Neustes Video

Sardegna Bouldering - Tafoni, millions of boulders and Brigante Onesto (8B)

Zum Video...

Alle Videos...

Neustes Video

Sardegna Bouldering - Tafoni, millions of boulders and Brigante Onesto (8B)

Zum Video...

Alle Videos...

Züruck

Achtmal 9a und schwerer – von Adam Ondra zum Programm für 2017

Von Adam Ondra zum Programm für 2017

„Unclimbable!“ Adam ruft aus hält inne und versucht dann weiter. Jetzt schon eine halbe Stunde lang. Ich sichere. Von hinten bläst der Föhn. Seine Füße baumeln unweit meiner Mütze. 6 Grad. Perfekter Grip. Vor einer knappen Stunde hat er Chromosome Y geflasht und bestätigt. 9a. Das war vier Meter rechts und eine Route weiter. Später wird er das, was er gerade quadratzentimeterweise nach einer kletterbaren Möglichkeit absucht, Transcription nennen und den gleichen Ausstieg wie zuvor in Chromosome Y wählen. Geändert haben wird sich also im Grunde „nur“ der Einstiegsboulder. Die ersten sechs Meter. In Chromosome sind das 13 Züge über rechts und ein 8A+/8B Boulder, der mit einem schlechten halben Rastpunkt in eine 7B-Traverse mündet. Neun Züge sind es direkt über Transcription. Und ja, bislang: Unclimbable!

 

 adam ondra, chrmosome y, 9a, charmey, la tribune, flash
 Adam flasht Chrmosome Y. Von unten kommt Transcription ins Bild.

 

Eine weitere halbe Stunde später hat sich das geändert. „9a+!“ Heißt jetzt die Divise. Dieser erste Boulder, der auch mir bislang zu schwer (für mich) erschienen war, und der einmal der eigentliche Einstieg zu Meiose, 9b, hätte sein sollen, ist nicht nur sack schwer, er teilt auch die Welt der Kletterer ziemlich scharf in zwei Kategorien. Trennlinie stellt die Dicke der Fingerendgelenke dar. Der Kalk hier ist bombig und von einem feinen vertikalen Riss durchzogen, der sich immer wieder zu Seitleisten und zweimal auch zu einem Loch öffnet. In diese beiden Löcher hat es Adam in der letzten halben Stunde nun geschafft, irgendwie seine recht beträchtlichen Fingerendgelenke zu versenken und zwar gleich so, dass es richtig passt. „It really locks!“ Und Abriegeln ist beinahe Pflicht, denn die Wand 45° steil, die Tritte schlecht und die Griffe an der Crux alle in einer Linie. Klippen muss man außerdem auch noch.

Noch einmal eine halbe Stunde Ausbouldern und die Methode steht.

Jetzt darf ich. So motiviert war ich wohl noch nie. Was nicht extrem viel hilft, klettern kann ich auch so nicht mehr als die Einzelzüge, und den schwersten davon auch nur einmal. Aber immerhin. Mein Problem ist aber vor allem: Meine im Vergleich zu Adam geradezu mädchenhaft schlanken Finger klemmen nicht sehr gut ab. Und dann tut dieses Loch, das wir beide mit links ansteuern, einfach unglaublich weh. Irgendein Dorn im Inneren drückt voll auf die Kapsel. Keine Ahnung wie Adam da eine Stunde dran hängen konnte. Ich ziehe mich zurück und lege das gute Stück gedanklich ad acta. Zu schmerzhaft, zu viele schwere Moves hintereinander (neun), zu heftig für die Haut. Vor allem aber: Zu viele andere Projekte.

Adam ist wieder dran und haut es weg. Er muss kämpfen, kommt aber durch. „9a. Upper end.“, sagt er als er unten ist.

 

adam ondra, chrmosome y, 9a, charmey, la tribune, flash, pirmin bertle 
 Im Ausstieg von Transcription.

 

„Okay.“, denke ich. Man muss sich dieses gedachte Okay lang und von Zweifel wie von einer dicken Schicht Zuckerguss überzogen vorstellen. Cabane au Canada, A muerte, Jungle Speed und dergleichen wurden von Adam alle als 9a bestätigt, auch wenn sie vermutlich alle ziemlich lower end sind. Nur liegt zwischen diesen für südländische Verhältnisse sogar als hart geltenden Routen (Dani Andrada zu Jungle Speed: „Very, very strong!“) und Transcription doch mindestens ein, wenn nicht zwei halbe Grade. Vor allem wenn man den krassen Liegfaktor für Leute mit richtig dicken Gelenken berücksichtigt. Ich könnte jetzt mindestens drei 8c+ Routen aus der Feder Nicole in der Gegend aufzählen, die fünf halbe Grade leichter sind als das hier. Aber ich tue es nicht.

Stattdessen sichere ich bis in die Nacht hinein praktisch ohne Unterbrechung weiter. Der 14. Dezember 2014 geht zu Ende.

Seit diesem Tag ist viel Zeit vergangen. Transcription wurde nicht wiederholt. Auch nicht versucht. Ich war noch einmal drin, nur um mich zu überzeugen, dass ich noch immer nicht ordentlich im Loch verklemme und es immer noch höllisch weh tut.

Doch dann – wir schreiben schon beinahe das Jahr 2017 – kam ein junger, fitter Berner, Alexander Rohr, und sah sich das gute Stück einmal an. Er brachte seine Finger gar nicht erst in das besagte Loch, konnte dafür am nächsten Zweifingerstecker darüber fast frei hängen, so massiv sind seine Fingerendgelenke. Den idealen Liegfaktor verfehlt also auch er. Seine Variante ist zwar innovativ, ein Zug geht aber gar nicht. Das ist ein Nachteil im Rotpunkt.

 

alexander rohr, jansegg, a mourir, 8c, jaun 
 Endlich Nachwuchs in der Schweiz und sogar in Charmey und hier dem Jansegg. Alex Rohr in A mourir, 8c.

 

Ich hörte mir das alles an und dachte mir: „Jetzt, wo ich in Charmey nur noch im Urlaub bin, werde ich sicherlich kein weiteres Fass für das anstehende neue Jahr aufmachen. Erst recht kein solches Kaliber.“ Offene Fässer nämlich umringen mich zurzeit wie sonst nur einen Vinzer im Jahrhundertsommer. Zwei Projekte in der Schweiz: La cène du lézard im Jansegg, deutlich schwerer als die Stamm-9a+ und also wohl 9b. Und Les Fruits du Rapport in Charmey, 9a plus 14 Züge 8a+ ohne Rastpunkt direkt im Anschluss, also sicher auch 9a+. Dazu zuhause im wiederentdeckten Kochel: Black Flag direct, 9a+, Heim nach Afrika, 9a+, From Dought to Confidence, 9a, Walk the plank, 9a, Marsupulami, 9a.Danach kann ich zum Klettern aufhören.

Danach bin ich alt.

Les Fruits du Rapport allerdings, in der ich in dieser Weihnachtsurlaubswoche bei schönstem Winter-Schneelos-Wetter eigentlich schon recht gut, also mit einem Hänger im Seil, unterwegs bin, hat mir die Haut geschrottet und jetzt müsste ich mit Tape rein. Aber so crazy Sachen mach ich nicht mehr. Dann ist man nur schlechter als beim letzten Mal und das ist nicht gut für den Kopf. Dann lieber gar nicht in der Route trainieren und stattdessen was anderes oder überhaupt nicht klettern. Gar nicht kommt allerdings angesichts des Nebels im Tal und oben-ohne-Klettern in Charmey nicht wirklich in Frage. Es gäbe auch noch zwei andere schwere Linien, die ich versuchen könnte, aber in der einen fehlt noch ein Haken und die andere ist 45m lang. Da schicke ich doch lieber noch einmal meine Finger durch den Fleischwolf. Transcription also.

Wenige Minuten später ist im Grunde bereits alles klar. Der schwerste Einzelzug bleibt so haarscharf möglich, dass er im Rotpunkt nur mit viel Arbeit machbar werden könnte. Und Zeit für bzw. Lust auf viel Arbeit in Charmey habe ich näherer Zukunft nicht. Also runter? Oder noch mal ein bisschen umstecken? Wie meine Tochter mit einem Baustein-Spielzeug von IKEA. Wenn die eine Hand nicht ordentlich passt, dann vielleicht die andere, die Rechte? Gar nicht schlecht, zwickt nicht, verriegelt super! Der Zug rein, mit links an sich schon sehr schwer, ist auch ein bisschen gnädiger. Dazu noch ein Toehook? Jetzt könnte ich aus dem nächsten Loch mit links sogar diesen dritten Haken klippen!? Dieses ist zwar für meine Finger etwas zu groß ist – aber man kann ja nicht alles haben. Bislang war der Klipp ein Ding der Unmöglichkeit, von Adam aber so durchgeführt und also Teil der Bewertung. Danach ein bisschen nach rechts und schon bin ich auf der originalen Methode der Route.

Vor meinem inneren Auge entwirrt sich ein DNA-Strang. Unraveled.

 

ralf grabowski, kochel, rocky, walk the plank, 9a 
 Eines der Projekte in Kochel. Ralf Grabowski in Walk the plank, 9a, Rockywand.

 

Und so fühlt es sich auch an. Nicht, dass das Ganze jetzt irgendwie leicht wäre, der Toehook alleine, den man sonst gar nicht braucht, ist schon ziemlich schwer zu legen und pressig wie sau ist es immer noch. Aber eben deutlich möglicher. Und habe die freie Wahl ob ich oben nach links, wie Transcription, nach rechts in One way to get it unraveled, 8c, oder gleich direkt durch die Mitte in Meiose hinein will. Wäre vielleicht allerdings ein bisschen sehr schwer.

Egal welcher Ausstieg, 2017 auf jeden Fall ist aufgestellt. Eine noch unbestimmte Anzahl Monate dieses frisch geschlüpften Jahres werden wir ohnehin auf Reisen verbringen, für den Rest ist klettertechnisch gesorgt. Vier 9a, drei 9a+, eine 9b. Fehlt nur noch die ultimative Form dafür. Im vergangenen halben Jahr habe ich mich mit nur noch einem Tag Fels pro Woche eher etwas zu sehr selbst aufgehängt zwischen meinen zahlreichen Säcken. Viel häufiger habe ich Garten gebouldert. Gleichzeitig tendieren aber die meisten der angestrebten Linien Richtung Kraftausdauer, 8A+ oder schwerer sind nur die drei oder vier schwersten Einzelstellen in ihnen. Alles trainingstechnisch also nicht so leicht unter einen Hut zu bringen, schließlich beißt Laktat bekanntlich Maximalstrom aus.

Will ich wirklich Fässer schließen in den nächsten Monaten, müssen diese Unstimmigkeiten ausgeräumt werden: Weniger Bouldern, mehr an den Fels, von 70 Kilo zurück zu 67 und keine neuen Fässer anrühren! Dann könnte es ein abgefahrenes Jahr werden. Nicht nur wegen Südamerika…

 

 torres del paine, laguna amarga
 Südamerika...

Züruck