Züruck

Les Gasts, die Gastlosen

Gastlosen Nordseite
Die Nordseite der Gastlosen. Heimat für Großes und Steiles.

Nur Plaisir bis zum Umfallen? Auch. Aber nicht nur. Die Nordseite mausert sich langsam zu einer Adresse für hohe Grade bei hohen Temperaturen. Ein Abriss über die „höchsten“ Sektoren.

Hoch war hier eigentlich schon immer alles. Die Wand, der Zustieg, die Qualität des Ausblicks und die Meter über dem Meer. Nur die Temperaturen und bis vor einigen Jahren auch die Grade waren es nicht. Ersteres ändert sich hoffentlich in Zukunft nicht weiter, letzteres hoffentlich schon.

Eines muss hier gleich vorweg genommen werden. Wer hier an einem Schönwettertag mit Taltemperaturen um die 30 Grad schwer klettern will, der sollte so zeitig am Einstieg stehen, dass er seine ernsthaften Versuche um vier Uhr Nachmittag beendet hat. Denn dann kommt die Sonne ums Eck und dann wird es auch auf 2000 Meter warm. Aber dafür kann man dann in Ruhe die Sonne genießen, auf einen Kaffee oder ein Bier auf der Terrasse des „Chalet du soldat“ – mit herrlichem Blick auf die komplette Nordwestwand – vorbei schauen, oder auf dem Heimweg noch in Lac de Gruyère springen.

Die imposante Hauptkette erstreckt sich über ca. 2,5km Länge und bis zu 350m Höhe, ist in den unteren Bereichen fast überall überhängend und flacht z.T. erst in der neunten Länge ab. Im Testpiece „Yeah man!“ an der großen Pfadfluh kann man beispielsweise einen Stein noch vom letzten Standplatz in über 300m Höhe, ohne zu werfen auf den Boden fallen lassen. Die Südseite, die sich auf vor allem plattigen, leichten Routen genauso beklettern lässt, inklusive, verzeichnet der aktuelle Gastlosenführer über 1500 Seillängen. Für den ambitionierteren Aktiven ist davon zwar nur ein Bruchteil interessant, das was es aber ist, hat es in sich. In der Folge sollen im Speziellen drei Sektoren – Lochgrat, Großturm (rechter Teil) und Col d’Oberberg – sowie der Mehrseillängenhammer „Yeah man!“ vorgestellt werden.

Hat man es einmal in einer guten halben Stunde zum Chalet geschafft, steht man fast schon direkt unter der Hauptwand des rechten Teils der Kette, in der Lochgrat und Großturm dicht nebeneinander liegen. Folgt man dem steilen Weg dann nochmals eine viertel Stunde, trifft man direkt auf die Routen des Großturm, die im linken Teil wunderbare Klettereien zwischen 6a und 7c bieten. Immer gut griffig, meist leicht überhängend. Rechts davon waren lange nur drei wenig begangene Routen zu sehen. Seit 2008 führt das Auge nun jedoch eine blinkende Kette goldener Haken durch einen markanten grauen Streifen und darüber hinaus, und hinaus, und hinaus. Man braucht gute Augen, um die Kette auszumachen. Rechnet man die zehn Höhenmeter bis zum Einstieg hinzu, blinkt die nämlich erst 80 Meter über dem Kopf des Betrachters. „Aquarius“, von Dirk Uhlig 2009 erstbegangen und mit 8b bewertet, verlangt einiges an Übersicht, Ausdauer und Beinarbeit. Links davon gesellten sich 2009 dank Jörg Andreas dann nochmals zwei 35m-Toprouten hinzu. Perfekter Fels, immer weiter aufsteilend und schon mal etwas vertrackter gestalten sich „Chat noir“, 8b von Jörg und „Caresse mentale“, 8c von Pirmin.

Steigt man nun fünf Minuten nach rechts hinauf, traversiert man unter der „Mur jaune“, bestem Fels mit echten Technik-Testpieces bis 8a, hin zum Lochgrat. Hier wird sich mancher wohl erstmal denken: „Wow, so kurze Routen in so einer großen Wand!“. Die etwas vorlagerte, steile Wand ist auch wirklich nicht höher als 15 Meter. Für manchen wird das aber auch die Rettung sein. 35m+ ist bekanntlich nicht jedermanns Sache. Schrecken ein paar Meter Kletterstrecke jedoch nicht, warten im oberen Teil der Hauptwand die geniale „Vapeur de tacos“, 8a, sowie eine weitere, längere 8a+, will man allerdings eher seine Maximalkraftausdauer unter Beweis stellen, ist zuunterst der „place to be“. Neben einigen Routen im sechsten und siebten Franzosengrad, fallen hier besonders „Marc“, 8b+ und „Philou“, 8c ins Auge. Beide bieten knackige, bisweilen sogar sehr ausgefallene Züge in bestem Fels auf eher bescheidenem Griffgut. Und auch diese durchgehend schweren 15 Meter können pumpen. „Marc“, von Daniel Winkler ursprünglich mit 8b bewertet, wurde derweil per diktatorisch-demokratischen Beschluss auf 8b+ aufgewertet. Im Gebiet sind halbe Grade nicht erwünscht und letztere Bewertung trifft den Sachverhalt besser. „Philou“ dagegen geht eher als Geschenk durch. Wer eine richtige 8c machen will, dem sei „Marcophil“ empfohlen, welche direkt nach der Crux von „Marc“ in „Philou“ hinein quert und so alle schweren Moves der beiden Routen vereint.

Beide beschriebenen Sektoren sind mehr oder weniger immer trocken und weisen quasi keine Stellen auf, an denen Wasser durchdrückt. Zwar kann es per Gewitterregen schon mal von ganz oben reinlaufen, zwei Stunden Sonne genügen in der Regel aber zur kompletten Trockenheit.

Den Leser ans ganz andere Ende der Kette gebeamt, steht er nun zwischen den Blöcken des Col d’Oberberg, im Halbrund steiler, steilerer und ganz unsteiler Routen. Hier herrscht eindeutig nur eine Griffform: Das Loch. Finden die sich in zuvor beschriebenen Sektoren zwar auch, regiert dort aber eher die Leiste. Hier jedoch muss man von Glück sprechen, dass in den überhängenden Platten immer wieder Löcher den Panzer durchbrechen. Den zentralen Wandteil teilen sich ca. 25 Routen zwischen 6b und 8a+ (darunter zwei sehr schöne 8a), rechts gibt es einen Block mit ganz einfachen Wegen und ganz links, etwas nach hinten versetzt, erneut knapp zehn Touren im gleichen Spektrum. Auch hier die 8a ein echtes Highlight.

Am weitaus imposantesten aber klotzt halb links ein 50m-Riesenüberhang heraus. Gelb, weiß, überall Löcher. Sieht aus wie Schweizer Käse. Die Routen aber sind härter als jeder superreife Greyerzer Hartkäse. Im linken Teil eröffnet „King Kong“, 8a, 25m, das Gepumpe. Rechts davon gibt der Brocken sogar eine 7b+ her, dann aber wird nichts mehr verschenkt. „Paradox“, 8b, 40m, wunderbar, „La psychose“, 8c, 45m, gnadenlos, „Torture phisique“, 8c, 25m, etwas gnadenvoller und der Ultraklassiker. Hier reicht eine moderate Kraftausdauer, in den beiden zuvor genannten Endlosrouten reicht eine moderate Kraftausdauer definitiv nicht. Trotzdem sind sie alle genial und eine echte Herausforderung für den gewöhnlichen Voralpenkletterer. Für den, der nach einmal Durchbouldern von „Paradox“ gemerkt hat, dass eine Crux auf 35m und nochmal ein schwerer Zug auf 38m nichts für ihn ist, der kann links des Überhanges auch die kurze „Un été en ombre“, 8b versuchen.

Der Col d’Oberberg besticht insgesamt durch sein großes Spektrum an Routen und die Schönheit des Platzes, an dem nach dem Klettern auf den vielen mit Moos gepolsterten Blöcken in die in Frankreich untergehende Sonne oder den Almenrausch geschaut werden kann. Die Passlage sorgt außerdem häufig für Wind und so noch besseren Bedingungen. Achtung allerdings nach langen Regenperioden oder starken Niederschlägen! Dann kann schon mal das eine oder andere Loch siffen, auch wenn die Wand von Weitem komplett trocken aussieht. In solchen Zeiten empfiehlt sich eher die rechte Hälfte der Gastlosen.

Zu guter Letzt seien noch kurz die neun Längen von „Yeah Man!“ besucht. Die von Guy Scherrer und Francois Studemann hervorragend ausgerüstete, alpine Sportkletterei zieht durch den höchsten Wandteil der Gastlosen, die Pfadfluh. Nach vier schönen, leicht überhängenden Längen (7a+, 7b+, 7b+, 7c) hat man die steile, gelbe Wand im unteren Teil überwunden. Allein wer glaubt, wenn es sich zurück legt, wird es leichter, hat sich in den Gastlosen schon mal schnell geirrt. Der Kalk ist so hart, dass Platten nicht von Wasserrillen durchzogen sind, eher sind sie von nichts durchzogen und wenn auch nicht mal senkrecht, stellenweise unkletterbar. Das trifft auf die folgenden zwei Längen zwar nicht zu, bei 8a+ und 8a (eher 8a+) sollte man aber in jedem Fall gut stehen können und wissen, wie man über eine Platte wurstet. Denn dass es einmal senkrecht würde, darauf können die Aspiranten lange warten. Vor allem die zweite Länge wartet mit einem Plattenboulder auf, der unglücklicher- (oder Unglück bringender) weise mit Metallbürsten gesäubert wurde. Grip Adé! Zur Belohnung winkt dann aber der erste Stand, in dem man nicht zwingend hängen muss. Die folgende 8a verspricht wunderbar steile Lochkletterei. Hält sie aber nicht. Bis drei Meter vor dem Stand eine geniale 7b+, würgt die Länge dem fröhlichen Alpinisten doch noch eine finalen Plattenstelle rein. So wird’s 8a. Ein weiterer Schlingenstand und dann nur noch die leicht überhängende Headwall. Schöne, technische 35 Meter im Grad 8b. Und dann? Eine Platte. Die Rotpunktcrux, 8b+. Danach ist es gegessen, aber was heißt in diesem Fall schon gegessen…

Happ, happ, geht hier in jedem Fall nichts. Alle Aspiranten (außer Adam Ondra) sollten einiges an Zeit und Geduld mitbringen, ansonsten braucht es allerdings nur normales Sportklettermaterial plus Doppelseil. Rotpunktversuche sind hier zwischen Juni und September drin, Baseclimbs sind auf der Nordseite auch an warmen Oktobertagen noch gut möglich. Zu unterschätzen ist allerdings nicht der Umstand, dass der Fels zunächst einmal die Temperatur der frühen Morgenstunden adaptiert, bevor ihn nachmittags die Sonne wärmt. Kalte Nächte bedeuten also zunächst mal kalte Finger. Im Sommer ist der kühle Fels in trockener Luft dagegen Verursacher teilweise ganz extraterrestrischer Bedingungen.

Und wenn man dann am Abend zurück in die Ebene fährt, zum Abendessen auf dem Balkon sitzt und da auch die halbe Nacht lang noch sitzt und nichts über das T-Shirt zu ziehen braucht, dann muss man schon mal schmunzeln, dass solch perfekter Sommer mit so perfekten Klettertagen sich mancherorts so gut verträgt.

Züruck