Züruck

La Tribune in Charmey – Ganz normaler Wintersport

DAniel Rebetez in Un procès aux étoiles, 8b in Charmey
Der Tribuneklassiker: Un procès aux étoiles. Eingebohrt und geklettert von Daniel Rebetez.

Wir stapfen durch feinen, knöcheltiefen Schnee. Der Boden ist weiß, der Wald ist tannengrün und weiß und unter seiner Puderlast gebeugt. Der Himmel ist grau und es ist schwer zu sagen, ob er nicht doch langsam etwas weißer oder sogar blau wird. Ich habe wirklich Lust zu klettern, also würde ich sagen, er wird blau. Stahlblau. Es bleiben ihm noch 150 Höhenmeter es zu werden, sonst wird das ein kalter Klettertag. So kalt, dass auch der ein oder andere Skitourengeher ihn wohl abgeblasen hätte. Minus sechs Grad. Aber – wie gesagt – es bleiben uns ja noch diese 150 Höhenmeter um ins Blau vorzustoßen.

Wir befinden uns im 20 minütigen Anstieg zum Sektor „La Tribune“ in Charmey in den Freiburger Voralpen und es herrscht für die Nordschweiz typisches Winterwetter. Hochnebel, das Flachland seit einer Woche begraben in seinem Grau. Noch nicht genug Schnee zum Skifahren und Temperaturen zum Schlittschuhlaufen, nur dass in diesen Seen hier alle paar Tage der Wasserstand geändert wird und Eislaufen mit einem Meter Luft zum Wasser bekanntlich riskant ist. Und weil wir sowieso am liebsten Klettern gehen, haben wir uns nun eben der Hoffnung verschrieben, zumindest an der Nebelobergrenze zu kratzen und auf ihren Rückzug im Laufe des Tages zu rechnen. Wenn die Rechnung aufgeht, ist es die perfekte kleine Flucht aus dem großen Grau. Sonne, kein Wind, Thermikstau im Hang, am Talgrund Watte und perfekte Bedingungen am rauen, grauen Nordalpenkalk.

Seit hier die Erschließung unter der Federführung von Daniel Rebetez im Jahr 2005 begann, haben sich inzwischen erstaunliche 92 Routen versammelt, in fast allen Graden zwischen 5c und 9a, in fast allen Steilheiten zwischen 60° und 130°, auf fast allen Griffformen zwischen Sloper und Loch und in fast allen Längen zwischen 10 und 50 Metern. Erstaunlicherweise kann man sogar fast das ganze Jahr hier klettern.

Aber Vorsicht, bevor der Leser jetzt sofort losrennt! Es gibt ein paar Einschränkungen. Bei kaltem Winterwetter darf es vorher nicht zu nass gewesen sein, sonst findet man sich schon mal in einem Wald aus Eis gewordenen Damoklesschwertern wieder. Es sollte also ein paar schöne Tage gehabt haben, damit diese zu Boden gehen konnten. Wenn dann aber die Sonne in den Hang knallt, kann es trotz Taltemperaturen unter dem Gefrierpunkt bis zu 25° in der Sonne haben. Und wenn sich dann der Tag um vier Uhr hinter den gegenüberliegenden Berg versenkt, herrschen ca. 20 Minuten die besten Bedingungen, die man sich wünschen kann. Warmer Fels in kalter Luft. Das Waterloo eines jedes Wassertröpfchens, das sich dort zur nächtlichen Ruhe setzen wollte.

Weitere Einschränkungen sind – wie häufig im Nordalpenkalt – Regenperioden. Es gibt zwar einige immer trockene Routen, wenn es aber überall durchdrückt und tropft, ist das Ambiente nicht viel netter als winters im Wald der Damoklesschwerter. Gleiches gilt für die Schneeschmelze. Und dann natürlich die Hitze. Da die Wand wirklich vollständig nach Süden ausgerichtet ist, kann es dort sehr heiß werden. An Sonnentagen mit über 25 Grad sollte man es sich einen Besuch zweimal überlegen. Positiv dagegen wirkt sich Frühjahr die Steilheit der Wand aus, so dann ab Mitte April die Sonne den Fels nur noch teilweise berührt, was sich freilich positiv auf die Reibung auswirkt.

An der Menge aller Tage aber, an denen oben genannte Einschränkungen nicht zutreffen, steht einem angenehmen Klettertag nichts im Wege. Keine gefährlichen Hakenabstände (viel eher das Gegenteil), keine speckigen Griffe (vor allem in den höheren Graden auch hier eher das Gegenteil), keine Massen von Mitaspiranten (es gibt ohnehin genügend Routen), keine laute Straße nebenan (sie befindet sich in sicherer Entfernung), viele fixe Exen und wahrscheinlich auch ein Local, der einem sagt wie‘s geht. Und ich wage hier die freilich sehr gewagte These, dass sogar Adam Ondra mindestens eine Woche bräuchte, um die zwei 9a, die vier 8c, die sechs 8b+, die sechs 8b und den ganzen Rest zu punkten.

Wäre er heute dabei, vielleicht auch nicht. Denn der Nebel lichtet sich wirklich noch rechtzeitig und es verspricht einer dieser Tage zu werden, an denen alles passt, es so richtig „klebt“. Nach einer Woche permanenter Minusgrade erst mal im T-Shirt in die Aufwärmroute und wie sich die Finger auf den ersten Griff legen die Gewissheit. Wenn die Performance heute nicht stimmt, lag es bestimmt nicht an den Bedingungen.

 
 

Züruck

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