Züruck

Abenteuer, Gefahr, Strapazen und Gipfelsieg? - Von wegen! Klettern heute bedeutet gnadenloses Rumgehänge. Professional Chill-out am Beispiel eines typischen Klettertages.

Chill out Frühstück in Céüse
Carboloading à la francaise. Pancakes & Co in Céüse.

Von wegen! Klettern heute bedeutet gnadenloses Rumgehänge. Professional Chill-out am Beispiel eines typischen Klettertages.

7:30Uhr. So mancher Schwimmer ist jetzt schon Becken, so mancher Langstreckenläufer schon in den Laufschuhen. Auch mein Wecker klingelt. Ich muss zum Glück noch nicht zum Projekte knipsen an den Fels (nicht dass ich mich in eine Reihe mit Olympioniken stellen wollte, aber mit einer durchschnittlich 25-Stunden Kletterwoche – ganz zu schweigen von all dem Ergänzungstraining – in einer Nichtausdauersportart, sowie phasenweise professionellem Lebenswandel, sehe ich mich auf jeden Fall als Leistungssportler), vielmehr ruft die 8 Uhr Vorlesung. Leider bin ich erst seit sechs Stunden im Bett. „So wenig Schlaf kann sich ein Leistungssportler nicht erlauben“, denke ich mir und da die Vorlesung nicht anwesenheitspflichtig drehe ich mich wieder Richtung Freundin um.

10:30Uhr. So mancher Schwimmer ist noch immer im Becken, so mancher Langstreckenläufer vielleicht schon im Kraftraum. Auch ich mache mich bereit für die erste Einheit Frühsport. Zum Glück muss ich das Bett dafür noch nicht verlassen. 20min Rumpfmuskulatur. Macht mit Auf- und Abwärmen eine halbe Stunde Ausgleichstraining für den Trainingsplan.

11:00Uhr. So mancher Schwimmer ist jetzt vielleicht schon platt, ich dagegen bin noch taufrisch und super entspannt nach dieser leichten ersten Einheit. Zweiter Tagespunkt: Frühstück. Hier wird die Basis für die späteren Spitzenleistungen am Fels gelegt. Klettern ist eine Gewichtssportart. Auf gut deutsch heißt das: Wenn du einmal anfängst, deinem Körper nicht genug zu essen zu geben, wird er denken, es herrsche Knappheit und in Zukunft jede überflüssige Kalorie in Fett anlegen! Deshalb gilt es, diesen Eindruck beim Körper auf jeden Fall zu vermeiden. Kaffee, Croissant, Brötchen, Brötchen, Ei, Brötchen, Saft, Brötchen, Ei, Jogurt… Die Massage ist hoffentlich klar!

12:00Uhr. So mancher Schwimmer wäre nach dieser Einheit Carboloading längst gesunken. Auch ich fühle mich schwer. Ein Ei zuviel? Deshalb hänge ich vorsichtshalber nur im Schaukelstuhl auf der Terrasse herum. Da kann man nicht untergehen. Jetzt müssen wir erstmal aufs Eintreffen des restlichen Teams warten. Denn Klettern ist Teamsport. Wer hängt schon gern alleine rum? Noch ein bisschen Sonne auf den Bauch scheinen lassen und dann ist auch diese Aufgabe erledigt.

12:15Uhr. So mancher Schwimmer hat jetzt vielleicht grad Sitzung mit dem Trainer. Bei uns läuft es demokratischer ab. Teamsitzung. Die einzige relevante Frage, die zu klären gilt: Wo wird heute angerissen? Das kann dauern…

12:45Uhr. So mancher Schwimmer hätte längst alle Anweisungen für die nächste Woche vom Trainer erhalten. Demokratie dagegen ist träge. Nach dreimaliger Konsolidierung des Wetterberichts sind die hypothetischen Luftfeuchtigkeitswerte der umliegenden Spots ermittelt, geupdatet und gereupdatet. Die Wahl ist gefallen. Leider ist die Diskussion etwas zu kurz ausgefallen. Jetzt schon loszufahren, würde bedeuten, vor Beginn der guten Bedingungen vor Ort zu sein. Und dann geht man doch wieder ins Projekt, wenn es noch schmiert und macht sich die Haut kaputt. Deshalb noch eine zweite Runde Kaffee und vielleicht noch ein Brötchen.

13:15Uhr. So mancher Schwimmer wäre mal wieder im Becken. Auch wir haben die dritte Einheit des Tages auf dem Programm: mentales Training. Heute: Geduld. Geduld ist eine essentielle Stärke eines jeden Felskletterers. Während Wettkampfkletterer Leistung auf den Punkt bringen müssen, können wir den 100%-Tag für den Durchstieg so lange vor uns herschieben, wie wir wollen. Dafür aber braucht es Geduld. Heute üben wir das im schweizerischen Straßenverkehr. 60km/h in der Kolonne auf gerader Piste, aber zu viel Verkehr um zu überholen. Alltag bei den Eidgenossen. Aufgeputscht von zwei Kaffee und der Monstermotivation trotzdem immer wieder eine Herausforderung. 30min Frühsport, 60min Carbolaoding, 45min mentales Training, bereits 2:15 Stunden Ergänzungstraining.

14:00Uhr. So mancher Schwimmer muss sich ganz schön anstrengen, will er bis zu diesem Zeitpunkt bereits 2:15 Stunden Ergänzungstraining absolviert haben. Wir dagegen machen das mit links. Jetzt aber wird es richtig heftig. Vor uns stehen 30min Zustieg, die Hälfte davon geht es sogar bergauf. Doch wie immer zeigen wir den strammwadeligen Bergsteigern, was in sportlich schlanken Sportkletterbeinen steckt. Gemäß dem Prinzip Gazelle geht‘s im Stechschritt los. Zum Glück sind Seil und Getränke am Einstieg deponiert. Man will ja nicht zu viel Kraft lassen, die man nachher noch gebrauchen könnte.

15:00Uhr. Sogar so mancher Schwimmer hätte diese Strecke wirklich in 30min zurückgelegt, so mancher Langstreckenläufer in zehn. Wir dagegen wissen, wie man seinen Trainingsplan füllt und lassen uns Zeit. 60min Grundlagenausdauer bei moderater Intensität. Das ist moderner Leistungssport.

15:30Uhr. So mancher Schwimmer hätte hoffentlich langsam Feierabend. Wir führen diesen Begriff nicht in unserem Repertoire und legen richtig los (natürlich müssen die 30min Regeneration eingehalten werden!). Wir sind ja schon gut warm vom Zustieg, da reicht es, eine 7c nachzuschieben und schon ist der Körper bereit für Höchstleistungen. Die Sonne ist jetzt eine halbe Stunde aus der Wand, Wind ist aufgekommen, die Sicht ist klar, die Luftfeuchte also gering. Das sind die Conditions, bei denen es zuzuschlagen gilt, die Geduld hat sich gelohnt. Etwas Erholen noch von der Aufwärmroute, die Züge noch mal durchgehen, einen Schluck trinken, Liquid Chalk, einbinden, Schuhe schnüren, Jacke aus, T-Shirt auch, noch einmal tief durchatmen und die Hände an die Einstiegsgriffe legen. Jetzt fühle ich ihn live und direkt, den Grip. Noch ein wenig mehr Wind? „Das kann gehen, das reibt so übelst, das kann wirklich gehen!“ Zack, zack, zack – drei Züge 8abloc. Zehn Züge etwas leichter, aber sehr kraftraubend. Mein Puls auf 180 – erstmal versuchen ein bisschen an diesen miesen Griffen zu ruhen. Aber ich fühle mich gut, bis hierher ist es klar der beste Versuch bisher. Noch immer Wind. Perfekt! Ich merke, wie es hochkommt in mir. Der Glaube, dass es diesmal klappen kann. Dass ich es weghauen kann. Jetzt. Heute. Dass ich in fünf Minuten die Umlenkung klippe und mit meinem Jubelschrei erstmal die Murmeltiere in einem Kilometer Umkreis in Alarm versetze. Die Vorstellung vom Erfolg puscht immer noch ein bisschen mehr. Das sind die Reserven aus der Psychokiste. Ich verlasse den madigen Ruhepunkt – bloß nicht zu lange an so einem Mist schütteln! Unten feuern sie an: „Allez! Hau’s weg!“ 7c+bloc, weite Züge, schlechte Tritte. Das ist so scheiß hart, die Kraftreserven werden pulverisiert in solchen Passagen. Noch drei schwere Züge. Schnapper ins offene Loch. Er hält. Gerade so. Der Rand klemmt ab. Die Spannung ist raus, die Finger sind noch nicht ganz leer. „Allez! Allez! Vas-y!“ – Sie sehen, wie ich fighten muss. Dazu kreuzen. Umstellen. „Scheiße, der letzte Zug ist zu viel! Ich pack‘s nicht!“ – „Allez! Lass es dir nicht mehr nehmen!“ – jetzt brüllen sie alle zusammen. Die Zeit in Zeitlupe, schon mindestens drei Sekunden zu lange halte ich die Position. Es ist so knapp, es fehlt so wenig. Es fehlt zu wenig. Noch ein kleiner Schub. Ich spüre, wie mein Körper mir noch eine kleine Portion Strom von seinen eigentlich unantastbaren Reserven zuschiebt. Denn er spürt, dass ich es will. Und ich spüre, dass es genau die Portion Strom ist, die ich brauche für den letzten schweren Zug. „Yes, du kannst es. Das haust du weg!“ Eine letzte Körperwelle, ein letzter Schnapper. Ich hab ihn. Der Sloper ist nicht gut, aber den bügel‘ ich, wenn’s sein muss bis ans Ende aller Zeiten. Ich schiebe mich in die besseren Griffe, der Körper entspannt sich, kurz ein bisschen erholen. Unten Jubel. Jungs, ihr seid früh dran! Aber auch ich weiß, wenn ich jetzt keinen groben Fehler mehr mache, dann hab ich’s im Sack. Und dafür hab ich zu viel Routine. Acht Meter höher klippe ich die Kette: „Yiiiiiiiiiihhaaaaaaaaa!!!“

16:30Uhr. So ungefähr jeder Schwimmer und auch jeder Nichtschwimmer hätte sich wohl gedacht, was das denn für komische Typen sind, die da so ein Geschrei machen. Aber das gehört sich so im Teamsport. Ich hab jetzt eigentlich schon frei. Das Projekt direkt im ersten Versuch gepunktet. Aber vielleicht lässt sich ja noch eine 8b nachschieben. Erstmal jedoch mindestens 45min Pause, besser eine Stunde. Dass ist das schöne am Klettern, man hat immer viel Zeit, mit den anderen zu quatschen, rumzuhängen, zu essen oder ein Buch zu lesen. Gesichert werden will der Partner natürlich auch, aber wenn jeder nur Durchstiegsversuche macht, nehmen Klettern und Sichern höchstens 50% der Zeit in Anspruch. Werden Routen ausgebouldert kann dieser Anteil schon mal wachsen. Alle sind unter Dopamineinfluss, die Stimmung fast immer gut, die Leute eigentlich immer freundlich und hilfsbereit. Man macht nicht besonders viel – ein Ökonom würde bei soviel Unproduktivität wohl einen Koller bekommen – man ist einfach zusammen da und geht seiner gemeinsamen Passion nach. Hier ist einer der wenigen Orte, an dem Erwachsene noch ein normales Spielverhalten an den Tag legen, ein der wohl wenigen Orte, an dem so wenige Gedanken ans Outcome des ganzen Unterfangens verschwendet werden. Dies ist eine Subgruppe ohne Generalisierungsanspruch, aber die Welt ist hier wirklich ein bisschen besser.

21:00Uhr. So mancher Schwimmer lebt hoffentlich auch in einer bisschen besseren Welt. Und auch alle anderen leben hoffentlich manchmal in einer bisschen besseren Welt. Unsere Welt ist gut und schwarz, denn es ist Nacht. Wir sind zwar fertig mit klettern, sitzen aber noch um ein Räucherstäbchen versammelt am Einstieg, um den gelungenen Klettertag zu zelebrieren. Mit leichten Orientierungseinbußen, müssen wir also die letzte Aufgabe des Tages meistern. Im Dunkeln absteigen und das Auto finden. Aber wir kennen den Weg, wir sind ja öfter hier. Und einer von fünf hat auch meistens eine Lampe dabei. So kann es zwar ein bisschen länger dauern, aber nur schwer zu ernsthaften Verirrungen kommen.

22:30Uhr. So ziemlich jeder ernsthafte Schwimmer, der einen ordentlichen Trainingstag hinter sich hat, geht jetzt wohl schlafen. Hier muss jetzt erstmal eine Pastaschlacht für fünf organisiert werden. Doch auch das sitzt. Reine Routine. Carboloading, Gersten- oder Traubensaft, ein paar Kekse zum Nachtisch? Vielleicht noch auf eine Party? Naja, vielleicht, aber das Essen und die vielen Kekse machen müde. Und natürlich das professionelle Rumgehänge. Ist ja kein Ponyhof, das Leben eines Leistungssportlers…

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