Züruck

Klettern und Naturschutz – eine erweiterte Meinung

la bar de céüse
Blitz, blank, blumig. Der Wandriegel von Céüse. (Ganz oben klein zu erkennen die Lastwagenkolonne voller Müll, die gen Tal steuert.)

Als ich Mitte Juli 2008 nach Céüse kam, erfuhr ich von einigen Locals sogleich von der am nächsten Wochenende anstehenden Putzaktion an Fels und Zustieg. Das fand ich zwar etwas verwunderlich – hatte ich Céüse doch nie als verschmutzt erlebt – aber generell begrüßenswert. Als mir dann aber weiter erläutert wurde, dass ich auch jegliches im Freien schlafen z.B. auf dem Col de Guerins ab eben jenem Wochenende verboten sein würde,  musste ich doch nach den Gründen fragen. Laut Aussage eines Mitglieds des französischen Alpenclubs würde man jährlich eine Lastwagenladung (die Übersetzung des Wortes „Camion“, kann auch Kleinlaster bedeuten) Müll vom Wandfuß abtransportieren. Diese Aussage ließ mich dann doch stutzen. Das hätte ich nicht gedacht. Diese Umweltschweine von Kletterern! Und dann kritisierte der Alpenclubdelegierte weiter, Kletterer würde nur wenige Meter hinter ihre Biwakplätze Haufen in den Wald setzen. Nein Umweltschweine, dachte ich mir, ist da noch viel zu mild. Das Wort, das den beschreibt, der einen AKW-Betreiber in den Schatten stellt, will ich hier weder niederschreiben noch zuvor erfinden.

Unser Weltbild war erschüttert und wir sahen uns bereits nach einem neuen Schlafplatz für Minderbemittelte um (an diesem Ort hätten wir alles besser und sehr vorbildlich gemacht: nur mit Schaufel Haufen machen gehen, jeglichen Abfall mitnehmen, Tieren keine Möglichkeit geben diesen zu verschleppen und den Grundbesitzern stets mit einem Lächeln guten Tag sagen – wie wir es ja auch tun), da lud man uns persönlich zur Putzaktion ein. Getrieben von unserer kurz zuvor erweckten Scham und dem Charme einiger Helferinnen, meldeten wir uns wie Freiwillige der Miliz, den Lastwagenladungen Müll die Stirn zu bieten. Wir wurden mit Säcken, Handschuhen und Shirts bewaffnet und an einen der Abschnitt der breiten Front geschickt – ins Bouldergebiet östlich des Campingplatzes. Nach einer guten Stunde Durchstreifen des Geländes zu dritt hätten wir bereits knapp einen dieser Lastwagen füllen können, die ich bereits mit drei Jahren fahren durfte – Marke Matchbox und bequem auf meiner Handfläche zu parken. Kurz gesagt, wir hatten nicht mehr als 10 Kleinsteinheiten Müll gefunden und das lag nicht an unserer Faulheit. Der Platz war schlichtweg so sauber wie das schöne Frankreich an nur ganz weniger Orten. Und das, obwohl sich dort nicht wenige dieser einen AKW-Betreiber in den Schatten stellenden Gefährten sogar zum Nächtigen herumtreiben. Am Abend erfuhren wir, dass auch an den anderen Frontabschnitten ähnlich wenig Gegenwehr angetroffen wurde. Selbst die Verantwortlichen räumten ein, weniger Abfall als erwartet gefunden zu haben. Abschließend war sogar noch ein Buffet und eine Tombola nebst Filmpräsentation organisiert worden und auch die charmanten Helferinnen hätten nichts gegen eine inoffizielle Weiterführung der Aktion einzuwenden gehabt. Ein wunderbar organisiertes, hervorragend intentioniertes Unterfangen also, leider nur etwas wenig fruchtbar. Wieso?

Weil der Wandfuß des Felsriegels von Céüse kein Beispiel des Treibens einer verantwortungslosen Sportlerzunft ist, sondern vielmehr das genaue Gegenteil. So viele Leute bei Abwesenheit jeglicher öffentlicher Mülleimer und so wenig Abfall. Wo findet man das? (Ein berechtigter Kritikpunkt in diesem Falle sind die Flaschen, die zum Auffangen von Wasser verwendet werden und nicht mehr wieder mitgenommen. Daran sollte gedacht werden.) Und auch die Haufen direkt neben der Straße kommen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von den zahlreichen Picknickern. Welcher Kletterer, der dort länger bleibt, macht sich schon einen Haufen direkt neben seine Matte? Und welcher Kletterer, der nur für einen Tag vorbei kommt, macht seinen Gleichgesinnten einen Haufen direkt neben deren Matte?

In einem breiteren Rahmen gefasst: Was hilft die Schließung von Möglichkeiten unter freiem Himmel zu Schlafen, wenn doch genau die dort lebenden Leute zwangsweise den meisten Kontakt zur Natur haben und so das feinste Umweltbewusstsein entwickeln? Was hilft dem globalen Naturschutz die Schließung von Felsen, wenn genau dort – in der Natur – die enge Beziehung zur Natur und das Verantwortungsgefühl entsteht? Sollen die Leute im Hotel oder auf dem Camping lernen, das es Haufen zu vergraben gilt (ein wahrhaftes Problem in Céüse sind die Mengen Haufen am Fels)? Soll in der Kletterhalle gelernt werden, wie schön und schützenswert unsere Umgebung ist? Wäre es global betrachtet nicht viel förderlicher, die Menschen nach draußen zu locken und ihnen Richtlinien zum Umgang mit der Natur nahezulegen, deren Sinnhaftigkeit sie dort lernen zu verstehen?

Ich will nicht den Sinngehalt irgendwelcher Spezialfälle in Frage stellen, auch befürworte ich für beide Seiten tolerierbare und gut kommunizierte Kompromisse, in Frage stellen aber will ich den Fundamentalismus auch auf Seiten von Arten- und Naturschützern und dessen langfristige Sinnhaftigkeit für mehr als eine Gräserart. Wo bietet sich heutzutage schon noch die Möglichkeit so direkt Umweltproblematiken zu erfahren? Wie wertvoll Wasser ist, wenn man es schon nur eine halbe Stunde zu Fuß transportieren muss. Wie wertvoll Energie ist,  wenn schon seit Tagen nicht mehr genug davon vom Himmel scheint, um wenigstens ein paar Sachen zu trocknen und für eine Stunde mal nicht nasskalt dahin zu frösteln. Wie wertvoll das einfachste Essen sein kann, wenn man es ausnahmsweise einmal zumindest ansatzweise wirklich benötigt. Wie wertvoll schnell zurückgelegte Kilometer sind, wenn man sich bereits darauf eingestellt hat, nur in der Jacke draußen zu schlafen, weil einen der Daumen nicht vom Einkaufen zurückbringen will und dann doch noch jemand hält. Wie wertvoll es für die Einmaligkeit und Schönheit des Platzes, an dem man einige Wochen wohnt, ist, seine Spuren so wenig sichtbar wie möglich zu halten.

Wie erfüllend eine ganz einfache Art zu leben sein kann. Step lightly!

Züruck