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Züruck

Wenn Enden immer dicker werden – Acht Monate Cousimbert, sechs Boulder im achten Grad und ein ganz dickes Ei am Ende: Drop a line, 8C+

 

Acht Monate Cousimbert, sechs Boulder im achten Grad und ein ganz dickes Ei am Ende: Drop a line, 8C+

 

Normalerweise sieht man das Ende ja klar vor sich. Soundsoviele Tage bei dem und dem Wetter und dann ist die Katze im Sack. Oder die Route auf der Ticklist. Man sieht das Ende ganz klar durch ganz klares Wetter und ganz klare Form und dann zieht wie immer der Nebel auf und irgendetwas wird nass, der Körper wird müde. Oder der Geist. Welcher Geist will schon immer und immer wieder die gleichen Bewegungen machen?

 

 
 Der Cruxzug von Drop a line, einer von 25.

 

Ich sah das Ende ganz klar nicht. Ich war mir sicher es nicht zu erreichen. Viel zu schwer diese Abfolge von Zügen, von denen ich erst nach mehreren Tagen überhaupt die Einzelbewegungen konnte. Und dann auch noch so viele. 13 Stück. Dazu einige sehr anstrengende Trittwechsel und Fußverschiebungen. Und der schwerste Zug von allen erst an Stelle sieben. Der Sprung von dieser gräztigen Leiste mit links, der Daumen liegt höher als die anderen Finger, ultimatives Stellen, fast Krallen, jedes Mal schmerzte meine ganze Hand, wenn ich nur diesen einen Zug versucht hatte. Und man musste die Leiste schon zuvor vier Bewegungen lang halten. Ich wollte gar nicht wissen, wie meine Hand sich anfühen mochte, würde ich einmal an den Punkt kommen, diese fünf Moves an einem Stück zu machen. Kurzum, ich war mir sicher, das Ende dieses Projektes niemals zu erreichen.

Dabei sah ich das Ende gar nicht. Ich war schlichtweg zu alt, um den Mut aufzubringen, mir solch einen stabilen Hochdruck in Sachen Formkurve, wie er sich im Aufzug befand, überhaupt vorzustellen.

Das Ende lag noch ein gutes Stück weiter, als das Nicht-Ende, dass ich jetzt, im November 2014, an der Schwelle zum Winter, bereits ausschlug. Drop a line würde dieses viel weitere Ende eines schönes Frühlingstages getauft werden. Aber auch davon sah ich noch nichts im Nebel der Rationalität.

Noch suchte ich einen Stehtstart, der irgendwie Sinn machte, aber es fand sich keiner. Ich zog einen Kniestart in Erwägung. Ich kam mir lächerlich vor. Dann probierte ich weiter den Sitzstart, auch wenn ich ihn niemals brauchen würde. Es war ja egal. Ich war ja hier um zu klettern, mich zu bewegen, die Ruhe zwischen den Bäumen zu genießen und eben diesen Flysch, wie er heißt. Schichten aus Sandstein zwischen solchen aus Lehm. Dicke Schichten aus Sandstein in diesem Falle. Meterdick und hart, selbst Granit würde brechen, könnte er überhaupt solche Formen erzeugen. Kann er aber nicht. Nicht einmal Gneiß. Alle erscheinen sie einfallslos diese Gesteine, wenn man hier oben die vom Wasser geformten Griffe putzt, die Leisten und Risse und Sloper und Zangen und Löcher und Kellen und das ganze, ja in diesem Falle ganz wortwörtlich zu nehmende, Gewäsch. Einfallslos erscheinen die Urgesteine auf einmal, und vor allem noch eines: glatt. Nein Granit ist kein raues Gestein, dies ist eine Mär, Gneiß ebensowenig. Gestein muss mit der Haut interagieren, ein Symbiose eingehen, ihren Schweiß aufnehmen und die Feuchtigkeit der Luft abstoßen. So wie der grobkörnige Sandstein hier oben, an dem das Klettern auch noch an Tagen Spaß macht, an denen es in der Ebene 30° hat. Wenn auch der Umstand sich auf 1100m, im Schatten des Waldes und in einem nordseitig ausgerichteten Hang zu befinden, dem noch entgegen kommt.

Ich vergaß mich im Rhythmus des zwei Mal pro Woche in meinen acht verschiedenen Projekten an ein und demselben Block Arbeiten, bald kam der Schnee und ich musste von nun an vom Tal aus mit Schneeschuhen aufsteigen, der Wald wurde noch einmal ruhiger und der Grip noch einmal unwirklicher. Ich verlor die verschiedenen Enden fast ganz aus den Augen, es war auch nicht so wichtig, bei so vielen Linien in allen Abstufungen des achten Grades. Irgendetwas würde ich schon am Ende des Winters geklettert haben. Und wenn nicht, wäre es auch schön gewesen. Denn es war schön, jetzt, im Moment, vor meinem Eimer mit meinem Feuer darin und dem orange-blauen sechs Metern Überhang über mir. Mein Dach, das mich vor Schnee und Regen schütze und seiner Krempe aus Wurzeln, einem weiteren kleinen Dach, das den baumbestandenen Block um einen halben Meter überragt und die Garantie dafür gibt, dass wenn immer Frost die Nächte beherrscht, man hier bei besten Bedingungen klettern kann. Ausnahmslos. Ich liebte die Tage mit mir, der ich sonst mit zwei Kindern quasi nie alleine war, und diesen knapp 100 verschiedenen Zügen, den alten Matratzen und wenigen echten Bouldermatten, den seltenen Vogelschreien und den kleinen Schüben aus körnigem Schnee, den der Wind von den Bäumen unter den Überhang wehte.

Ich konnte das alles ganz druckfrei genießen. Ich ja jetzt frei. Jetzt, seit diesem Jahr, seit dieser Zäsur in meinem Kletterleben, seit dieser Verletzung von sechs Monaten Länge, die sich bis in den Sommer erstreckte und mich spannungslos und schlaff, und um fünf Kilo Muskelmasse erleichtert zurückließ. Frei und ohne Sponsoren, ohne Ambiotionen, wie sie mich immer begleitet hatten. Ich hatte damit gerechnet, eventuell nie mehr wirklich zu klettern, jetzt genoss ich jedem Atemzug meiner Arme, der irgendwie an alte Höhen meines Niveaus erinnerte. Oder auch nur an alte Intensität. Ich war frei, auch weil ich im Grunde nicht mehr das Leben eines Kletterers führte. Ich sah, abgesehen von gelegentlichen Ausflügen nach Charmey keine anderen Kletterer, ich sprach nicht übers Klettern, ich schrieb nicht darüber, meine Homepage verwaiste, ich machte keine Bilder davon und auch keine Videos. Ich kletterte, wie andere Leute joggen gehen, zwei Mal die Woche zwei oder drei Stunden, fünfzehn Minuten Anfahrt, je nach Schnee zwischen einer viertel und einer halben Stunde Zustieg. Nach drei Stunden war ich wieder zu Hause. Niemand außer meiner Freundin interessierte sich dafür, was ich machte, man sorgte sich höchstens, dass ich statt richtig zu arbeiten einen Roman schrieb und immer noch klettern ging, jetzt wo ich ja gar kein Geld mehr damit verdiente. So denken die Spießer. Leider auch die in meiner Schwiegerfamilie.

Ich hatte nicht aus Versehen meine Sponsoren verlassen, auch sie hatten mich nicht verlassen. Ich hätte gerne etwas mit dem Geld, das ich ganz offen gestanden im Moment nicht brauchte, für andere getan. Ein etwas besserer Vertrag und dafür gehen alle Prämien an soziale oder ökologische Einrichtungen, aber das lag nicht drin. Also ging ich. Zudem lebten wir in einer Jurte, heizten uns mit drei Ster Holz durch den gesamten Winter und lebten ganz insgesamt mit einem Fußabdruck von unter eins. Dementsprechend mein Alltagskonsum. Man muss ihn eher Nichtkonsum nennen. Sprit verfuhr ich auch kaum welchen mehr und essen konnten wir nur noch, was sich in einem afrikanischen Kühlschrank aus zwei Töpfen Ton und einer Schicht Sand zwischendrin hält, also sicher kein Fleisch.Und massenweise Essen vergammeln lassen taten wir auch nicht mehr. In einem afrikanischen Kühlschrank muss man sich keinen Illusionen hingeben, was die Haltbarkeit angebrochener Speisen angeht. Man isst sie besser gleich. Den Rest verzehrten unsere drei Hühner, mit ihren drei Eiern pro Tag und den elf Hektar Auslauf. Geld war unter diesem Umständen nicht unsere Sorge. Und ich wollte endlich einmal der Versuchung widerstehen, Geld, das ich auch in Zukunft wohl eher nicht brauchen würde, auf einem Konto anzustauen, wo es doch nur wieder einen Zirkus belebt, von dem überall in der Welt Ungleichheit und Tod ausgehen. Geld in den Händen, Blut an den Händen.

Es machte mich freier. Mein monatliches Budget war auch inkl. Kinder auf unter 500 SFr. Gesunken und ich konnte also einfach so, vollkommen sinnlos, zwischen verschneiten Bäumen verschwinden und mir an eiskaltem Sandstein die Finger langziehen. In geflickten Hosen und auf alten Matratzen natürlich.

Vielleicht war es auch deshalb, weil ich keine Klicks und keine Plays, keine Prämien, keine Artikel und keine neuen Verträge im Hinterkopf hatte, dass sich die für unmöglich erklärten Enden meiner acht verschiedenen Bouldergeschichten, vor allem jenes von Drop a line, immer mehr von ihrer möglichen Seite zeigten. Nichts ist abträglicher für das Erforschen des eigenen Limits als der Druck regelmäßig etwas zu veröffentlichen.

Den Anfang unter den nicht mehr Unmöglichen machte Mitte Dezember Roots in the basement ext, die Verlängerung des schon existierenden Hybrids aus Traverse und Boulder, die ich damals im Winter 2013, als ich auch noch anderswo boulderte und als ich also noch wusste, was Grade eigentlich waren, und wo sie so lagen, mit 8A+ bewertet hatte. Jetzt stand ich vor dem Problem, dass die neuen sieben Züge im Grunde genauso schwer waren, wie die alten und der Übergang das genaue Gegenteil eines Ruhepunktes war, nämlich eine enorm pressige Untergriffpassage. Zwei Mal 8A+ hintereinander? Ich suchte nicht zu lange nach etwaigen Vergleichen, vielleicht war die erste Bewertung ja auch etwas zu hoch gegriffen, und so schob ich alles Bewerten erst einmal in ungewisse Zukunft davon. Ich musste ja nicht. Zu schwer für alle Boulderer, die ich so in der Umgebung kannte, war es ohnehin und somit hors categorie und irgendwie irrelevant. Bislang kletterte hier oben nur ich. Nicht, dass ich nicht auch gerne mit anderen durch den Schnee aufgestiegen wäre, aber die leichteren Blöcke waren ja zumindest nicht aussteigbar und vor allem seit meinem zweiten Kind im Oktober und einer Jurte ohne Internetz scheute ich alles Organisieren und Termine Vereinbaren noch mehr als zuvor. Ich wollte mich ins Auto setzen können und losfahren. Wann immer es mir und meiner Familie gefiel. Außerdem hatte ich mir mein Plateau unter dem Block, dessen Schlusshenkel ganz links immerhin knapp sechs Meter über dem Boden liegen, schon im Herbst fertig gestellt und mit insgesamt fünf Matten konnte ich problemlos auch ohne Spotter klettern. Und ich hatte ja die bis Dezember noch trockene Tribune in Charmey, an der ich freilich nicht das Solokletten begann, nur weil ich das Solobouldern entdeckt hatte.

Ebenfalls noch vor Weihnachten fiel dann das zweite meiner Projekte, eine etwas weniger eigenständige Kombination aus der eher moderat schweren (unter 8) Kante Spit me out und dem rechts davon gelegenen Wintertime love.Out of winter ist in etwa im Bereich von Roots in the basement ext anzusiedeln und klettert sich ohne Kneepad. 17 Züge umfasst das gute Stück und die Crux, für die ich im Herbst noch mit Kneepad mehrere Tage gebraucht hatte, befindet sich kurz vor Schluss. Ein netter Vorgeschmack auf Wintertime love, das seine deutlich härteren Züge unten und dann den selben Ausstieg hat. Aber so weit sind wir noch nicht. Mir fehlen in diesem ausgehenden Jahr 2014 noch immer die vier schwersten Einzelzüge aus vier der noch verbleibenden sechs Linien. Vier ganze Monate bin ich jetzt dran an fast ausschließlich diesem Stück Fels. Aber noch steigt die Formkurve an. Stets zwei oder drei Tage zu rasten und nur selten einen Boulder mehr als einmal die Woche zu versuchen zahlt sich aus. Außerdem esse ich fleißig, wenn auch stark unterdosiert, die Produkte meines verbleibenden Partners Maiday, dem ich nicht den Rücken kehrte, weil er mir wirklich etwas für mein Klettern und nicht „nur“ für mein Budget brachte. Das Unternehmen ist sehr jung und sehr lokal und man kann die Zusammenarbeit bei einem Materialbudget von um die 200€ pro Jahr auch eher als Entwicklungszusammenarbeit, denn als Sponsoring bezeichnen, aber meine Regeneration ist dank Recovery einfach 50% schneller als zuvor.

Nach Weihnachten und zwei Wochen Berlin (wo Jeanne ein Praktikum macht) knüpfe ich nahtlos an alte Tatkraft an. Die Tribune ist (nachdem ich in meinem Projekt Meiose am letzten Zug gescheitert war) erst einmal abgesoffen und richtig kalt wird es auch erst jetzt. Hochsaison. Der Schnee türmt sich bis fast zu einem Meter stetig weiter auf und meine Schuhe (bzw. Füße), die ich mehr noch als meine Hände vor der Kälte über dem Feuer schützen muss, riechen wie Räucherschinken über Buchenholz. Aber die noch vermissten Einzelzüge kommen langsam und dann auch recht schnell die ersten harten Linien. Als Amuse-geule noch Money is a shallow pleasure, die leichteste aller acht Linien (soll heißen, nur wenige Tage Aufwand), dann legt sich der Februar wie eine eisig wohlige Decke über mich und meinen Wald.

Am 4. fällt Underclass poem fast im Aufwärmen und ich bin versucht etwas wie Normalität zu fühlen, aber halt! Ich muss mich zwingen noch einmal nachzudenken, zurückzudenken: Diese Linie ist nicht nur die direkteste und ästhetischste am ganzen Block, rechts der linken Kante und 13 Züge straight noch oben, sie ist auch keine Blume, die ich „nur“ einen Herbst und einen Winter lang gehegt hätte. Seit 2012 versuche ich dieses Ding unterschiedlich intensiv. Direkt nach Minimalomania (8C+ trav.) im Lindental zum Beispiel scheitere ich über zwei Monate lang daran. Bei besten Bedingungen und ausschließlicher Konzentration auf dieses Projekt. Ich habe 2015 zwar eine neue Methode verwendet, was aber auch nur möglich wurde, da ich die dafür notwendige Leisteerst jetzt halten konnte.

Ich klettere nach wie vor allein für mich und ohne Grade, aber natürlich erfüllt es mich mit Stolz, mich selbst so in den Schatten zu stellen. Und die Woche hat ja gerade erst begonnen.

Vier Tage später fällt bei Minus sechs Grad an einem Tag erst Wintertime love und dann das im November noch unmöglich erscheinende erste Ende von Drop a line (das es so natürlich heute gar nicht gibt). Während ich an zwei Einzelzügen der verbleibenden drei Projekte mir noch immer die Zähne ausbeiße, lief mir letztere mit ihren stetig schweren Zügen und der dadurch geforderten Maximalkraftausdauer immer besser rein. Jeden Tag am Block ein bisschen besser und schon steht der psychische Rahmen, den es für die ganz schweren Sachen eben zwingend braucht: Zuversicht.

Es sind die beiden schwersten Boulder des Blocks bis hier her und so wie ich vor Jahren (2006) ausflippte, weil ich in Céüse zwei 8c an einem Tag klettern konnte, schreie ich auch heute durch den stillen Wald. Und bin doch groß geworden. Und mit mir wohl auch die Buchstaben.

Der Winter hier oben ist noch lang, die Tribune ist noch nass, mein Buch noch lange nicht geschrieben und vor allem habe ich noch lange nicht genug. Aber die Linien gehen aus. Drei sind es noch und eine, aus der ein Griff geflogen war, gelingt mir schnell, als es mal zwischendrin warm genug zum Kleben wird. Etwas schwerer dürfte sie sein als Money is a shallow pleasure. Sie soll hier zunächst ohne Namen bleiben, es folgt warum.

Bleiben noch zwei und die flüstern mir jetzt langsam, da erst der Schnee und dann der März unter meinen Fingern schmilzt, was ich doch bin, im Grunde: ein Kletterer, kein Boulderer. Kein echter. Bis zum Ende der Saison sollen mir die beiden Cruxzüge von Walden und Drop your money while you can nicht gelingen. Im Fall von Walden hätte auch noch ein ziemlich schwerer Einstieg gewartet, die Sache war ohnehin ein bisschen aussichtslos (aber: was heißt schon aussichtslos in Zeiten der Entgrenzung), aber die zweite Nuss hätte ich schon gerne geknackt.

Als es mir irgendwann einmal zu blöd erscheint, den ganzen Bouldertag über die gleichen zwei Moves zu probieren, setzte ich mich kurz zwei Meter links an den Einstieg von Underclass poem.Einfach, um es einmal auf der alten, originalen Variante zu versuchen, die, die ich so, so viele Male unter den Fingern hatte. Ich war seit sechs Wochen nicht in dem Boulder und in der Orginalcrux seit Monaten nicht mehr.

Das Ganze geht sofort, erster Versuch, nicht einmal extra knallen muss ich. Ungläubig stehe ich im Wald herum. Was mir seit meiner Kletterpause widerfährt, davon hatte ich nicht einmal gewagt zu träumen, denn einer meiner Schlüssel zu recht hoher Leistung bei mäßigem Talent war immer meine Rationalität, die mich vor Enttäuschung schützte. Jetzt muss ich einfach lachen. Vor einem halben Jahr noch hatte ich gezweifelt, überhaupt irgendwann einmal wieder richtig anreißen zu können und jetzt das.

Fast zu spät dann erscheint die logische Konsequenz aus dem mir selbst gemachten Nebel der Selbstunterschätzung. Der Cruxzug vom (kurzen) Drop a line endet dort, wo der Boulder mit dem geflickten Griff beginnt (als Sprungstart). Beide zusammen ziehen die direkte diagonale Linie von links unten nach rechts oben über den gesamten Block. 22 Züge und der alte Ausstieg (ca. 7B) wird durch etwas ersetzt, was ich im alten Jahr noch tagelang erfolglos versucht hatte und auch 2015 noch drei Sessionen lang beharkte. Klingt logisch, klingt delirant!

Ich komme schnell auf einen guten Zweig. Noch immer werde ich merkwürdigerweise laufend stärker, obwohl ich kaum noch abnehme und irgendwo bei 68kg auf 1,83m verharre. (Was auch daran liegt, dass ich meine „Diät“ nur noch sehr ungefähr anwende und im Grunde nur weiterhin daruaf verzichte 250g Pasta pro Abend zu essen, wie ich es früher tat. „Ich stopfe mich nicht mehr wie eine Gans vor Weihnachten.“) Jede Ernährung hat ihr Gewicht.

Da bin ich also. Es geht voran, und doch wird es noch einmal richtig knapp. Der April wickelt die Schneeschmelze glücklicherweise sehr schnell und schmerzlos ab, der Block ist schon nach einer Woche wieder trocken. Aber es ist warm. Bei minus sechs hatte ich die Kurzversion gepunktet, jetzt hat es erst 15 Grad, dann steigt das Thermometer am 22. April steigt bis auf 22°. Ich dachte immer, auch der Sandstein am Cousimbert würde irgendwann flutschig, aber ich irre. Ein klarer Tag, ein bisschen Wind und sechs Versuche später stehe ich in der vollen Wärme eines frühen Nachmittags unter dem Block und schrei die Wand an. Und dann die Kamera.

The crystal ship is being filled,

a hundred girls, a thousand thrills,

a million ways to spend your time,

when we get back, I'll drop a line.

Es ist vollbracht. Und es ist eine Linie. Es ist nur Fels, und doch ist es ein bisschen Dichtung. Bisschen Geschichte.

Meine immerhin.

Der Rest ist Tratsch. Bewertung. Unklarheit im Hochdruckgebiet. Ich wollte sagen 8A für die leichtesten und in der Folge in halben Schritten höher, aber dann kommt endlich mal ein anderer Boulderer, einer der auch woanders bouldert und preist mir etwas an einem anderen Block, das ich in meiner Logik als 7C+ gesehen hätte, als 8B/8B+ an. Und das Ding ist nicht einmal mein Stil, ich habe allerdings die Größe. Ich bin verwirrt und möchte warten, bis jemand von den drei Hanseln kommt, die in der Schweiz in diesen Sphären schweben, aber es ergibt sich nichts (nicht meines Wissens). Ohne Grade kommt aber halt erst recht niemand und so habe ich mich entschlossen, meine Ahnungen in etwas anderes zu übersetzen, als TD++ (très difficile plus plus) und dergleichen. Und sie hier aufzuschreiben.

Den Anfang macht: Money is a shallow pleasure. Ein sehr spezieller Kreuzer gleich zu Beginn, dann 7B+ zum Top. Ich sage mal 8A. Damit liege ich vermutlich nicht drüber.

Es folgt: Out of winter. Ohne Kneepad. Start wie Underclass Poem, dann nach links über dem Boden, die Kante hoch (bis hier ca. 7C) und zurück nach rechts bis auf den Mittelschlusshenkel (nochmal in etwa 8A). Ich sag mal 8A+.

Wie bereits angedeutet: Roots in the basement ext. Einzelheiten siehe oben. 8B.

Bis hier ist alles sehr konservativ bewertet, aber offen für Auf- und freilich auch Abwertungen. Jetzt wird es schwer. Underclass poem ist das nächste, das ist klar, aber wie teuer? Die neue Variante, bei der man nach den ersten sechs Zügen die kleine Leiste links außen nimmt, geht denk ich für 8B+ über die Theke, das Original, bei dem man wirklich sehr zentriert bleibt und einen hohen Schultergriff statt der Leiste außen nimmt, ist etwas schwerer. Vor allem, weil man mehr mit den Füßen arbeiten muss und länger klettert. 8B+/8C. (aber eher so ein persönliches Souvenir an Zeiten vor der Wiedergeburt.)

Wintertime love ist schwerer, aber reicht es für einen neuen Grad? Das hängt wohl vor allem von der Bewertungsschule ab, der man sich verpflichtet fühlt. Ob man, wie manche der ganz Starken, mit dabei ist, von a zu b nicht den Unterschied zwischen Onsight und Eintagesbegehung zu sehen, sondern den zwischen Onsight und „Minimum fünf Tage Vollgas“ (was bis 9a als der Unterschied zwischen a und cgesehen wurde). Weil ich ja Slaschgrade auch nicht so mag und wir bis hier in gleichmäßigen Schritten höhergesteigen sind, werfe ich mal 8C in den Raum. War ja auch ein langer Weg bis überhaupt zum schwersten Einzelzug und dann noch die 8A oben raus... Natürlich auch ohne Kneepad.

Und jetzt natürlich wird es ganz ganz bitter. Drop a line. Ich wünschte, ich würde es bei einem Fragezeichen belassen, aber so cool bin ich dann doch nicht. Immerhin stehen hier acht Monate ununterbrochenen Fortschritts dahinter (bislang waren mir ein derart stetiges besser Werden in einer Route maximal über einen Monat geglückt), genau mein Stil, genau meine Länge. Genau mein Ding.Viel schwerer als alle anderen Probleme an diesem Block (außer vielleicht Walden). Kein Zwergentod allerdings(wie in Underclass Poem und Roots in the basement ext), aber der radikalste aller Wiederholer ist ohnehin größer als ich. Zu lang für echte Boulderer, aber die besten Boulderer sind ohnehin Routenkletterer. Aber ich will auch gar kein Liegfaktoren einrechnen, wenn sie mich nicht von allen anderen Kletterern unterscheiden. Und solche gibt es nicht. Es kommt am Ende wieder auf die Bewertungsschule an.

Ich wähle jetzt mal meine eigene. Logic Grading heißt sie und ich will nicht hier (aber natürlich anderswo) in die Tiefe gehen, aber sie spielt im Grunde weiter, was sich bis 9a hinaufgezogen hat und sieht sich allein im Dienste der bestmöglichen Wahrheitsfindung und Intersubjektivität. Da ich vom Bouldern keine Ahnung habe, stelle ich mir immer eine Route vor, mit einer Crux im Sinne des zu bewertenden Problems und 3a davor, sowie danach, und jeder Menge No-Hand-Rests, und zeihe dann drei (Plus) ab.Drop a line müsste also, um den nächsten vollen Grad zu buchen, einer 9b entsprechen, bei konstantem Fortschritt und konstanten Bedingungen doppelt so viel Zeit verbrauchen, wie eine 9a+ (8C) und für einen ideal ausgeglichenen Kletterer, der 9a onsight solide drauf hat, einen Tag in Anspruch nehmen und für jemanden, der 9a an einem Tag macht, in etwa fünf Tage dauern. Ich nehme jetzt mal nicht sehr leichte (wenn auch vielfach, auch von ganz oben, bestätigte) 9a wie Jungle Speed, A Muerte oder CabaneauCanada, (die ich allesamt als Erstbegehung 8c+ bewertet hätte), sondern ebenfalls von ganz oben abgesegnete 9a wie Torture physique 2.0 und Chromosome Y, die beide in etwa ein halbes Plus schwerer sind. Drop a line (als „Route“, mit 22 Cruxmoves und 9m Länge ja auch nicht weit davon entfernt)dürfte sich also von jemanden, der das onsight kann, nicht locker nach einmal auschecken machen lassen, sondern eben schon mehrere Versuche über mehr oder weniger einen ganzen Klettertag „verschlingen“. Das traue ich der Linie absolut zu. Punkt.

8C+

Ich sage nicht, dass es sich jetzt hier um den schwersten Boulder der Welt oder dergleichen handelt, dies ist vielmehr ein Ausrufezeichen gegen die Zusammenstauchung der Grenze des Menschenmöglichen, wie sie seit einigen Jahren massiv propagiert und angewendet wird und die neben der persönlichen Befriedigung der eigenen Bescheidenheitsbedürfnisse (die ja absolut nobel sind, keine Frage) vor allem einer unnötigen Reduzierung an Trennschärfe zwischen den Graden und obendrein zu einem krassen Mangel an Vergleichbarkeit der Routen jenseits der 9a (die ja auch nicht alle nur von ganz oben erstbegangen wurden) führt. (Mehr dazu an anderer Stelle.)

Oh Gott, was für ein beschissenes Blabla. Zum Glück habe ich die Doktorandenstelle ausgeschlagen.

Drop a line muss es jetzt ausbaden, dabei ist das Ding im Grunde nur eine wunderbare Aneinanderreihung von genialen Moves auf perfektem Fels mit einem einmaligen Topout über eine Wurzel. Wo hat man das schon mal gesehen?

Nur am Cousimbert.

Ich wünsche mir, jetzt da ich erst mal gehe, noch einmal so einen Winter unter diesem Block mit einem Notizbuch auf der Matte, einem Roman im Kopf und einem Eimer Feuer. Und Walden, ja vielleicht...

 

Züruck