren fast nur noch im technischen Bereich möglich, die Athleten längst die am besten geeigneten, seit dem dritten Lebensjahr gepuschten und aus einem riesigen Pool ausgewählten Spitzenleute. Doch lasst mich berichten vom Event selbst.

Nachdem ich mich ein wenig orientiert hatte, stellte ich erfreut fest, dass es sich hier nicht um einen Wettkampf in der Halle handelte. Vielmehr ging es darum, dass schwerste Projekt der Welt zu knacken: „Reincarnation“ hieß es. Vom besten Kletterer der Welt: „Jonathan „The Butterfly“ Jones“. Es war also wie bei uns. Ein Kletterer versuchte eine möglichst schwere Route zu punkten. Sonst war aber alles ganz anders…

Zwar befanden wir uns wirklich an einem Fels, doch war von diesem nichts zu sehen. Da das Projekt bereits seit Jahren von Jonathan und anderen berannt wurde, hatte es sich längst als rentabel erwiesen, ein Stadium mit knapp 40.000 Plätzen vor den Fels zu bauen. Nachdem ich den nicht gerade geschenkten Eintritt für einen guten Platz gezahlt hatte, konnte ich erstmals einen Blick auf die Wand werfen. Sie war wirklich umwerfend. Ein riesiger, grauer Bug aus bestem Lochkalk, sicherlich 70 Meter hoch, 40 Grad überhängend und von merkwürdigen Lochlinien durchzogen, die absolut glatte Zwischenräume ließen. Und die Linie von „Reincarnation“, die dadurch entstand, war wirklich atemberaubend. Wie eine Schlange wand sie sich über den Bug hinauf, mal rechts, mal links, mal auf der Kante. Aber auch in dieser einmaligen Lochlinie fanden sich bisweilen beunruhigend weite Abstände zwischen den Griffen. Außerdem war es unmöglich eine solche Schlangenlinie über 70 Meter Höhe, also ca. 100 Meter Kletterstrecke zu klippen. Die Seilreibung wäre geradezu tödlich gewesen. Aber ich sah auch keine Expresschlingen. Und keine Haken. Nur eine riesige Matte am Boden. Mehrere Meter dick. Mein Banknachbar machte ein ganz verdutztes Gesicht, dass ich nicht wüsste, dass man aus bis zu 100 Metern in diese extra fürs Sportklettern entwickelten Matten springen könnte. Das wüsste doch jedes Kind.

In einer kleinen Broschüre am Platz stieß ich auf weitere interessante Informationen. Jonathan und vor ihm bereits einige andere Legenden versuchten dieses Projekt seit 1987. Anfangs wurde nur der Einstieg großräumig planiert, um die Matte auszulegen (eine Standardmaßnahme im HighEnd-Bereich) und Platz für einige Tausend Zuschauer geschaffen. Auch die bedingungsfördernden Einrichtungen waren zunächst nur durchschnittlich. Ventilatoren, Luftentfeuchter, Abdichtung des Felsens gegen durchdrückendes Wasser. Nachdem der bis dato stärkste Kletterer der Welt Omonaho Kimokowu nach über 2500 Mal Abtropfen seine Versuche einstellte – er war zu seinen besten Zeiten  drei Züge vor dem Ausstiegshenkel gefallen – versuchten sich zwar noch einige speziell auf das Projekt hin trainierte Nachwuchsleute, konnten aber diese Bestmarke nie knacken. Und das, obwohl die spezifische Vorbereitung darauf bereits Ende des zweiten Lebensjahres eingesetzt hatte. Im Laufe der Zeit war auch die Zuschauernachfrage gewachsen und so hatte man das Stadion vergrößert, sowie die Bedingungen für die Aspiranten weiter verbessert. Ständig wurden die Griffe gesandstrahlt, Temperatur, Luftfeuchte und Wind im Stadion ließen sich nach Belieben regeln. Um den Grip noch weiter zu verbessern, heizte man die Wand vor jedem Versuch mittels Heißluft auf und kühlte die im Stadion dann drastisch ab.

Ich fuhr aus meiner Lektüre hoch, als plötzlich das Licht ausging und eine Lautsprecheransage den Helden höchstpersönlich ankündigte. Fast hätte ich laut zu lachen begonnen, als ich ihn sah. Er war klein, schmal und hatte so unglaublich lange Arme, dass er aus einem Comic entsprungen zu sein schien. Nur sein Verhalten entsprach dem nicht. Ein echter Weltstar. Vielleicht 20 Jahre alt, aber das Auftreten eines der wichtigsten Männer der Welt, an einem der wichtigsten Tage der Geschichte. Denn es war heute der Tag, an dem laut Trainingsplan die gut 15 Jahre intensiver Vorbereitung vielleicht endlich Früchte tragen würden. An einem Ende der Wand erwartete ihn sein Stab. Ein gutes Dutzend Fachleute, Trainer, Physiotherapeuten, Psychologen. Schnell wurden die gewünschten Bedingungen an das Stadionpersonal durchgegeben. Die Heißluftventilatoren wurden über die Wand herabgefahren, liefen einige Minuten auf Hochtouren, um sodann von riesigen Kühlaggregaten abgelöst zu werden, die die Luft im Stadion auf ca. 10 Grad herunterbrachten. Schließlich kamen die Ventilatoren zum Einsatz, um vorne am Fels einen guten Durchzug zu verursachen. Währenddessen wurde Jonathan, der sich bereits andernorts aufgewärmt hatte, nochmals massiert und von seinen Trainern und Psychologen instruiert. Zugleich behandelte man seine Hände intensivst mit etwas, das von hier oben nur schwer zu erkennen war. Laut Broschüre ein Art High-Performance-Liquid-Chalk, das das Nachchalken auf bis zu 100 Meter obsolet machen sollte.

Noch hatten die Zuschauer im Stadion sich angeregt unterhalten, Lieder gesungen (Jonathan hatte eine eigene Hymne) oder heiße Würstchen gegessen. Außerdem hatte sie der Stadionsprecher immer wieder mit Hintergrundinformationen unterhalten. Als sich Jonathan jetzt anschickte seinen selbstheizenden Daunenanzug abzuwerfen, wurde es augenblicklich sehr still unter den knapp 40.000. „For the first ascent of Reincarnation, Jonathan, the Butterfly!“, rief der Sprecher pathetisch in die Ruhe hinein. Tausende Hälse skalierten die letzten Worte euphorisch mit, wiederholten sie in einem Crescendo und gipfelten dieses schließlich in einem letzten gemeinsamen Ausruf. 40.000, die „For the first ascent of Reincarnation, Jonathan, the butterfly!“ schreien, ein sehr eindrucksvolles Erlebnis. Jonathan winkte noch einmal Richtung Publikum, um sich dann der Wand zuzuwenden. Er begann mit den Händen und dem Körper die Züge der Route nachahmen und die Mange verstummte. Es wurde also ernst.

Eine 100-Meter Route. Ich stellte mich darauf ein, dass nun ein Versuch von mindestens zwei Stunden Länge uns erwartete, geprägt wie ich war, von den Vorstellungen irdischer Wettkampfkletterer. Aber nein, das Sportklettern hier hatte sich in eine viel spektakulärere Richtung entwickelt. Jonathans Stil war explosiv, schnell, atemberaubend. Bereits die ersten 10 Meter der Route zwangen ihn zu zwei weiten Sprüngen, die traversierenden Lochlinien zu vielen Kreuzzügen und ansehnlichen Demonstrationen blitzschnell ausgeführter Fußtechnik. Oft lief die Positionierung von Hand und Fuß in einer Bewegung. Nach 20 Metern, die dem Augenschein nach bereits die schwersten 20 Meter unserer Erde wären, kam dann ein schlechter Ruhepunkt, an dem der Aspirant ein wenig seinen Puls regulierte und das bisschen Laktat aus seinen Armen sich entfernen ließ. Er befand sich hier bereits ein gutes Stück über der riesigen Matte schien davon aber absolut unbeeindruckt. Offensichtlich war es wirklich kein Problem dort hinein zu fallen.

Das Publikum hatte sich hier etwas beruhigt, als Jonathan nun aber seinen Kopf hob, um den ziemlich weit scheinenden Sprung über ihm an zu visieren, brachen sie in frenetische Anfeuerungen und nachdem er den Zielgriff festgehalten hatte in ebenso frenetischen Jubel aus. So ging es knapp 30 Minuten weiter, das Publikum begeistert, die Züge für mich als Außenseiter unglaublich spektakulär, die Stimmung genial. Ein großes Fußballspiel hierzulande begeistert die Leute nicht mehr. Und was die Nachspielzeit des WM-Finales ist, folgte nun ab vier Fünftel der Route. Bis hier Jonathan absolut fehlerfrei geklettert, nun sah man ihm aber langsam die ca. 150 Züge an, die er bereits gemacht hatte. Aber er fightete, die Menge schrie ihn hoch und ich wurde unweigerlich mit hinein gerissen in den Strudel der Begeisterung. Was dieser Typ für Reserven hatte, war schlichtweg unglaublich. Die Explosivität, die er dort oben noch abrief, schlichtweg unnatürlich.

Es war klar, dass es knapp werden würde. Noch 10 Meter, die nochmals aufsteilten, nochmals ein paar weite Züge, nochmals ein paar kleine Griffe. Noch mehr Rufe, noch mehr Schreie um mich herum. Ein Sprung, ein unglaublich hoher Hook auf was weiß ich was, zwei drei Züge, dann der weite Hepper an den Griff, der ihm die Bestmarke einbringen würde. Das Publikum wusste es, spürte es mit ihm, schrie ihn hoch. Und er hielt ihn, schraubte ihn zu, ließ ihn nicht los, setzte den nächsten Zug an, hatte aber kaum noch Stabilität, kaum noch Spannung, kam nur mit einem Finger in das Loch, die Füße schossen heraus und es war klar, dass er das nicht mehr abfangen würde. Da erst dachte ich wieder an die 70 Meter, die ihn jetzt schon vom Boden trennten, maß sie mit dem Auge ab. Ein letzter verzweifelter Schrei der Menge, dann hielt er das Loch mit nur einem Finger nicht mehr länger und flog begleitet von einem großen „Oh“ ab. Aber wie. Auf den 70 Metern legte er sicher fünf Überschläge hin, näherte sich ziemlich weit dem Rand der Matte. Mit letztlich sicher knapp 200km/h schlug er schließlich ein und verschwand.

Ein paar Augenblicke und er hatte sich im Inneren der Matte zu deren Rand gerollt, entschlüpfte ihr, als wäre nichts gewesen und führte vor den 40.000 einen nicht enden wollenden Freudentanz auf. Zuerst allein, dann mit seinem Stab und am Ende mit den Zuschauern in den vorderen Reihen. Nein, er hatte keinen Durchstieg verbucht, aber doch die beste jemals erbrachte Leistung seines Sports gezeigt. Keine Spur der Enttäuschung über die nur zwei Züge, die noch gefehlt hatten. Auch die würden noch fallen. Ein echter Held dieser Welt, in die ich da gebeamt worden war.

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