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Züruck

Das 93. Chromosomenpaar in vier Jahren - 149 Versuche und ein sehr merkwürdiger allerletzter vor meine Abschied aus der Schweiz und siehe da: der 12. Grad. Meiose, 11+/12- (9b), La Tribune, Charmey. Mein Meisterstück.

149 Versuche und ein sehr merkwürdiger allerletzter vor meine Abschied aus der Schweiz und siehe da: der 12. Grad. Meiose, 11+/12- (9b), La Tribune, Charmey. Mein Meisterstück.

Meiose. Was für ein schöner Name, keiner weiß welche Sprache, ist auch egal, Deutsch oder Französisch, schreibt sich ja gleich. So wie es sich gehört für einen Sektor genau auf der Sprachgrenze. (Was im Übrigen lustigerweise für alle High End Sektoren im Kanton gilt. Jansegg, Gastlosen, Charmey, Cousimbert. Aber nicht nur so ungefähr, sondern auf weniger als einen Kilometer genau. Ich könnte Röstigraben- (so nennt man diese Grenze der Sprache, Kultur, und politischen Gesinnung) -Abgesandter werden. Völkerverständigung und so. Aber ich kann kein Schwitzerdütsch und der „Deutschschweizer“ an sich konnte sich auch in neun Jahren nie so recht für mich erwärmen. Sei's drum.)

Meiose. Was für eine beknackte Linie. Hat wieder irgend so ein Hansel einen möglichst schweren Weg nach oben gesucht und dabei alle Nachbarrouten vergessen! Das war im Jahr 2011. Ich hatte gerade meinen Master begonnen und war nach schon einmal vier Jahren Fribourg und einem Jahr Reisen in Europa in die Verlängerung gegangen. Noch einmal vier Jahre. Vor allem wegen der vielen noch offen Projekte natürlich und dann auch wegen diesem unangekündigten Kind, das sich ankündigte. Da wollten wir in der Nähe einer der beiden Stammfamilien bleiben und Jeanne kommt eben von dort.

 

 
 Die 1. Crux

 

Die sechs, sieben Meter freier Fels (in der Breite) zwischen einer 8c (One way...) und einer 8b+ (La lutte de classes) hatten mich schon seit den ersten Tagen an der Tribune angelacht. Kompakt und grau, 50° steil auf den ersten sieben Metern, dann leicht überhängend. Löcher, Aufleger und Leisten. Sogar ein Riss im unteren Teil. Nur oben ein bisschen eng mit der hier einrückenden One way. Ich schwang erst den Bohrer und dann meine Finger und Füße und musste leider bald einsehen, dass vor allem die ersten Meter zu schwer für mich waren. Aber ich fand eine Möglichkeit, bei der ich mir nur drei Züge aus One way rechts leihen musste, um sodann auf Neuland in die neue Linie zu stoßen. Das war immer noch schwer. Logisch und direkt geklettert schlug ich auch diese bereits abgeschwächte Version schnell aus. Ohne Ruhepunkt aus einer 8c+/9a Passage in eine 8c+ zu klettern erschien mir vollkommen unmöglich. Aber es gab eine Möglichkeit zwischen den beiden Teilen auszukneifen nach links in den Rastpunkt vom La lutte de classes. Das waren zwar zehn Züge hin und zurück und auch die Logik litt etwas, einen anderen Weg sah ich allerdings nicht. Und da der Knieklemmer dort die Arme zwar einigermaßen entlastete, dafür aber den Rumpf ermüdete, würde ich auch auf diesem Weg noch zu beißen haben. Bis März sollte es dauern, um festzustellen, dass ich auch mit dem Ruhepunkt in dieser Saison (2011/12) nirgendwohin kommen sollte. Ich reduzierte auf zwei Unterprojekte, die sich in der Mitte kreuzten, genau wie ein Chromosomenpaar (X und Y), und die ich Ende des Monats beide am gleichen Tag, innerhalb von nur 75 Minuten erstbegehen konnte. Etwa 20 Tage hatte ich bis hier in dem vorerst aufgedröselten Projekt verbracht. Aber mein eigentliches Ziel war natürlich noch nicht vergessen. Drei Jahre mindestens würden wir noch in Fribourg bleiben. Zeit genug, sollte man sagen.

Im November 2012 eröffneten wir die Saison endlich (nach einem nassen Herbst) von neuem, und schon nach drei Tagen war ich wieder sehr gut unterwegs. Leider sollte es der nasseste Winter und das dunkelste Frühjahr in der Geschichte der Meteorologie werden und ich fand mich keinen einzigen Tag mehr in Charmey wieder. Ich traversierte mich erst mit Minimalomania durchs Lindental, erreichte bei hohem Liegfaktor und extremen Aufwand eine neue Stufe (8C+ trav., 9a+ Route) und versuchte mich den Rest des Frühjahres an Underclass poem am Cousimbert. Jedoch ohne Erfolg. Unter dem vielen Bouldern legte ich an Muskeln und auch an Gewicht zu. Bei meiner ersten 8c (Soft Parade in Kochel) im Jahr 2005 hatte ich noch 65kg gewogen, bei Antritt unserer Passion Verticale Reise 2010 knapp 70kg, bis Anfang des Jahres 2014 sollte ich mich auf 78kg steigern, was vor allem an einem dreimonatigen Praktikum im Olympiastützpunkt der Schweiz lag, in dem den Sportlern und Angestellten entgegen aller Ernährungsphysiologie massenhaft Kohlehydrate und Nachtische verfüttert werden. Das passte genau in meine Diät, die ich seit guten zehn Jahren verfolgte und die außerdem ein bis zwei Bier pro Abend beinhaltete. Diese Rechnung war lange aufgegangen und gestaltete sich zudem äußerst genussorientiert, seit der Geburt unseres Sohnes und einer drastischen Pensumverringerung auf maximal drei Mal Klettern (und meistens Bouldern) pro Woche, legte ich mir aber langsam und stetig eine natürliche Gewichtsweste an.

Folglich ging in der Saison 2013/14 auch zunächst nicht sehr viel und ich stagnierte auf dem Niveau von 2012. Beide Chromosome für sich hätte ich wieder machen können, an eine Vereinigung im Sinne der Meiose allerdings war nicht zu denken. Außerdem schied ich zum Jahreswechsel verletzungsbedingt für sechs Monate aus. Richtig schwer klettern schien sich für dieses Leben gegessen zu haben. Ich schrieb einen Roman und meine Motivation dafür erinnerte mich stark an mein Klettern mit sechzehn. Ich konnte kaum schlafen vor rumorenden Ideen. Aber ich vermisste den sportlichen Ausgleich, das draußen Sein und vor allem das spielerische Umfeld des Kletterns, ein Hafen der entspannten Geister im Meer der besinnungslos Gestressten (v.a. in der Schweiz und noch mehr in meiner Schwiegerfamilie). Ich versuchte ab und an wieder zu beginnen, aber meine Verletzung schlug jedes Mal schnell und kompromisslos von neuem zu und raubte mir langsam meinen sonst in Sachen Klettern „eingebauten“ Optimismus.

Dann traf ich zwei Menschen, die zumindest diesbezüglich alles verändern sollten. Den ersten Arzt seit zehn Jahren (Andreas Schweizer aus Zürich) und den ersten Ernährungsberater überhaupt meines Lebens (Damian Cholley aus Fribourg). Letzterer hatte Maiday gegründet, einen Sportgetränkehersteller, mit dem ich seit 2013 zusammenarbeitete. Andreas identifizierte das Knochenmarködem und seine Ursachen in meinem Finger, Damian die Gewichtsweste und deren Gründe. Ich begann an beidem zu arbeiten, indem ich Scherbelastungen auf dem rechten Mittelfinger und überdosierte Mengen Kohlehydrate auf die Magengegend vermied. Als ich fünf Monate später, im November 2014, wieder in Meiose hing, wog ich bereits nur noch knapp über 70kg und hatte mir mit ein paar Stunden Aufwand pro Woche am Cousimbert innerhalb von vier Monaten eine recht brauchbare Form antrainiert. So brauchbar, dass ich meinen alten Hang zur Selbstüberschätzung bereits wieder erwarb und angesichts der Leichtigkeit in den ehemals so schweren Zügen gleich einmal auf den Rastpunkt, der fünf Züge außerhalb der Linie lag, zu verzichten beschloss.

25 Züge, die die beiden Cruxpassagen der Chromosome-Routen (8c+/9a und 8c+) nahtlos miteinander verbanden, so nahtlos, dass nur noch zweimal Klippen und einmal Chalken drin lag. Von schütteln ganz zu schweigen. Vom fünften Haken auf 10 Meter Höhe konnte man jetzt durchaus auf den Boden fallen und beste Bedingungen wurden angesichts des akuten Magnesiummangels in den oberen Zügen praktisch zur Pflicht. Ich war mir sicher hier auf einem für mich vollständig neuen Niveau und also in einer 9b zu klettern. Am 11.12. fiel im am letzten schweren Zug und am Tag darauf traf ich einen weiteren Menschen, der diesbezüglich einige Unordnung in meinen Kopf bringen sollte: Adam Ondra. Er kam, sah (ließ sich jede einzelne Bewegung aus Chromosome Y ganz genau vorklettern) und flashte die Route im Anschluss bei perfekten Bedingungen ums A****lecken. Er gab sogar seinen Segen für den Grad 9a. Eine ziemliche Seltenheit bei Ein-Versuch-Begehungen von ihm in diesen Höhen.

Dann nahm er sich den ursprünglich 2011 gebohrten direkten Einstieg vor, erklärte ihn während eines 90-minütigen ersten Versuches zunächst für unkletterbar, dann für mindestens 9a+ und schließlich, nachdem er das Ding im Zweiten durchgeprügelt hatte, für 9a. „Upper end“. In der einzigen für mich im ersten Versuch nicht kletterbaren Bewegung dieses acht Zug Boulders verklemmten seine nicht gerade schlanken Finger perfekt, während ich mit meinen Mädchenhänden glatt herausglitt. Da praktisch niemand solche Endgelenke hat, gesellt sich zu einer beinharten Bewertung ein für Risse typischer, nicht zu vernachlässigender Liegfaktor. Ich kenne nicht nur eine 8c+ in der Westschweiz, auch sie von Helden unserer Zunft einst erstbegangen, die gefühlte fünf Grade (fünf Plus) leichter ist als Transcription. Eine 9b dagegen müsse den neuen Meister fünf volle Tage in Beschlag nehmen. Willkommen in der neuen Welt des neuen neunten Grades.

Ich kam ganz schön auf die Welt. Selbst von ihm bestätigte 9a waren mir schon vor Jahren in 10 Versuchen gelungen, nie hatte ich mehr als 20 Versuche für eine Wiederholung in diesem Grad benötigt. Auch Chromosome Y war ihm als 9a vorgekommen und an der Stelle, an der ich diese Linie (für Meiose) verließ, war es mit den Schwierigkeiten in Chromosome Y vorbei. Täglich kletterte ich drei bis vier Mal über diese Marke hinaus. Aber eine Route, in der Adam Ondra volle fünf Tage arbeiten muss, konnte ich mir nicht vorstellen klettern zu können. Sollte ich also verdammt sein, trotz aller Leistungssteigerung, trotz bis zum Frühjahr 2015 12kg Gewichtsverlust und trotz meines neuen super effizienten Maximalkrafttrainings niemals den Bereich der 9a+ verlassen zu können? Und das obwohl auf der Liste der 9b-Kletterer mindestens die Hälfte der Namen auch niemals ein Fünftagesprojekt von ihm würde durchsteigen können (wenn dort auch Namen stehen, die in Routen wie A muerte, ein ziemliches Geschenk für 9a, über Jahre scheiterten). Es klang irgendwie unlogisch. Und irgendwie ungerecht. Aber der Tag und der Abend mit ihm waren so spannend und interessant gewesen, für den Augenblick war ich versucht ihm zu glauben und schon einmal eine Liste im Kopf zu erstellen mit Linien, die ich würde abwerten müssen: So ungefähr alle, die ich in meinem Leben gemacht hatte. Alle 9a wären 8c+ und Jungle Speed, A muerte und Cabane au Canada höchstens noch 8c. (Alle drei wiederum von Adam bestätigt.)

 

 
 Auf in die 2. Crux

 

Noch komplizierter als die Bewertung wurde allerdings der Durchstieg von Meiose. Bis einschließlich Februar 2015 blieb die Tribune nass und ich verblieb bouldernd. Was mir dann, als es ab März wieder trocken wurde, in den letzten der 25 schweren Züge auch nicht half. Fünf Mal fiel ich vom letzten kleinen Griff, einmal sah ich schon den Abspann dieses Filmes in Endlosschleife vor meinem inneren Auge ablaufen, so sicher fühlte ich mich im Anvisieren des rettenden „Einfingerlochhenkels“, aber meine Hand zippte beim Weiterschnappen weg. Am Cousimbert hatte ich meine waghalsigsten Träume zum Teil weit übertroffen, hier war ich vom Pech verfolgt. Dann kam der Sommer. Das Jansegg. Des scènes bizarres dans la mine d'or. Etwas schwerer als Transcription und also meine erste wasch- und ondraechte 9a+. Logischerweise. Aber was ist schon Logik? Der Durchstieg fiel bei nassen Griffen nach einer nur 20-minütigen Pause. Das konnte nicht das Ende der leistungstechnischen Fahnenstange sein. Meiose war für mich um so vieles schwerer. Aber wenn Jungle Speed und Transcription in den gleichen Grad passten, was mochte dann nur alles in die nächste Stufe, 9a+, passen?

Der Sommer wurde nicht mal zwischendrin kühl, er bleib sich treu in seinen sich gegenseitig übertürmenden Hitzewellen. Anfang September fuhren wir nach Indien und sollten im Anschluss nur fünf Tage haben, bevor wir das Schiff nach Südamerika bestiegen. Ein eher kleines Zeitfenster Ende November, um ein Projekt dieser Kragenweite zu ziehen. Dann aber kam alles anders, wie immer, Bakterien eroberten uns und schickten uns zurück aus der Wüste. Nach Hause. Ein Herbst wie aus einem Bilderbuch, nur klimatologisch viel abgefahrener. Klettern höchstens im Schatten und nach fünf Tagen in der Route bin ich schon wieder beinahe so nah dran, wie in den besten Versuchen, trotz nur eintägiger Ruhephasen und den fünf Wochen auf 4000 Meter im indischen Himalaya, die mir die Muskeln vom Körper gefressen haben. Vier Wochen bleiben mir und ich will schon in Optimismus verfallen, da beginnt Aliénor, unsere jüngste, zu streiken und mich nicht mehr ans Seil zu lassen. Zwei Wochen Zwangspause bis Jeanne mit Jules aus England wiederkommt. Es bleiben gute zehn Tage. Der 9. November und 22° auf 1000 Meter. Im ersten Versuch noch in der Sonne geht gar nichts, zum Abend wird es dann etwas hoffnungsfroher. Aber kühleres Wetter brauche ich in jedem Fall. So viel ist klar. Wir werden sehen..

Wir haben es gesehen. 20. November. Der Regen fällt, er fällt und fällt. Der Wind drückt ihn hinein. Ich zittere nicht mehr. Nicht innerlich noch äußerlich. Noch immer 14 Grad. Die warme Luft, die vor der Kaltfront flieh

Gewöhnlich muss ich zittern, wenn 40mm Regen fallen in einer Nacht. Noch dazu im Herbst. Für gewöhnlich bedeutet so viel Niederschlag lange nassen Fels und lange Pausen im Projekt, die schon mal den ganzen Winter dauern können. Zumal in Zeiten, in denen jedes Extrem nur einen Wimpernschlag des Wetters weit entfernt zu liegen scheint. In dieser warmen Spätherbstnacht fühlt sich der Regen weicher an. Wie Honig. Er schiebt uns weg, nach Südamerika, aber sein Schieben drückt nicht.
 
Ich bin bereit zu gehen.
Ich wäre es auch schon drei Tage früher gewesen. Auch wenn sich das aus heutiger Sicht leicht sagen lässt, es stimmt, ich schwöre. Es war mein Traum, na klar, wer möchte nicht einmal an den Fußsohlen eines neuen Grades lecken. 11+/12-. Er war es nicht immer schon gewesen. 8b hieß diese magische Marke, die mir in stürmisch drängenden Jugendphantasien vorgeschwebt war. Alles wollte ich dafür geben. Alles gab ich in den ersten beiden Jahren. Die glatte zehn (8b) erreichte ich mit 18. Dann gab ich langsam immer weniger. Bis hin zum Jahr 2014 eben, als ich dachte es, wäre alles schon vorbei. Aber ich hatte natürlich zwischen 18 und 28 ein bisschen weitergeträumt und irgendwie war da die 8 durch eine 9 ersetzt worden.
Ich bin jetzt, am 20. November bereit zu gehen, aber ich wäre es auch schon am 17. gewesen. So schön war dieser einzige wirkliche Versuch des Tages. 14 Grad im Tal, vermutlich an die 20° oben am Fels. Nur im Schatten der untergehenden Sonne ist überhaupt Klettern am Limit möglich. Um vier Uhr ist das. Ich stehe da, kein Wind, zwei Stunden Pause, zwei Ruhetage, gut geschlafen. Alles so wie es sein soll, wenn wirklich etwas gehen soll. Ein guter Go, fast keine Fehler, nur den Tritt links außen am Übergang von erster Crux zu zweiter Crux, den kriege ich nicht im ersten Anlauf. Aber das ist nicht so schlimm. Ich wippe und blockiere mich durch die nächsten Züge, der Klipp, bei dem man auf den Boden fallen kann, läuft glatt und schnell. Leicht fällt mir auch das essentielle Wegnehmen der linken Hand für ein paar Sekunden, um frisch zu sein für den letzten schweren Schulterzug nach rechts. Ich beginne zu verschieben, nehme den Zwischengriff, den letzten, höchste erreichte Marke bis hier her. Es geht mir gut. Es fehlt nur noch ein Zug. In dieses Fingerloch. Aber der rechte Unterarm ist platt, zugunsten der linken Schulter. Ich setze an, ich schieße los, ich treffe. Voll ins Schwarze. Ich bin im Loch. Ich, mein Mittelfinger. Bis zum Endgelenk, ein Henkel eigentlich, und doch nicht sie Erlösung von vier Jahren hier versuchen, 150 Mal, fünf Mal so knapp. Ich halte es nicht, das Loch, ich kippe weg, nach hinten.
Ich schreie: „Ficken!“ Ziemlich laut, aber seien wir ehrlich: ich freue mich. Es war der letzte ernstzunehmende Versuch, in drei Tagen kommt der Winter im Mantel einer Regenfront und mir bleibe bis Donnerstag, dem 19. nur ein Ruhetag, bei noch mal zwei Grad mehr Milde, wie soll das besser gehen, als das hier eben? Dieser fast fehlerlose Go.
Es war der letzte Versuch, der Abschied von meinem Lieblingsfelsen, und er war gut, sehr gut, mit Abstand der beste. Bei höchstens durchschnittlichen Bedingungen. Der Beweis: ich bin, obwohl nicht nochmal leichter, stärker als vor einem Jahr. Das ist doch super! Kein Durchstieg zwar, aber dafür die Eintrittskarte für meine Besuche als Tourist im Tal des Jaunbachs: Charmey, Jansegg, Gastlosen. Eine offene 9b, der beste Grund wieder zu kommen.
Wir gehen heim. Ich trinke vier Bier auf meinen super fast-Durchstieg und schlafe schlecht. Noch hoffe ich, die Front möge erst Freitag Abend kommen, nicht schon im Lauf des Vormittags, aber es der Funken Zuversicht wird schnell von der Vorhersage erschlagen. Bleibt nur der Donnerstag.
Donnerstag, 19. November. Heute ist es richtig warm. Nicht nur ein bisschen. 17 Grad im Tal. Gut über 20 Grad hier oben. Ich bin mir sicher, ich hätte es gemacht, wenn dieser Herbst nur ein bisschen herbstlich gewesen wäre. Aber bei dieser Wärme...
Der erste Versuch des Tages, zum Glück mit einer Wolke als Sonnenschutz, ist gar nicht schlecht, technisch nicht schlecht, aber natürlich hoffnungslos. Alle andern guten Versuche vor diesem Herbst in dieser Route hatte ich bei null bis zehn Grad gemacht. Ich hake die Sache vollständig ab.
Aber ich brauche noch die Exen.
Doof. Also doch noch einmal rein. Aber wenn schon, dann im Schatten. Zwei Stunden bis dahin. Ich schlafe. Das soll man ja, sportpsychologische Empfehlung. Zum Aufwachen das Seil in der dritten Haken eingehängt und wieder abgeklettert. Sauber rotpunkt. Ich fühle mich dusselig. Und klettere sodann auch so. Zu ungenau. Im Startboulder bin ich schon nicht richtig in den Griffen, aber das drück ich weg, da muss man drüber stehen, über diesem 8B, wenn man noch 15 Züge weiter will. Den Tritt links bekomm ich auch nicht, aber zumindest bekomm ich etwas Wind geschenkt vom Sturm, der näherrückt. Die wichtige, kleine Zange mit rechts, bei der man auf zwei Millimeter genau zielen muss, sitzt auch nicht richtig, zudem merke ich schnell, dass trotz der etwas klareren Luft die Griffe im leicht überhängenden zweiten schweren Teil leicht schmieren. Zum Klipp Nummer fünf, dem zum potenziell Beine brechen, komm ich noch, aber ich schaffe es nicht das Seil einzuhängen. Fünf Sekunden tu ich rum. Loslassen will ich natürlich trotzdem nicht. Ich mag ja meine Beine.
Die linke Schulter, die sonst schon das engste aller Nadelören in diesem odysseischen Bogenschießrätsel ist (Axtkeile waren es dort, glaube ich), freut dieser vermasselte Klipp natürlich gar nicht. Sie muss uns alle halten. Die Beine, mich, und sich, die rechte Hand. Letztere mag zappelig sein, kann dafür aber in Sachen Maximalkraft chillen. Und ermöglicht mir, der sich schon an dieser Stelle wundert, überhaupt noch am Fels zu hängen, sodann sogar auch noch den linken Arm vom Fels zu nehmen. Ein paar Sekunden.
Ich weiß längst gar nichts mehr, mein Hirn tritt Sauerstoff an meine Muskeln ab, aber Adrian unten schreit Allez!, (Gehen Sie weiter!). Was sonst? Unten sein werde ich noch lang genug in meinem Leben. Ich schiebe mich auf diesen letzten Zwischengriff, das drei-Finger-Bänkchen, ziehe die Füße nach und ja, naja, dann geb ich eben diesen letzten Schub in diesem letzten Go an diesem letzten Tag in diesem letzten Jahr an diesem ersten meiner Felsen. Letzte Minute.
 
 
 Das ist dann nicht mehr in der Linie... (man merkt, ich hatte noch keine Zeit Fotos zu machen)

 

War da nicht was? Ich bin kein Minute Man, aber Last Minute Man, das war noch ich. Als gäbe die Abreise mir noch mal ein paar Extrakörner. Länger als ich es ab übermorgen sein werde, bin ich noch nie weg gewesen. Vielleicht weiß das ein Teil von mir, der außerdem die Vergabe der Zusatzenergie verwaltet. Und gibt mir jetzt, für diesen letzten Zug, Kredit, weil er sich sagt: „Jetzt nur ein Fünkchen mehr und wir sparen uns in ein oder zwei Jahren wieder tagelanges Reintrainieren! Die Sache klingt nach top Return on Investment, das mache ich!“ Und also macht er es. Weil es ja geht. Der Weltrekord im Sprint, so sagen manche, wurde aller Wahrscheinlichkeit in irgendeinem Steppenland mit einem Löwen hinten dran gemacht. Das Bewusstsein der allerletzten Chance schiebt mich am Ende einer beileibe nicht perfekten Gos in dieses Loch. Und ankert dort. Ich hab's geschafft, ich kann's nicht glauben. Ich zeige Adrian unten einen Vogel.

Der Wind bläst kühl und kräftig. Die scheint in den tiefere Teil des Tals, die Luft sieht aus wie blauer Honig. Mein allerliebstes Kletterwetter. Auch wenn der Rest nicht mehr sehr schwer ist, kann ich es doch erst nach der letzten harten Stelle ganz genießen, dann schreie ich die Freude raus, die nichts als echte Freude ist, ganz grundlos überrascht. Keine Erleichterung, wie sonst mitunter. Ich hatte mit Meiose abgeschlossen. Für dieses Jahr.
Ich habe, seit ich 2011 diese Route bohrte, ein paar Chromosomepaare (92, um genau zu sein) zusammengemixt. Und dieses 93. ist, wenn ich mir meine Kinder anschaue, nicht einmal das schönste unter ihnen, aber natürlich doch etwas besonderes. Nicht der, zumindest wenn sich 9b bestätigt, 12. Grad an sich, dieses schon länger aufgemachte Fass wird sich bald ganz mit Routen und Vertretern füllen, vielmehr die Idee, die für mich dahinter steht. Die Idee, die mir diesen letzten (Riesen-) Sprung ermöglicht hat: Klettern, weil ich es will, weil ich es liebe. Nicht für die äußere Belohnung. Instrinsisch heißt das Zauberwort. Erst als ich alles sein ließ: Sponsoren, Training, Medienpräsenz, Klettern überhaupt (für sechs Monate), die üblichen Tonnen CO2 (während den neun Monaten nach meiner Verletzung fuhr ich im Schnitt nur 50 Wochenkilometer ohne Indoor zu klettern), Bewertungen (bis April 2015 versuchte ich nichts bereits Bewertetes und warf bis diesen Herbst auch keine Grade aus), Klettern als Herrscher über meine Zeit (seit 2014 klettere ich nur noch zwei Mal die Woche), kam alles zurück zu mir. Die alten Träume. Plötzlich reell.
Maybe if I all let it be, it will all come back to me.

Klettern aus und zur reinen Freude. Es waren zwei sehr schöne Jahre. Ihr seht, es bröckelt schon. Ich schreibe wieder. Ich werfe Grade aus. Und nicht zu knapp. Zumindest diese eine Woche lang. Aber ich bin in Sicherheit, gewissermaßen schon wieder weg, schon wieder weiter, auf einem Schiff mit nur horrend teurem Internet, unterwegs zu einem Kontinent auf dem es kaum etwas zu wiederholen gibt, nur Fels und eine Bürste. Und dieses Brennen tief in mir für die Schönheit eines Sports, der im Gegensatz zu fast allen anderen noch anders geht. Selbst auf sehr hohem Level.

One of the last free sports standing.

Habt Spaß dabei.



(Ah ja, warum ich diese Route so und nicht anders bewertet habe, ist im englischen Text nieder geschrieben.)

Züruck