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Züruck

Nirwana, oder jetzt doch nicht? - Geschichte einer fast ungewollten Wiedergeburt als Kletterer jenseits der 9a-Sümpfe

Geschichte einer fast ungewollten Wiedergeburt als Kletterer jenseits der 9a-Sümpfe

Dies ist keine Geschichte über Leistung. Ich werde nicht von explodierenden Formkurven oder Ähnlichem schreiben. Ich werde nicht der Versuchung erliegen, eine Methode über eine andere zu erheben. Ich werde ganz einfach eine Geschichte erzählen, so wie sie war, wie ich sie erlebte, erlebe, ganz einfach, wie immer: Eine Route und ich.

 

 
 Die ersten schweren Züge

 

Was diese Route eigentlich war, bedeutete, über diesen Rahmen hinaus, in dem ich eigentlich bin, eigentlich lebe, das erzählte mir einzig meine Erinnerung, an diese Route, und wie aussichtslos sie im Grunde immer gewesen war. In einem früheren Leben. Vor der Wiedergeburt, im klettertechnischen Sinne. 2014 und die ganzen Jahre davor. Fünfzehn, zumindest.

Vor jeder Geburt steht der Tod. Ganz besonders vor Wiedergeburten.

Ich erlebte ihn eher schleichend, beginnend mit einem komischen Zug im Spätherbst 2013 in einer Phase des um sechs Uhr morgens Aufstehens, um zur Arbeit zu gehen und des in der Kantine des Schweizer Olympiastützpunktes drei Mal täglich gemästet Werdens. Eine Kompression des Knochenmarks im rechten Mittelfinger von einem dynamischen Umschnappen von Seit- auf Schultergriff. Ich spürte es erst kaum, dann immer mehr und ohnehin war ich mir keineswegs bewusst, von welchem Zug die Schmerzen ursprünglich ausgingen, also beschloss ich im Dunkeln zu tappen. Bis nach Weihnachten zog ich es noch durch, über einen Monat kannte ich da dieses Stechen im Mittelgelenk schon, dann strich ich die Segel, stellte mich auf die Waage, las die Zahl 77.8 und beschloss meinen Finger in den kommenden Wochen nicht nur aktiv, sondern auch passiv zu schonen, indem ich ein bisschen Gewicht von ihm zu nehmen gedachte. Mit 1,84 muss man als eigentliche Bohnenstange nicht zwingend knapp 80kg wiegen.

Ich begann mit meiner doppelseitigen Schonung und schon bald hatte ich mein Ziel aus den Augen verloren. Ich wurde bequem und erging mich in meinem Roman, verlief mich vielleicht. Sport machte ich keinen mehr, außer ein bisschen zu joggen, aber ich war jetzt buchstabenabhängig. Nicht mehr von Zügen und Leisten war in meinen Einschlafgedanken die Rede. Ab und an versuchte ich wieder ein bisschen zu klettern, aber meistens schon in der ersten Stunde komprimierte ich mein geschundenes Knochenmark von neuem und der Schmerz kehrte zurück, als wäre er nie weg gewesen, völlig unverdünnt. Als wäre Zeit kein Wasser auf die Mühlen der Verletzung. Als wären die vorangegangenen drei Wochen intensiver Schonung nicht gewesen. Eine sehr vitale Blessur, die ich so noch nie gespürt oder gesehen hatte.

Eine Blessur, der ich mich immer weiter ergab. Nicht unfreiwillig, denn wer mit einem Kleinkind, einem weiteren bereits in Produktion, einer angehenden Ärztin zur Freundin und einem Studium an der Backe noch zu irgendetwas anderem kommen will, der sollte vielleicht besser nicht drei Tage die Woche an irgendwelchen Felsen abhängen. Das hatte ich schon früher mal erkannt, aber nie umgesetzt. Jetzt kam mir mein zickender Finger gewissermaßen mit den offenen Armen der Resignation entgegen. Hilfreich, beinahe. Die Intervalle, in denen ich eine „vorsätzliche Wiederauffrischung“ meiner Verletzung vornahm, wurden länger und die Waage hatte ich seit den 78kg ohnehin nicht mehr betreten.

Ich stellte mich immer mehr auf eine nur unter extremer Geduld zu kurierende Läsion ein. (Ohnehin würde ich Ewigkeiten brauchen, wieder in Form zu kommen, wenn ich erst einmal wieder schmerzfrei würdeklettern können.) Und ich begriff, dass sich extreme Geduld am besten als Außenstehender aufbringen lässt. Und sah dem Ende meiner Kletterkarriere von nun an vom Schreibtisch aus zu.

Irgendwo in diesem durchschriebenen Frühjahr taucht ein Boulderurlaub in Tschechien auf, irgendwie eigentlich eine Art Wiederanfang, durchkreuzt alsbald von einem 5+ Boulder mit einem Griff von der Sorte, wie ich sie meiden hätte sollen, die ganze Zeit. Allein: ich wusste es nicht. Ich hielt immer noch einen Seitsloper im gleichen Projekt, aber zwei Züge vorher, für den Schuldigen. Wir tranken also Bier in Tschechien und fuhren nach Berlin. Dort tranken wir auch Bier.

Was ich selbst kaum glauben konnte: ich hatte auf dem Rückweg einen Arzttermin (den ersten in den vergangenen zehn Jahren) für meinen Finger bei Andreas Schweizer in Zürich und man muss ihn retrospektiv einen Geburtshelfer nennen. Er erkannte mein Problem, von dem nichts zu sehen war, nicht auf Ultraschall noch Röntgen und wir destillierten den Zug heraus, der mir die Sorgen machte. Ich solle schnell wieder zu klettern beginnen, denn nach einem halben Jahr Pause würden die mühsam hochgezüchteten Strukturen der Widerstandskraft gegen die unsinnig hohe Belastung am Fels (dicke Finger, usw.) anfangen sich zurückzubilden. Außerdem wünschte er mir ein weiteres, langes Kletterleben, so gesunde Knorpel und Gelenke habe er auf meinem Niveau und in meinem Alter noch nicht gesehen.

Das war im Mai. Ich hatte seinen Rat gehört, aber ich hatte es nicht eilig. Ich baute gerade eine Jurte und klebte mir eine kleine Trainingswand auf die Molasse fünf Gehminuten den Fluss hinauf. Es war die Zeit, in der ich neben grün auch ökologisch wurde.Unser Fußabdruck unterschritt die magische Marke von 1. Fahren passte nicht ins Konzept. Und eh: ich würde mir doch nur die Klatsche meines Lebens holen, allein, klein und schwach zwischen haushoch bewerteten Routen und Bouldern.

An meiner Wand war das alles kein Problem. Ich klebte einfach meine Sandsteingriffe auf die dünne ausgehärtete Schicht der Molasse, wo ich halt gerade noch so hinkam und versuchte das Ganze dann zusammen zu hängen. Es war eigentlich wie immer, wie es begonnen hatte und immer hätte sein sollen. Ich kletterte für mich, meine subjektive Norm, nicht gegen andere, nicht für den Grad und die Veröffentlichung. Für keinen Sponsor. Nur für den Sport an sich.

Ich wurde stärker. Rasend schnell. Wie seit zehn Jahren nicht mehr. Es ist nicht die Flughöhe, die unser Glück bestimmt, nicht mal so sehr die Geschwindigkeit des Steigens in er Luft, es ist die Beschleunigung. Der Schub, der uns das Kribbeln in die Magengegend drückt. Und meine Form ging grade ziemlich ab. Geschenkt, dass ich überhaupt nicht wusste, auf welcher Flughöhe ich mich befand.

Irgendwann zog ich die Waage wieder raus. 73kg. Einer der Gründer meines Partners Maiday, der auch Ernährungsberater ist, hatte mir den Rat gegeben, mehr Proteine zu essen, wollte ich von meinen 78kg runter kommen. Das war vor der Verletzung gewesen. Natürlich hatte ich seinen Rat nicht befolgt und weiterhin kräftig Pasta vertilgt. Ich kletterte ja auch nicht. Und so hatte ich jetzt, nach den sechs Monaten Pause, auch kaum Fett verloren. Aber Muskeln. Fünf Kilo davon warem meinen Körper überflüssiger Ballast gewesen und er hatte sie kurzerhand gefressen. Fünf Kilo, die vermutlich wiederkommen würden, sollte ich beginnen mehr als zweimal die Woche eine Stunde zu bouldern. Denn das würde ich wohl, mein Finger, verschont von allen malignen Belastungsrichtungen, zickte gar nicht mehr. Das Ödem war der spezifischen Aussparung kritischer Züge gewichen, aber vor allem wohl diesem Satz des Doks in meinem Kopf: „Einfach weiterklettern. Das wird schon wieder.“ Wer nicht den Mut hat gesund zu werden, der wird es auch nicht.

Langsam biss ich wieder an und es muss so im August gewesen sein, da fühlte ich mich mental bereit, auch einmal einen Ort aufzusuchen, an dem ich vor meiner Verletzung schon geklettert war. Und es zeigte sich: Alles halb so schlimm, zumindest die Maximalkraft hatte kaum gelitten. Oder war schon wieder da.

Es war geil wieder an richtigem Fels zu klettern, aber es blieb auch geil zu schreiben und also erhöhte ich mein Pensum etwas auf zweimal die Woche zwei bis drei Stunden bouldern. Ich legte mir einen Satz Projekte zu, von denen ich nur eines schon (dieses allerdings zwei Jahre lang) zuvor versucht hatte und machte im Grunde so weiter, wie an meiner Molassewand: ich kletterte für mich, allein zumeist, in meinem stillen Wäldchen am Cousimbert, und für nur sehr vage Grade (denn natürlich hatte auch mein „altes“ Projekt keine Begehung und keine Bewertung). Es explodierte nichts und natürlich rechnete ich damit, dass es auch irgendwann nicht mehr wachsen würden, dieses Etwas in mir: dieseForm. Irgendwo da würde ich schon plafonnieren, wo ich in etwa vorher war. Aber nichts dergleichen passierte. Ja, ohne ständig Massen Pasta, mit Linsen und Eiern (massenhaft, diese) und Wein statt Bier, ging mein Gewicht stetig nach unten und außerdem nahm ich jetzt nach jedem Training ein Viertel der vorgeschriebenen Dosis Recovery, nicht weil ich in irgendeiner Weise daran geglaubt hätte, oder eine etwaige Affinität zu Nahrungsergänzungsmitteln in mir erblüht wäre, sondern weil es verflixt gut funktionierte. Ein chemischer Vorstoß in den heiligen Tempel der Regeneration, der seit eh und je ausschließlich von Cannabinoiden bewohnt gewesen war. Unerhört, aber: vor stößt, wer Kraft hat. Kurzum, ich wurde stetig immer stärker.

Ansonsten hatte ich nichts geändert. Und ansonsten hatte auch sich nichts geändert. Ich wusste inzwischen, dass ich auf einem neuen Level wiedergeboren war, ungewollt, muss man fast sagen, aber ich fühlte mich deshalb nicht genialer (wenn ich allein unter meinem Boulder stand). Ohnehin hatte ich seit Jahren keinen Kletterer mit mir zusammen klettern sehen. Sei es nun 9a oder darüber. Zudem erfährt Durchschnittlichkeit in der Schweiz beinahe mehr Anerkennung, als individuelle (überdurchschnittliche) Leistung und also begann ich von jetzt an auf die ohnehin selten gestellte Frage, wie schwer meine diversen Boulder- und Routenprojekte seien, zu kryptisch-theoretischen Küstenausufernde Antworten zu geben, bei denen ich sicher sein konnte, dass ein jeder Zuhörer seine Konzentration schon nach Sekunden von mir abziehen würde. Um sie zum Beispiel dem Laub auf dem Pfad zuzuwenden.

Und so ging seinen Lauf, was eben seinen Lauf geht, wenn die Sonne nicht aufhört, auf und unter zu gehen: ich kletterte und bald schon winkten an allen ehemals zum Teil über Jahre verhärteten Fronten die Projekte mit den weißen Fähnchen. Ich fraß sie wohlwollend alle auf, bis auf eine. Meiosis, das ich kurzerhand auf der direkten, wesentlich schwereren Variante begonnen hatte zu versuchen, rettete sich zwei mal in die Safetycar-Phase, die an der Tribune in Charmey aus Wassereinbrüchen in die Routen besteht und mitunter auch Monate andauern kann. Im Dezember und dann wieder im Mai fiel ich wiederholt am letzten oder vorletzten schweren Zug, jedes Mal wurde es danach lange nass, bzw. zu warm. So ist das Leben. Ich bin es gewohnt nicht zum Ende zu kommen. Bis heute entfällt vermutlich ein Drittel meines Kletterdaseins auf Routen, die ich nicht gepunktet habe. (Ich könnte dieses Missverhältnis allerdings durch alleine zwei Projekte, auf die wohl an die 500 Versuche kommen, deutlich aufbessern. Eine davon natürlichMeiosis.)

Auf diesem Weg sollte ich die sumpfigen Niederungen des Grades 9a, in denen ich jetzt schon sieben Jahre herumdümpelte (und die ich ironischerweise als Routenkletterer beim Bouldern bereits hinter mir gelassen hatte), zunächst einmal also nicht verlassen.

Aber wo ein Weg ist, da findet sich auch ein Wille. Oder so ähnlich. Ich musste gar nicht groß wollen und suchen, der Sommer kam und wir hatten Nichtferien zuhause gebucht. Staatsexamen stand an und ungebändigt lange Bücher schreiben sich auch nicht von selbst zu Ende. Blieb also die Wahl zwischen Jansegg und den Gastlosen, die keine Wahl ist, wenn man statt ganzen Tagen (in den nur bis zum Nachmittag schattigen Gastlosen) nur halbe im genau um 180° gedrehten Jansegg hat. Und vor allem: wenn da noch eine Route wie diese rumsteht. Eine geschwungene Lochlinie durch das gesamte Schild, das Herz des Janseggs und bereits Heimat dreier 8c. Eine Goldmine für ambitionierte Kletterer. Perfekter Kalk, perfekte Löcher und in diesem Fall perfekt bizarre Moves.

Des scènes bizarres dans la mine d'or.

Wierd scenes inside the gold mine.

Nach zehn Metern fast schon kitschig käsiger löchriger 8a kommt eine erste Crux von sechs Bewegungen, die zwei Fußklemmer beinhaltet, einen Toehook, vier Kreuzzüge, ein Einfingerloch in einem anderen Loch (das hatte ich so noch nie gesehen), die zwei schwersten Einzelbewegungen mit den Füßen, einen Tritt über Griffniveau und einen vom Schweizer Militär geschossenen Tritt, der aber auch nicht mehr kann, als seine kaum existenten Kollegen. Das Problem war nur: Was mir vor zwei Jahren auch in guter Verfassung unmöglich erschien, zeichnete sich schon am zweiten Tag als zu leicht ab. Zumindest, wollte ich hier oben den ganzen Sommer klettern. Zum Glück hatte diese noch ungegessene Wurst ein loses Ende, das ich kurzerhand bis zur nächsten Kette zehn Meter weiter rechts oben durch eine weitere Crux hindurch verlängerte. (Unter ziemlichen Mühen allerdings, da ein Akku unserer Bohrmaschine, der in Charmey sechs Löcher gräbt, hier oben schon nach eineinhalb eingeht.)

Zu den verrückten Zügen der ersten Crux gesellte sich nun ein Rastpunkt unter einem weiteren Fußklemmer, an dem man sich um ein Haar einbeinig aufhängen könnte und ein (zumindest für mich Wunder der Schnellkraft) gigantischer Sprung. Die wired scenes waren perfekt, aber der Sprung gelang mir nur extrem selten und erst nach mehreren Tagen Training. Für mich mindestens so schwer, wie die 8B Passage weiter unten, die ich nach sechs Tagen zum ersten Mal zusammenhängen konnte.

Aber (logischerweise) ohne mein Wissen bahnte sich eine tragischkomische Klamotte à la Ich kam, sah nicht so gut hin und siegte folglich auch nicht an. Ich wusste um diese Leiste, dort auf halbem Weg des Sprungs, aber die war so klein, nicht mal nach einem Winter auf den Leisten des Cousimbert konnte ich sie halten. Und dann war sie auch noch so bröselig, wie sonst kein Stück Fels hier oben. Ich stellte mich also weiter blind und kletterte ab Tag 12 ein ums andere Mal bis an diesen Sprung hin. Nur um eins um andere Mal den Zielgriff nicht ganz zu halten können.

Die Route aber machte mich dermaßen platt, dass es im Grunde kaum Sinn machte, mehr als einmal die Woche dort hinauf zu gehen, wollte ich reelle Chancen auf einen Durchstieg haben. Dann war sie im sonst sehr trockenen Jansegg auch noch vom Wasser bedroht. Zwar nur an den Ruhepunkten, aber die braucht man im Rotpunkt ja bekanntlich auch. Die Zeit begann mir davon zu laufen. Anfang September würden wir nach Indien aufbrechen und nachdem ich Mitte Juli den Sprung schon beinahe gehalten hatte, wollten mir keine ähnlich gute Versuche mehr gelingen. Mit einer kleinen Verletzung, auszurichtenden Festen und auszubauenden Bussen hatte sich mein Pensum auf einmal die Woche klettern verringert. Selbst für mich zu wenig, um die Form in vollem Umfang zu halten. Ich sah schon ein weiteres offenes Ende auf mich zukommen, da öffnete mir Jeanne die Augen, nicht für das offene Ende eben, sondern für das, was vor mir lag: diese kleine, etwas bröselige Leiste, die sich irgendwann in den letzten Tagen noch einmal etwas weiter zerbröselt hatte, was zu einem sogenannten Santa Linya Effekt (einem ungelogenen allerdings) führte: sie war besser geworden. Immer noch scharf, immer noch klein, aber sie hielt und ich konnte sie halten. Alsbald hatte ich die Lösung im Kasten und auch wenn ich um den Supersprung trauerte, war ich doch froh, aus dem B hinter der acht hier oben ein A gemacht zu haben.

Musste jetzt nur noch die Route ganz trocken werden, dann dürfte dem Durchstieg eigentlich nichts mehr im Wege stehen. Wurde sie aber nicht. Der 15. Klettertag ging vorüber, immer noch nass, und dann kam der 16. und der blöde Ruhepunkt, der leider schon trocken nichts Besonderes ist, war immer noch nass! Kaum zu glauben. Die ganze Wand trocken und nur dieses eine große Loch mittendrin innen noch nass.

Aber ich hatte meinen Talisman dabei. Er (oder besser sie) funktioniert folgendermaßen: man setzt sie unten an den Wandfuß und erfreut sich ihres Babylachens, lässt sich den Chalkback ausleeren, oder das Picknick wegfuttern. Nur eines mag mein Talisman nicht so gern: wenn der Papa klettert. Dann schreit die Kleine herzzerreißend unten im Gras und krabbelt in ihrer Angst sogar seitlich unter meiner traversierenden Route mit. Ich kann zwar bei Geschrei klettern, aber nach dem ersten Versuch dieses 27. August verschob ich doch lieber alles weitere Probieren auf einen eventuellen zweiten Mittagsschlaf ihrerseits.

Den sie sogar bereit war zu machen. Der nasse Ruhepunkt verunmöglichte mir den Rotpunkt natürlich auch ohne Heulen vom Wandfuß. Das wär' ja auch was, die härteste Route meines Lebens und dann auch noch schlecht gerastet und mit feuchten Fingern. Adrian war aber irgendwie auch schon fertig und so standen wir da und Aliénor schlief und schlief. Die Gastlosen standen unverändert genau gegenüber und alles war friedlich und still, so wie immer, nur die Gämsen furzten unhörbar in der Distanz. Ich dachte an diesen für mich schon fast magischen Ort, an die Geier und Adler und Falken, die Gämsen, Murmeltiere und die zwei Wölfe, die wir alle dieses Jahr hier oben gesehen hatten und wie mir dieses Stück Heimat in der Fremde wohl fehlen würde, wäre ich die nächsten Jahre nur noch zu Besuch hier. Und dann dachte ich natürlich auch daran, wann dieser blöde Griff endlich würde getrocknet sein. Und nachdem nach 20 Minuten meine Tochter immer noch schlief, machte ich halt noch einen Versuch. Blöd auf blöd eben.

Und es wurde sogar sau knapp. Ich kam fast hin an diesen Henkel, für den man sich ganz lang machen muss und der das Ende der ersten Crux markiert. Zwei Finger schoben sich sogar über die Kante. Und die blieben dann obendrein tatsächlich hängen. Hoppla!

Das Ding war so gut wie im Sack, blieb noch die kleine Leiste fünf Meter weiter. Ballern bis der Nervenarzt kommt, ist allerdings eine meiner liebsten Disziplinen in Rotpunktversuchen. (Eigentlich hab ich es bisher nur ein mal in einem in einem einzigen Boulder geschafft, irgendwo zu fallen, wo man im Grunde nicht mehr zu fallen braucht.)

Und so tat ich, was ich liebte, ballern, und mich schon während dem Klettern richtig über den kommenden Rotpunkt freuen und erst an der Kette musste ich von meinem sonstigen Ritual abweichen, denn meine Freude jetzt bis hinüber an die Nordwand der Gastlosen schreien, kam nicht in Frage. Ein schlafendes Baby weckt man nicht. Und so jubelte ich dann ganz still und leise und nur über Blicke zu Adrian und natürlich in dieses auch nach Jahren noch wunderbare Panorama hinein.

Gastlosen, Gämsen und ganz hinten das Matterhorn. Links unten die Route, entjunfert und doch vollkommen unberührt vom flüchtigen Dasein der menschlichen Rasse. Dopamin bis in der entlegensten Synapse und mein langsam erwachendes Mädchen zwischen der üppigen Vegetation auf dem kleinen Plateau zu Füßen der Routen. Alles so, wie es sein soll in einem flüchtigen Leben eines in die Berge flüchtenden Kletterers. Alles so, wie das breite, flüchtige Lächeln auf meinem Gesicht, bevor es wieder dem Boden entgegen geht.

Und das Räsonnieren wieder beginnt.

Hinterher ist es immer leichter und in diesem nassen und nur sehr kurz gerasteten Fall kann es ja wirklich nicht absolutes Limit gewesen sein. Und ich würde auch zunächst ein paar Monate keine Bewertung abgeben. Warum auch? Wem die Linie gefällt, der soll sie versuchen und wenn es zu leicht ist, gibt es noch einen harten Einstieg dazu, und wem es zu schwer ist, der hat ausschließlich leichtere Routen am Rest des Felsens. Und alle anderen hatten eben eine schöne Wanderung. Aber es ist eben doch ein bisschen schade um die Bilder, um den Ort und die Geschichte, mit der sich niemand konfrontiert, wenn halt nicht dieses Bapperl draufklebt:

!!! 9a+ !!!

Die erste meines Lebens

Zweitschwerste Route der Schweiz (nach Torture physique integrale, 9b

Drittschwerste Route der Alpen (nach oben und dem Ding am Schleier)

Dritter Deutscher, der eine ernstzunehmende 9a+ klettert

Vermutlich geilste (von meinem objektiv ästhetischen Standpunkt aus gesehen) Toplinie der Alpen

Wenn die Leiste mal wegbröseln sollte, gibt es ein halbes b dazu, höchstwahrscheinlich (also bröselt sie nur weg, ihr fetten Topkletterer dieser Welt!)

Schon ziemlich viel für ein Bapperl (werden wir vielleicht beidseitig bedrucken...)

Oder einfach: Mein Abschiedsgeschenk an diesen wunderbaren Ort und diese wunderbaren Sommer, die ich dort verbringen dürfte.

 

Ciao, Jansegg!

Züruck