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Siurana - Wenn sich nach Hause fahren irgendwann wie verreisen anfühlt

 

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 Wabenkuscheln - Lisa Bähr demonstriert in El Sentinella (7c+) wie Klettern in Siurana eigentlich nicht aussieht. Bzw. nur am Sandsteinriegel ein Stockwerk tiefer.

 

2 Fragen an Sarah Dao:

Jahrgang 1981, Informatikerin, Berlin/Siurana

Auch wenn sie auf den ersten Blick vielleicht nicht gleich so aussieht, aber Sarah aus Berlin ist eigentlich ein echter Siurana-Local. Unzählige Trips haben sie hierhergeführt, ein Jahr hat sie in Tarragona studiert, in Siurana eine Wohnung gemietet und in einer Höhle auf dem Cliff geschlafen. Ich wage nicht zu sagen, ob ihr Dauerlächeln von all der Zeit hier oben kommt, aber auszuschließen ist es nicht. Schlechte Laune macht ihr die spanische Sonne auf jeden Fall nicht.

 

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 Blaue Schamanin? - Vorsicht vor hübschen, kletternden Frauen. Vor allem wenn sie 7c (L'imbècil) und mehr klettern.

 

Aus welchen Gründen, die nichts mit dem Klettern zu tun haben, ist Siurana das beste Klettergebiet der Welt?

In Siurana fehlt es mir an nichts: Es ist so schön da, ich hab Klettereien, die wohl noch mein Leben reichen, es gibt einen Fluss und einen See und eine Ziegen- und Schafherde, die man immer mal wieder im Wald hinter dem Hochplateau trifft. Und es herrscht ein ganz besonderes Ambiente. Hier zu sein ist für mich Leben und sind keine Ferien. Siurana ist eigentlich ein uraltes Dorf aus vielleicht 15 Steinhäusern ganz oben auf dem Hochplateau. In alle Richtungen hat man die krassesten Aussichten. Das Dorf hat viel Geschichte und das spürt man: Siurana war ja im Mittelalter wie auch der Rest von Spanien von den Mauren erobert gewesen, und Siurana war lange die letzte Bastion der Gegend, die den christlichen Rückeroberern getrotzt hat.

Man sagt, die maurische Königin ist mit Ihrem Pferd die Klippen runtergesprungen, als klar wurde, dass Siurana der Rückeroberung nicht mehr standhalten kann. Die Wand,   über die sie runtergesprungen sein soll, ist danach benannt:  Salt de la reina mora – Der Sprung der maurischen Königin.

Ich habe oft mehrere Monate am Stück in Siurana verbracht, einmal ein dreiviertel Jahr. Und man trifft immer Andere, die auch lange bleiben, und es bilden sich Freundschaften oder Lebensgemeinschaften auf Zeit. Die einen mieten sich in Siurana oder Cornudella ein, andere leben mit ihrem Bus auf dem Parkplatz, und wieder andere suchen sich eine Höhle und richten sich dort häuslich ein. Ich habe eine Stammhöhle, wo ich meistens bin. Es gibt eine Feuerstelle und ein Steinplateau, worauf ich schlafe, und eine wunderschöne Aussicht auf das Ost-Tal neben Siurana. Und dann besucht man sich abends, macht Feuer und kocht zusammen. Tags geht man Klettern und an den Ruhetagen an den Fluss. Und das oft monatelang zusammen mit den gleichen Leuten, da lernt man sich ganz gut kennen beim Zusammenleben…

 

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 Inzwischen mit Bus ;) - Aber ich kann bezeugen, dass wir trotzdem noch häufiger in den Höhlen geschlafen haben.

 

Man fühlt sich total erhaben da oben in Siurana. Von überall hat man tollsten Aussichten… die kitschigsten Sonnenuntergänge… es weht viel Wind.

Wenn man in den Höhlen wohnt, lebt man mit dem Wetter, man wird irgendwie zu einem kleinen Teil der Natur da. Wenn es bewölkt ist oder es nieselt, haben die meisten entsprechende Laune, aber genauso lässt man sich vom blauen Himmel mit Schäfchenwolken mitreißen und entspannen.

Man bekommt die Natur mehr mit als an einem normalen Klettertag, nachts wache ich meist mehrmals auf und sehe die bizarrsten Wolken - und Mondformationen, oder sehe wie der Nebel ankriecht und sich um die Höhle legt, bis ich manchmal nicht mehr den Strauch neben meinem „Bett“ erkennen kann. Es ist auch sehenswert, wie der Morgen beginnt, wenn sich eine gelbe Glut über die Hügelkette gegenüber legt. Vielleicht ist es in Siurana unter anderem so schön, weil man sich oft in einem Zustand des Staunens über die tägliche Schönheit befindet…

 

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 Uneinnehmbar? - Siurana war die letzte Bastion der Mauren während der Rückeroberung Kalaloniens durch die Christen. Wer da war, weiß warum.

 

Das Bonus-Tagebuch

 

07. Februar 2011

Sommer, Sonne, Soft Survival

Es ist der Mehrfachschock, der das Ankommen in Siurana so schön macht. Der Temperatur-, der Kultur- und der Ästhetikschock. Überhaupt, es ist von einem Tag auf den anderen ein anderes Dasein.

Traditionsgemäß beziehen wir unser Anarcho-Camp. In dem leben wir normalerweise, seit ich das erste Mal vor fünf Jahren nach Siurana kam. , Dieser Ort erhöht die Schockwirkung, denn er ist wirklich abgelegen, absolut still, der Blick schweift über das Tal des Rio Siurana, eine Welt in Grün und Braun. Meistens zieht ein  warmer Wind vom Tal herauf und erhöht noch einmal die Wirkung unserer besonderen Wohnlage.  Wir hausen unter einem großen Überhang auf breiten Bändern, die nach Osten ausgerichtet sind. Gegen die vorherrschenden Westwinde sind wir vollkommen geschützt und wenn die Morgensonne scheint, sitzen wir zum Frühstück in einem Hohlspiegel, der wie ein richtiger, kleiner Heizkessel wirkt während man oben auf dem Cliff im Wind frieren würde.

So liegen wir jetzt hier, Anfang Februar, ohne T-Shirt in der Sonne, lassen neben dem angenehmen Temperaturschock gleich auch noch den obligaten Kulturschock über uns ergehen. Der besteht im Groben darin, dass man sein Dasein an diesem Ort genießt, so lange wie möglich, das Klettern so spät wie möglich auf den Nachmittag legt, liest, spielt, döst, die Aussicht genießt. Wir haben keinen funktionierenden Kocher, also bauen wir eine kleine, geschützte Kochstelle. Wir richten uns ein, definieren Spülstelle, Vorratslager und Schlafsaal. Wir kommen an.

 

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 Nicht das Anarchocamp... - Klare Hierarchien ließ unser Aufenthalt während einiger Tage schlecht Wetter in dieser alten Fabrik aber ebenfalls vermissen. Hier Christian "Wahle" Lake beim sich fit halten.

 

Und auch der Ästhetikschock ist eindrucksvoll, wenn man hier eintrifft, aus einer Stadt oder aus dem grauen, nordischen Winter kommend. Plötzlich steht man zwischen Rosmarinsträuchern, Kiefern und trockenen Gräsern, atmet den Duft ein, den die Sonne all dem entlockt.  Über uns natürlich ein blauer Himmel, zwischen allem Grün helle, waagrechte Kalkbänke. Dazu die exponierte Lage des kleinen Dorfs Siurana, ganz vorne auf diesem gigantischen Felsbug postiert, umgeben von Mandelbäumen und als eines der wenigen Dörfer in der Umgebung wirklich im alten Stil belassen, mit Steinhäusern und Gässchen, einem Brunnen, einer romanischen Kirche und einer Burgruine.

Vom ersten Moment an zieht mich dieser Ort ein weiteres Mal in seinen Bann. Es mag unbewusst sein, ist aber trotzdem naheliegend, dass in diesem ersten Eintrag vom Klettern gar nicht die Rede ist. Diese Landschaft hier ist ohne Zweifel einmalig. Was mich so an Siurana bindet, ist eben doch mehr als das Klettern; es ist das Leben hier, der Ort, seine Schönheit, die Ruhe, die auch auf mich ausstrahlt, sobald ich meinen Fuß auf diese Erde setze.

 

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 Auch für Pacman stand die Natur Pate (der hier ist im Übrigen Pacman-3D).

 

20.02.2011

Kleine Starallüren

Normalerweise gibt es in Routen ab 8c ja keine Probleme mit Überfüllung und Schlange stehen. Als ich aber heute  zum ersten Mal Jungle Speed (9a) anschauen will, komme ich kaum bis zum Einstieg. Eine Traube aus Menschen, die alle nicht so aussehen, als würden sie selbst die Route probieren, hat sich dort versammelt. Und sie bestaunen einen Kletterer, der sie gerade versucht. Schnell habe auch ich ihn erkannt. Es ist Chris Sharma. Und er hat Publikum dabei, auch wenn er nicht so aussieht, als hätte er sich dies gewünscht. Und er versucht genau die Route, die ich auch probieren will. Und er hängt sogar im Seil, steigt sie nicht einmal direkt durch.

 

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 Chris Sharma fand's zu technisch, Dani Andrada zu hart für den Grad - Ich fand's zu leicht. So ist die Welt, wenn es ihr gefällt.

 

Nachdem auch ich die Züge versucht habe, angespornt von dem nun auch mir zuschauenden Publikum (wobei anspornender wohl eher Chris und Dani Andrada wirken, stelle ich fest, dass mir die Route gut rein läuft. Ich bekomme alle Einzelbewegungen gleich hin, auch einen Zug, den Chris seltsam findet und den er anders machen müsse.

Da werde ich fast ein bisschen stolz, auch wenn ich das nicht wahrhaben möchte. Ich versuche die gleiche 9a wie Chris Sharma und sehe nicht mal viel schlechter aus. Klar, ich werde wohl einige Versuche mehr brauchen als er, wenn er sie denn weiter probiert. Trotzdem ist es ein lustiges Gefühl, mich dort zu sehen, wo ich niemals auch nur im Traum dachte hinzukommen. Mir fallen meine ersten Klimmzug ein, mein tägliches Training nach der Schule.. Kurz erliege ich der Versuchung, meine Entwicklung zum guten Kletterer als zwingend und also als ganz normal zu sehen, aber dann empfinde ich doch etwas Stolz. Denn für meine Veranlagung war das nicht ganz normal, dieselben 9a’s wie die größten Sportkletterern unserer Zeit zu versuchen… 

 

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 Beton, oder wie? - Nein, es ist Muschelkalk. Allerdings so eben, dass man direkt drauf bauen kann. Wie dies wohl z.T. in Siurana dahinter auch geschehen ist.

 

23. Februar 2011

Die vier Prüfungen

Während der ersten Woche hatte ich bereits einige Male Chicane (8c+) im Sektor Can piqui puqui angeschaut, ein wenig überhängender 30m – Leistenkratzer.Er ist eindeutig sehr interessant und anspruchsvoll, mit einem 7m - Hakenabstand auf einer 7c-Platte zur Umlenkung. Vor allem wenn man das erste Mal hoch muss, lässt einem dieser Abstand schon mal ein paar Extrakörner in die Unterarme fließen, denn fallen will man hier wirklich nicht. Aber die Belastung einer solchen fingerzentrierten Route ist einseitig, außerdem will ich ja nicht immer im gleichen Sektor herumhängen.

 

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 Oh ja, da kribbelt es im Bohrkopf - Für die Felsen hinten müsste man allerdings mehr als die 5min laufen, die Dario Haselwarter als Zustieg zu Boys don't cry (7c) investiert hat.

 

Deshalb habe ich eine breiter angelegte Herangehensweise entwickelt. Statt eine schwere Route nach der anderen zu projektieren, werde ich alle zugleich probieren. Hierfür habe ich neben Chicane (8c+) Chocolate caliente (8c+), Leche caliente (8c) und Jungle Speed (9a) ausgewählt. So habe ich immer Unterschiedliches zu tun und intensiv wird es trotzdem. Die beiden …calientes kann ich ohnehin am ersten Tag fast klettern, lange werden sie mich also nicht aufhalten. Aber zwischendurch ist mit schlechtem Wetter  zu rechnen, und im Nachbargebiet  Margalef wollen wir ja auch noch klettern. Insofern werde ich schon beschäftigt sein. Vor allem, da einen das angenehme Leben hier zu vielen Ruhetagen nötigt…

 

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 In Schulterbreite - Gassen wie diese gibt es spanischen Stadtzentren zum Glück noch viele. Diese ist in Cornudella de Montsant.

 

10. März 2011

Die Insel

Seit drei Tagen nun leben wir auf der Insel. Dort, wo sich zuvor ein atemberaubender Ausblick bot, ist nach allen Seiten hin seit drei Tagen nichts mehr zu sehen außer undurchdringlichem Grau.  Es sind die drei angesagten Zusatztage zur Sintflut vom Wochenende. Zwar regnet es etwas weniger stark, aber doch ziemlich ohne Unterlass. Der Wind bläst von Osten, weshalb unser Überhang unterspült wird, wir auf die Westseite des Riffs fliehen mussten, an einen wenig gastlichen Platz direkt über der Straße, aber doch zumindest ins Trockene. Wir können die Felsen nicht sehen, aber wir können uns ausmalen, wie sie aussehen in ihrem Brautkleid, gerade zurück von der Vermählung mit dem Regen. Sie sind braun, rot und schwarz gestreift, und mit jedem Liter Regen werden die dunklen Teile des Kleides mehr. Diese ständige Zunahme an nassen Felsflächen beraubt uns zwar unserer klettertechnischen Träume für die nächsten Tage, gibt uns aber zusammen mit diesem alles eingrenzenden hellen Grau um uns herum Ruhe, Gelassenheit, ja auch Entlastung. Wir werden unmöglich anreißen können in unseren Projekten, es ist auch ausgeschlossen irgendwelche Fotos zu machen. Wir werden gezwungen sein zu rasten, dem Körper Erholung zu gönnen, den Geist baumeln zu lassen. Wir haben Zeit zu stundenlagen Diskussionen und Kartenspielen, können literweise Bier trinken und kiloweise Pasta essen. Und was wie ein äußerer Zwang daherkommt, ist zumindest für mich kein echter Zwang, sondern eine Befreiung von meinen eigenen, inneren Zwängen. Dieses so wunderbar selbstbestimmte Leben lechzt manchmal nach äußeren Zwängen, Rahmen, festen Säulen, die ich nicht stürzen kann. Deshalb mag ich sie, die Regentage, die nicht außer Kontrolle geratenden, kleinen Verletzungen, die Tage, an denen ich meinen Laptop verliehen habe  -  oder mir jemand die Scheibe eingeschlagen hat. Die Tage, an denen es nicht viel zu tun gibt, die einfach so dahin laufen können, wie sie wollen. Die Tage in dieser Insel im hellen Grau, dieser Insel die allem entflohen ist, was vorher an mir zog.

 

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 Ab in die Dusche - Körperpflege ist nirgends so geil wie in Siurana: Wandern zum Fluss, erfrischen, in die Sonne legen... Na gut, manchmal ist es ein bisschen frisch.

 

20. März 2011

Jungle speed ausgebremst

Ich bin zurück in Jungle Speed, meinem 9a-  Projekt hier in Siurana. Gerade bin ich aber dabei eine mentale Vollbremsung hinzulegen, die mich vor allzu großem Frust bewahren soll. Vor mir baut sich eine Baustelle mit Totalsperrung auf. Denn leider zählt nur, wenn man die ganze Straße am Stück durchfährt. Oder eben die ganze Route am Stück durchklettert, ohne im Seil zu ruhen oder zu stürzen. Und genau das ist mir gerade bis zum  Ruhepunkt gelungen. Ich habe alle echten Schwierigkeiten von Jungle speed gemeistert, zum ersten Mal. Aber auf Grund des apokalyptischen Regens der letzten Woche ist der 7b - Ausstieg zur Kette ein Wasserfall. Unter normalen, trockenen Umständen würde man hier nicht mehr fallen, zudem da ich ja an einem super Rastpunkt hänge. Aber mit Wasserfall sind die kleinen Leisten der plattigen 7b leider nicht zu halten, und so muss ich aufgeben. Das ist doof, aber ok, wenn die Route die nächsten Tage dann hoffentlich trocken wird. Denn ganz so lange Zeit, wie ich einmal dachte, habe ich dann doch nicht mehr. Mehr als eine Woche sollte sich die Abreise nicht mehr verzögern.

 

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 Leist'n-Watsch'n - Oder doch lieber sanft zulangen ist bei Sarah in Mal ull (7c+) gefragt.