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Züruck

Mediomalomania (8C, 8C+ trav.) - Intermezzo im Lindental

Es ist nicht leicht eine Geschichte zu erzählen, die noch kein Ende hat. Oder nur eines in einer für schwache Menschenhirne nicht zu errechnenden Zukunft. Und doch, es gibt ein Happy End. Das ist gewiss. Ich kann es dem Leser mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit versichern. Aus zwei Gründen: Er wird diesen Text nur zu lesen bekommen, wenn dieses Unterfangen ein gutes, erfolgreiches Ende nehmen wird. Und dann hat die Sache zweitens auch gar kein festgelegtes Ende. So wie bei vielen merh oder weniger berühmten Routen (Biographie, Torture physique, …), in denen das Ende erst herunter und dann wieder heraufgesetzt wurde. Nur muss ich dafür nicht einmal eine Bohrmaschine bedienen.

 

 Auf halbem Wege

 

Ich liebe Bouldertraversen. Nicht nur wegen der im Falle der Erstbegehung offenen Enden, sondern auch weil sie mir so richtig gut reinlaufen. Man braucht dafür nämlich keinen Bizeps. Meiner wurde erst neulich von unserer allgemeinen Überanstrengung im Himalaja aufgefressen, vor allem die Höhe hat uns geduldig aber nachhaltig leergezuzelt, und er ist auch sonst eher von schlechten Eltern (mein erster Klimmzug gelang mir anno 1999 erst nach sechs Monaten täglichem Blockiertrainings).

Ich wollte in diesen Tagen eigentlich gar nicht bouldern. Ich wollte eigentlich an der Tribune klettern. Aber in diesem überraschenden Reiseintermezzo (da aus Indien vorzeitig heimgekehrt) haben wir natürlich keine Kinderbetreuung und Jeanne ist kurzerhand mit Jules in den Urlaub gefahren. Jetzt stehe ich da mit einem Baby im besten Fremdelalter. Geschrei sobald ich mir nur einen Gurt anziehe. Gefühlt unendlicher Aufwand, um ein oder zwei Nachmittage eine Betreuung zu organisieren und dann auch noch einen Kletterpartner für genau dieses sehr eng definierte Zeitintervall. Ich komme sehr gut voran in Meiose (an der Tribune), aber das hilft mir erst einmal nichts mehr, denn ich komme nicht hin. 

Aber da war doch noch was. Meiose ist nicht mein letztes offenes High End Projekt in der Region, das ich noch gerne vor meinem Vorerst-Abschied (für vermutlich zumindest einige Jahre) aus der Schweiz am 21.11.2015 klettern würde. Minimalomania im Lindental bei Bern (8C+ trav., 8C Boulder), die krankhafte Lust am kürzer Treten, die ich 2013 nach fünf Monaten intensiver Arbeit befreien konnte, war ja nicht immer so klein (oder so kurz). Sie war mal mega. Megamalomania. Der Größenwahn. 200 statt 25 Zügen, auch wenn die letzten 170 (E la nave va pui avanti, 8C trav.) ziemlich viel leichter sind als die ersten 20. Aber vor allem diese 5 in der Rechnung fehlenden Bewegungen hinderten mich damals partout am Eintauchen in die Welt der Henkel, die E la nave va, die ehemals schwerste Traverse der Welt, aus Sicht der Kleinstleisten von Minimalomania darstellt.

5 Züge: Von einem „Doppelschultseitergriff“ auf einen schlechten Sloper, mit der anderen Hand auf einen auch nicht besseren gleich daneben, Füße irgendwo hin gezittert und mit rechts weit auf eine kleine, aber gute Leiste, dann unten durchtauchen, aber eigentlich hat man es da schon. Irgendwie ein bisschen eierig, aber an sich nicht extra schwer. Und doch gemein. Die Art Abfolge von Zügen, bei denen ich mich 15 Jahre lang gewundert habe, wieso die dann im Durchstieg so schwer sind und (erstaunlicherweise erst jetzt, denn es ist an sich nicht sehr kompliziert) ein analytisches Niveau erreiche, auf dem ich einzelnen Muskelgruppen und ihrer spezifischen Ermüdung gesondert Beachtung schenkte. So wie in Meiose für mich Gedeih oder Verderb letztlich davon abhängen, ob ich es schaffe, den drittletzten schweren Zug so lange (drei, vier Sekunden) zu verzögern, dass in die linke Schulter etwas Blut fließen kann, um die Power für den abschließenden Schulterzug zu haben, so kumuliert sich im besagten 5-Züge-Übergang im Lindental die Ermüdung ganz pointiert irgendwo in den Schulterrotatoren und es gelingt mir nicht so nah an der Wand zu bleiben, dass die zwei Sloper ordentlich belastet wären. So oder so ähnlich. Unlösbar gab sich dieses Problem im Januar 2013 und letztlich reichte die Zeit vor der Schließung des Lindentals am 1.2. eines jeden Jahres nicht, um es zu dechiffrieren.

Ich habe auch für dieses Mal keine Lösung, und doch einen Plan. Während für gewöhnlich die Rückkehr in ein altes Projekt von solchen Ausmaßen (knapp 40 Tage Arbeit) oft eine ernüchternde Angelegenheit ist und man doch recht lange braucht, die spezifische Fitness und alle Feinheiten der Aufgabe wieder zu erlangen, geht es dieses Mal eigentlich ganz fluffig. Und dementsprechend auch mein Plan: einfach drüber knallen. Gar nicht groß an Schulterrotatoren denken. Zwei kurze Sessions bei auch nicht so tollen Bedingungen, sehr kurzen Pausen und brabbelndem Baby im Rücken brauchte ich in diesen Tagen, um schon einmal Minimalomania zu „wiederholen“. So darf es sein. Das ist das Alter. Da wird man einfach immer stärker, weil man nicht mehr so viel Zeit zum Klettern hat. Und sich nicht ständig durch übermäßiges Training schwächen kann. (Es gibt nur ein Jahr seit 1999, in dem ich noch weniger geklettert bin, als 2015, und das war 2014, weil ich da 6 Monate verletzt war. Die perfekte Vorbereitung.)

Maybe if I all let it be, it will all come back to me. (Ein weiterer Hit der weltbekannten Weinachtsblues Ausgabe 2009?, dessen Verse nicht einmal Google kennen will. Vielleicht auch, weil ich sie falsch erinnere. Aber die Message ist klar: Loslassen zum Dranbleiben.)

Das drüber Knallen mache ich am besten schon morgen (04.11.), dann ist die erste Hürde genommen und in der Folge, die in allen ihren möglichen Ausformungen bereits als Happy End zu bezeichnen ist, geht es eigentlich nur noch um ein kleines +x. Wie viele Züge hänge ich dem, sagen wir mal: Mediomalomania, der Wahn des Mittelmaßes (die Schweizerwerden's mögen, sorry for that), an, auf dem Weg zur mega Version? 15, 50, 150? Knappe zwei Wochen bleiben mir nach vier Tagen Arbeiten Ende dieser Woche, aber ich muss ja auch noch die Route meines Lebens klettern. Klingt schon wieder nach einem übervollen Terminplan. Vor allem wenn wir das dann noch alles filmen wollen (nicht zu vergessen die Boulder am Cousimbert, die auch noch in den Kasten sollten und die so richtig arsch schwer sind).

Jaja, immer dieser Freizeitstress der ungesponsorten Hobbykletterer. Der Text ist immerhin schon mal geschrieben. Der Durchstieg von Mediomalomania oder sogar Mega... ist sozusagen schon angefeiert und die Bewertung steht auch schon im Vorhinein fest (so wie z.B. auch bei guten demokratischen Wahlen): 8C+ +x trav. (Da werden sie bei 8a.nu sicher einen 5C Boulder draus basteln, auch wenn im Grunde gar keine Luft mehr ist zur nächsten Zahl. Aber die Luft ist hier oben die letzten Jahre ja sehr dünn geworden, abgesaugt könnte man sagen... Aber ich will hier kein Fass aufmachen, was anderenorts schon (von mir) geöffnet wurde und stinkend herumsteht.)

Geil ist es auch ohne Zahl dahinter. Nicht nur wegen dem super Sandstein im Lindental, weil selbst die kleine Aliénor es toll findet, und weil das Ding so richtig plättet, sondern einfach weil's so einfach ging. Dieses Jahr. 2015. Wenn ich da noch Meiose oben drauf packe, werde ich die neun Monate in Südamerika statt zu klettern am besten Durchfeiern. (Denn: mit 30 muss man schon das Land verlassen, will man noch richtig Party machen ;)

 

P.S.: Es ging dann tatsächlich am 04.11. und also im dritten Tag im Projekt. 15 Züge mehr nur, aber schließlich geht es hier und mir ja vor allem um Meiose. Dafür habe ich mich entschlossen trotz allerlei potenzieller Liegfaktoren (von denen sich vor allem der in den ersten Zügen bereits als ziemlich handfest erwiesen hat, eine Reihe 8B-Boulderer sahen dort gar kein Land) den Ball flach zu halten und Mediomalomania auf eine Stufe mit Des scènes bizarres dans la mine d'or im Jansegg (und nicht mit Drop a line am Cousimbert und Meiose) zu stellen und den Routengrad 9a+ auszuwerfen. Oder 8C Boulder. Oder 8C+ trav. Dies beinhaltet natürlich eine Selbstabwertung für Minimalomania, was sich auch nicht so ganz leicht gestaltet. Immerhin ist E la nave va piu avanti (trotz einiger Griffausbrüche)schon von 9A trav. auf 8C trav. abgewertet und muss doch deutlich leichter bleiben als Minimalomania, welche für mich, obwohl deutlich eher mein Ding, weit mehr Aufwand bedeutete (10 vs. 40 Tage). Denkbar wäre 8C/8C+ für Minimalomania. Vorerst ist es ohnehin schnuppe, denn auch die hellsten unter den aufgehenden Klettersternen des Landes scheinen noch äußerst uninteressiert an Projekten wie diesen. Die schwerste Traverse des Landes ist es sicher und eine der schwersten der Welt auch. Wenn nicht die schwerste. (Ich weiß, es gibt da so ein 9A-Ding in Font, aber ich hatte noch keine Zeit vorbei zu schauen.)

So bleibt jetzt, da ich diese Zeilen am Vorabend des vermutlich letzten Versuchstages an der Tribune vor unserer Abreise schreibe, nur noch das Träumen vom Triple. Denn auch wenn ich weiß, das Torture physique intergrale (9a+/9b und für Kleinere als 185cm 9b) in den Gastlosen von Adam Ondra ebenfalls sau schwer und vermutlich nicht leichter als Meiose ist, werde ich mich auf die Logik der Skala stützen und nicht am von einigen Topkletterern (aber bei weitem nicht allen) praktizierten Dumping beteiligen und glatt 9b auswerfen (es gibt ohnehin keine Slash-Grade im Topo). Und auch wenn es sich in Wahrheit um einen geteilten ersten Platz handelt, wird es auf dem Papier hinterher doch nach der schwersten Route der Schweiz und überhaupt des ganzen deutschsprachigen Raums aussehen. Dazu mit Drop a line der nominell schwerste Boulder des Landes und eben die schwerste Traverse. Macht eine runde Sache mit der sich in er Folge vielleicht auch ein paar fitte Jungs auseinandersetzen werden. Schön wär's, denn alle drei sind allererste Sahne. Nicht zu vergessen die ganz sichere Nummer drei der Routen des Landes Des scènes bizarres dans la mine d'or. Vermutlich die schönste von allen.

 

 

Züruck