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Rodellar - Hype um einen Spielplatz am Fuße der Pyrenäen

 

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 Na, wo liegt der Kletterer? - Die Gänsegeier sind eigentlich geanuso spektakulär wie die Felsformationen in Rodellar.

 

 

2 Fragen an Jeanne Garnier:

Jahrgang: 1989, Wohnort: Fribourg, Beruf: Medizinstudentin

 

Unverhofft kommt oft. Vielmehr kommt man oft, oder doch zumindest gelegentlich zu Rollen, die man zu füllen sich so weder erhofft noch erwartet hätte. So kommen also junge, vom Klettern eher nur gestreifte Damen, wie eben Jeanne, in die Verlegenheit, Lesern eines Buches über eben jenes Klettern Rede und Antwort stehen zu müssen. Man nennt dies Rollenironie. Und um direkt für etwas Polarität zu sorgen, werden wir als Gegenpart des landstreichenden Kletterlebens die paar Tage Kultur in Zaragoza stellen, die ja auch Teil des Programmes waren. Denn Jeanne würde ihre Rolle wohl doch eher im Gegenpart sehen, als in einem Leben, in dem Einfingerlöchern eine Hauptrolle zukommt.

 

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 Brünnlein, Brünnlein auf dem Platz, wer ist hier der hübscheste Spatz? - Schwer zu sagen bei so einer unruhigen Wasseroberfläche...

 

Oder irren wir uns da?

Nun ja, dafür, dass mich das Klettern angeblich nur streift, finde ich mich aber überdurchschnittlich oft in Situationen wieder, in denen ich entweder zum Sichern bestellt wurde oder auch selbst mal klettern sollte. So etwas passiert anscheinend wenn man sich auf engere Beziehungen mit Kletterern einlässt, erst recht solche, die sich im neunten Grad wohl fühlen und vor allem solche, die sich auch noch die Aufgabe aufhalsen, das europäische Klettern in Buchform darzustellen. Ob ich mir dieser Gefahr bewusst war oder nicht, inzwischen habe ich es schätzen gelernt, beim Packen eher auf die Stirnlampe als auf passende Outfits zu achten, auch wenn ich beim städtischen Interludium (Zwischenspiel, d.Red.) mich dann kaum aus dem Hotel traue. Ich leide von Natur aus dennoch lieber für neue Schuhe als an mangelnder Hornhaut, auch wenn dieses Phänomen hier nicht weiter vertieft werden soll.

Um nun aber trotzdem dem Autor zu widersprechen, muss ich hinzufügen, dass Klettern und Kultur sich wunderbar vereinen lassen und dass man sowohl jeden Kletterurlaub ausnützen sollte, um Gegend und Kultur zu erkunden, wie man natürlich auch, wenn man unbedingt darauf besteht, jedes sonstige Ferienziel nach potenziellen Felsriegeln abklappern kann.

 

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 Unwirklich rot!? -  Jeanne in Utopia (6c), der farbigsten Route des Gebiets.

Die Symbiose greift im Übrigen ja noch weiter. Jede Woche im Auto wohnen, ergibt, gemessen an einem durchschnittlichen Schweizer Urlaub, Einsparungen von bis zu 7 Paar Schuhen. Ist das Leben im Low Budget dann trotzdem noch lebenswert?

Absolut. Das Wichtigste dabei ist, das Gleichgewicht zu behalten. Einsparungen bringen auf Dauer auch nichts, wenn man die Möglichkeit nicht hat, sie gezielt wieder einzusetzen, sei es weil das Auto 15 Fahrstunden weit weg vom nächsten Laden geparkt ist oder weil man von einem wilden Tier gefressen worden ist. Also immer schön abwechseln!

 

 

 

Das Bonustagebuch:

 

18. April 2011

Der Spielplatz

Ich weiß es schon, bevor ich überhaupt den Ort und die Felsen gesehen habe: Rodellar hat eine grüne Seele. Zumindest um diese Jahreszeit und bei diesem Wetter. Ansonsten gibt es kein zumindest mehr, ansonsten ist alles grün, alles an Grün vertreten, was man sich nur vorstellen kann.

Wir nähern uns der Sierra de Guara erst von Norden, aus den Pyrenäen kommend, dann von Süden, um das letzte Tal nach Rodellar hinaufzufahren. Dieses liegt wirklich ganz am Ende, in einer 20 km langen Sackgasse. Der Himmel hängt tief, grau meliert ihn der kommende Regen, den man aber auch ohne viel Gespür für das Wetter erahnen kann. Die Getreidefelder sind weit und halten ihr sommerliches Gold noch dunkelgrün bedeckt, die Hecken und Bäume dazwischen tragen hellere Tracht. Es ist die erste Farbe, die sie im Verlauf des Jahres tragen, und zugleich ist es die kräftigste. Darüber hinaus gibt es nicht viel, an dem sich das Auge halten könnte. Die Besiedelung ist dünn, die Landschft wild, und dann, je höher man die Straße bergan fährt, tritt immer mehr Fels hervor. Rechterhand zeigt sich ein riesiger Canyon und schließlich das kleine Örtchen Rodellar auf einer Kuppe. Zuvor nochmals wenige grüne Felder, dann nur noch Schluchten, Felsen, Geier.

 

 

 

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 Für diesen Baum kommt jeder Regen zu spät...

 

Ich bin zum ersten Mal hier und kann jetzt, wo ich Roellar sehe, nicht mehr genau sagen, was ich mir vorgestellt hatte. Aber ich weiß, dass es etwas anderes war. Das Tal des Mascun gleich unter dem Ort, in dem die Sektoren liegen, ist lieblich, die Wände sind selten höher als 50m, überall Grotten, Überhänge und dazwischen der Fluss. Kleine Pfade, Flecken grüner Wiesen und dazu kreisende Geier. Irgendwie hatte ich es mir wilder, eindrucksvoller vorgestellt. Das Bild, der sich mir nun aufdrängt, ist das eines Spielplatzes. Heute sind wir nur zum Anschauen gekommen, aber da die Ostertage anstehen, regt sich in mir die Vorahnung, dass sich diese Spielplatzatmosphäre noch weiter verstärken wird. Die eines großen Spielplatzes inmitten einer dicht bebauten Stadt.

 

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 A muerte light - Im Gegensatz zu ihrer bekannten Namens-"Vetterin" in Siurana gibt es dieses A muerte für Manu Flores schon für 8a+/8b.

 

23. April 2011

Disneyland

Kalymnos, der König des Konsumkletterns, hat Konkurrenz bekommen: Rodellar. Es ist Ostern, in Spanien ostert es noch mehr, als es dies bei uns zu tun pflegt. Das kleine Tälchen des Mascùn, das sich mit all seinen Sektoren schmückt, hat sich in den besagten Spielplatz verwandelt. Überall Kletterer, Wanderer, Canyonisten. Und dieser eigentlich so liebliche Ort trägt die Zeichen all seiner Besucher: Speck auf den Griffen, Urin in den Büschen, Trampelpfade breit wie Forststraßen. An den aus Reihen von Trittsteinen bestehenden Flussübergängen bilden sich Staus, vor den leichten Routen ebenfalls. Der Ort kann wenig dafür, denn er ist definitiv schön, er macht es den Besuchern aber auch sehr leicht: Enge Hakenabstände, kurze Zustiege, softe Bewertungen. Es mag herablassend klingen, aber man kommt sich vor wie in einem Freizeitpark. Bleibt zu hoffen, dass sich der Andrang nach den Feiertagen etwas legt. Obwohl mich normalerweise belebte Sektoren wenig stören - ich mag die Atmosphäre dort gerne – ist das hier l doch ein wenig too much.

 

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 Gettho español - Zaragoza hat ganz verschiedene Seiten: Eine maurische, christliche, die Expo 2008-Seite und auch diese.

 

30.April 2011

Bye bye, motivation!

Wir sind nun knapp zwei Wochen hier, es liegt sich wunderbar in der Sonne, die Fotos werden schön, der Teint ebenso, aber klettern, ja klettern, das will ich irgendwie nicht mehr. Bisher komme ich auf vielleicht 20 Routen, ein paar 8b+ in zwei oder drei Versuchen, eigentlich erfreuliche Leistungen, aber irgendwie kann ich mich nicht mehr festbeißen. Es zieht mich nicht mehr in die ganz schweren Routen, meine Gedanken kreisen nicht mehr um den Erfolg, nur noch selten packt mich das Feuer, mit dem ich sonst zum Fels gehe. Ich frage mich warum, denn ich wäre ja gerne das, für was ich mich selber halte, auch wenn ich es die letzten Wochen immer weniger bin: Ein motivierter, starker Kletterer.

 

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 Das abendliche Ende von zwei Tagen Regen.

 

Gut, ich habe mich am Knie ein wenig verletzt, beim Hooken kracht es, Dachrouten sind damit gestrichen. Okay, es ist warm, der Grip nicht perfekt, aber das müsste er bei vielen Routen auch gar nicht sein, denn sie haben große Griffe. Einverstanden, ich habe ein wenig zugenommen, nach der Hungerkur in der Kälte Siuranas hat mein Körper Reserven angelegt. Aber all das kann es nicht allein erklären. Vielmehr fühle ich mich nicht mehr ausgelastet mit Klettern, klettern und noch eimal klettern. Seit Monaten verbringen wir immer zwei, drei Wochen in einem Gebiet, ich könnte immer ein, zwei 8c+ oder 8c mache., Aber das einzige, was mich noch reizt, ist etwas richtig Schweres, für das ich hier keine Zeit habe. Ich träume von Bouldertraining, um meine vernachlässigte Maximalkraft wieder aufzubauen, ich träume von 9a+ - Projekten in der Schweiz, wo ich ab Herbst wieder studieren werde, ich träume von unserem Buch, von weiteren vielleicht, aber von keiner einzigen Route hier.

Ich glaube, wir haben das gleiche Schema zu oft wiederholt, ich bin ein wenig müde vom Reisen, ich habe Lust auf Sesshaftigkeit und festere Strukturen, habe Lust das Klettern nicht an erster Stelle in meinem Leben zu sehen. Ich glaube fast, dass ich besser klettere, wenn das nicht das Einzige ist, das ich mache. Und das ist eine wichtige Erkenntnis für mein Ich, mein ganzes Leben, dass Klettern ein wunderbarer Sport ist, ein Geschenk. Aber nicht die Erlösung.

Ich glaube, meine Motivation ist verflogen, um mich davon zu erlösen, mich nur über Kletterleistung zu definieren. Irgendwie bin ich dafür dankbar…

 

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 Große Dächer vor großer Kulisse - Hannes hat in Mal de amores (8a+) neben ordentlich Muskelmasse auch den Barranco de Mascun im Rücken.

 

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Insel aus Mohn - In unreifem Getreide.
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